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27.04.2015

14:12 Uhr

PR-Desaster der Marseille-Kliniken

199,20 Euro für eine Frage zur Middelhoff-Kaution

VonKai-Hinrich Renner

Die Hamburger Marseille-Kliniken glauben, eine neue Einnahmequelle entdeckt zu haben: Die PR-Abteilung des Unternehmens wollte einem „Spiegel“-Journalisten Geld für die Beantwortung seiner Frage abknöpfen. Der lehnte ab.

Eine Presseanfrage zu seiner Kaution sorgt für Wirbel. dpa

Thomas Middelhoff

Eine Presseanfrage zu seiner Kaution sorgt für Wirbel.

HamburgGemeinhin wird der Erfolg einer Pressestelle am Image des Unternehmens gemessen, für das sie tätig ist. Genießt eine Firma einen guten Ruf, kann ihre PR-Abteilung so viel nicht falsch gemacht haben.

Thomas Middelhoff: Landgericht wartet weiter auf Middelhoff-Kaution

Thomas Middelhoff

Landgericht wartet weiter auf Middelhoff-Kaution

Noch immer sind die knapp 900.000 Euro Kaution für Thomas Middelhoff nicht beim Landgericht Essen eingegangen. Der Ex-Arcandor-Chef bleibt weiter in Haft. Doch ein Klinikbetreiber könnte ihm bald helfen.

Bei den in Hamburg ansässigen Marseille-Kliniken ist die Öffentlichkeitsarbeit aber nicht nur für die Reputation des Pflegeheim-Betreibers verantwortlich. Sie muss neuerdings auch richtig Geld verdienen.

Und das geht so: Journalisten, die von dem Unternehmen eine Auskunft erbitten, bekommen ein „Kostenangebot“ für ihre Anfrage. In einem Anschreiben wird ihnen mitgeteilt, dass die Kostenstellen der Firma „seit letztem Jahr“ entsprechend ihres Aufwandes „fakturieren“ müssten.

So erhielt auch der „Spiegel“-Redakteur Gunther Latsch statt einer Antwort vergangene Woche einen Kostenvoranschlag. Er hatte von den Marseille-Kliniken wissen wollen, ob es zutreffend sei, dass sie die Kaution für den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff gestellt haben.

„Für die Beantwortung der Anfrage, Recherche“ sowie die „ Auswertung von Unterlagen“ veranschlagte das Unternehmen 148 Euro. Zudem berechnete es eine „Schreibgebühr“ von 20 Euro. Inklusive Mehrwertsteuer ergab sich ein Gesamtpreis von 199,20 Euro, den die Firma offenbar als ausgesprochen günstig erachtete. Man habe „entgegenkommender Weise nur die Mindestsätze unserer Preisliste veranschlagt“, heißt es in einem Begleitschreiben an Latsch.

Statt zu zahlen schaltete der Redakteur das Justiziariat seines Hauses ein. Ein Justiziar ließ die Marseille-Kliniken wissen, dass man nicht gewillt sei, eine Gebühr zu entrichten. Etwaige „Nachteile“ die aus der Weigerung resultierten, die Anfrage des „Spiegel“ kostenfrei zu beantworteten, gingen „allein zu Ihren Lasten“.

Die besten Zitate von und über Thomas Middelhoff

Hintergrund

Als sich Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff 2014 vor dem Essener Landgericht wegen des Vorwurfs der Untreue verantworten musste, fielen einige denkwürdige Sätze. Eine Auswahl.

Die Katze auf dem heißen Blechdach

„Ich bin wie die Katze übers Dach. Ich musste drei Meter tief auf eine Garage springen und dann noch einmal drei Meter auf die Straße.“
(Middelhoff über seine filmreife Flucht vor Fotografen nach einem Termin bei einem Gerichtsvollzieher in Essen Ende Juli, bei dem er seine Vermögensverhältnisse hatte offenlegen müssen)

Apocalypse Now

„Das ist wie ein apokalyptischer Traum.“
(Middelhoff zu Pfändungsversuchen von Gläubigern am Rande seines Untreue-Prozesses vor dem Essener Landgericht)

Arbeit, Arbeit, Arbeit

„Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer.“
(Middelhoffs Gattin Cornelie Middelhoff als Zeugin vor Gericht zur Arbeitsbelastung ihres Mannes)

Das fliegende Büro

„Das war ein fliegendes Büro für ihn.“
(Ein früherer Mitarbeiter Middelhoffs als Zeuge vor Gericht zu den umstrittenen Charterflügen seines Ex-Chefs)

Stau

„Stau war das Schlimmste für ihn.“
(Der langjährige Fahrer des Managers als Zeuge vor Gericht)

Der Schaden des Thomas M.

„Mir und meiner unternehmerischen Tätigkeit ist großer Schaden zugefügt worden.“
(Middelhoff zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn, die er als „uferlos“ und „unverhältnismäßig“ empfindet)

Von Gott gegeben

„Ich habe mich nie als Controllerin meines Chefs gesehen.“
(Eine ehemalige Sekretärin des Managers, die sagte, sie habe Middelhoffs Entscheidungen als „gottgegeben“ hingenommen.)

In seinem namentlich nicht unterzeichneten Antwortschreiben vertritt das „Presseteam der Marseille-Kliniken AG“ eine ganz erstaunliche Rechtsauffassung: „Wir bieten Ihnen ausdrücklich unsere Dienstleistung an, damit Sie Ihre Berichterstattung über Herrn Middelhoff verkaufsfördernder gestalten können“, heißt es dort. Noch einmal wird auf den angeblich günstigen Preis hingewiesen: Es handele sich quasi um ein „Sonderangebot“.

Ein weiteres Entgegenkommen sei aber nicht möglich. Der Vorstand der Marseille-Kliniken würde sich „möglicherweise gegenüber den Aktionären aus dem Gesichtspunkt der Untreue schadensersatzpflichtig“ machen, „wenn er Leistungen ohne Entlohnung herausgibt“.

Der „Spiegel“ hat am Wochenende seine Meldung zur Middelhoff-Kaution ohne eine Stellungnahme der Marseille-Kliniken publiziert. Auf eine Anfrage des Handelsblatts zu seiner Pressepolitik reagierte das Unternehmen nicht. Auf ein Angebot der Marseille-Kliniken, nur gegen Gebühr zu antworten, wäre Handelsblatt.com allerdings auch nicht eingegangen.

Middelhoff im Gefängnis: Es geht um Recht, nicht um Rache

Video: Middelhoff im Gefängnis: Es geht um Recht, nicht um Rache

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Kommentare (11)

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Herr Benedikt Latz

27.04.2015, 15:46 Uhr

Na ja, was ein Aufreger...die Kliniken sind ja keine Charity Einrichtung, und offensichtlich hat deren PR Abteilung eingesehen, dass die Geschichte nicht unbedingt imagefördernd ist? Ich sehe das als neue Differenzierung: Es gab schon immer (kostenlose) Mitteilungen der PR Offices, falls darin ein Nutzen gesehen wurde, und es gab komplette Ablehnung von Anfragen, falls die Geschichte problamtisch werden würde. Interessanter Ansatz, einen vermuteten Imageschaden irgendwie durch eine konkrete Einnahme zu kompensieren. Ich sehe es eher als Gag, man hätte auch kommentarlos ablehenen können, und Keiner hätte sich aufgeregt. Das Interessante an der Geschichte ist eigentlich, dass sie im "Handelsblatt" kommt - man sollte doch wenigstens hier Verständnis vermuten dafür, dass jede "Leistung" ihren Preis hat? Liebes Hb-Team, denkt mal drüber nach - in eurer ganzen Kette bis zum Leser hält jeder die Hand auf (zu Recht). Außer dem, der die Infos liefert?
Ich bin wirklich kein Kommentar"troll", aber bei dieser Ironie habe ich mich extra registriert, um zu kommentieren - sehr witzig!
Nix für ungut, ich mag (und lese) euch weiterhin...

Frau Harriet Lemcke

27.04.2015, 17:27 Uhr

Professionelle Unternehmenskommunikation sieht anders aus. Ganz offenbar fehlt es in dieser Hinsicht an der entsprechenden Kompetenz. Oder es sagt viel über die Unternehmenskultur der Marsaille Kliniken aus.
Eine Pressestelle sollte den Dialog mit den Medien fördern und jene mit den notwendigen Informationen versorgen und nicht - wie in diesem Fall - die Reputation eines Unternehmens gefährden. Eine Preisliste für Auskünfte vorzuhalten und dann auf Nachfrage noch auf das Sonderangebot hinzuweisen - das zeugt davon, dass professioneller Kommunikation in diesem Unternehmen kein sonderlich hoher Stellenwert beigemessen wird.
Ein Blick auf die Unternehmenswebseite genügt, um festzustellen, dass die letzte Pressemitteilung aus dem Sommer 2014 stammt und ein Ansprechpartner für Medienvertreter nicht benannt wird.

Die Marseille-Kliniken haben nicht nur in punkto Pressearbeit und Reputationsmanagement versagt, sie könnten auch bald gute Beratung in der Risiko- und Krisenkommunikation bitter nötig haben.

Herr Peter von Frosta

27.04.2015, 18:41 Uhr

Endlich tut jemand etwas gegen die unerträgliche Kostenlosmentalität der Presseverleger und ihren Zeilenschindern. Das war lange überfällig!. Es ist zu hoffen, daß nun alle Unternehmen, aber auch Sportvereine, Parteien, Gewerkschaften und alle anderen, die bisher still unter dem Schnorrerjournalismus litten, die Bezahlschranke herunterlassen. Und für das Büffet wird ab sofort auch bezahlt! Hier ist Marktwirtschaft!
Für diesen Kommentar liquidiere ich Euro 50. Kontonummer folgt!

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