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04.10.2013

08:15 Uhr

Prospekt veröffentlicht

Mit tiefroten Zahlen geht Twitter an die Börse

VonMartin Dowideit

Für seinen Börsengang hat der Kurznachrichtendienst Twitter die Bücher geöffnet. Der Umsatz macht riesige Sprünge, doch der Verlust ist zuletzt gewachsen. Die Hoffnung: Twitter will unverzichtbarer Lebensbegleiter sein.

Twitter

An die Börse trotz tiefroten Zahlen

Twitter: An die Börse trotz tiefroten Zahlen

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DüsseldorfOb Bundestagswahl, Olympische Spiele oder ein „Tatort“: Im Kurznachrichtendienst Twitter wird von Medien und Jedermann live kommentiert, auf Entwicklungen hingewiesen, Fotos und Videoschnipsel hochgeladen. Bei der Verfolgungsjagd vor dem US-Kapitol am Donnerstag machte in den ersten Minuten das Foto einer Journalistin Furore. Sie hatte einen Polizisten auf den Stufen des Kapitols fotografiert, der sich liegend mit einem Gewehr in Stellung gebracht hatte – verbreitet hatte sie es über Twitter.

Kaum ein Medium ist bei sich entwickelnden Ereignissen so nah dran wie der Dienst mit dem zwitschernden Vogel im Logo. Das Selbstbewusstsein über diese Stärke hat Twitter dazu gebracht an die Börse zu gehen. Auf etwa zehn Milliarden Dollar (7,4 Milliarden Euro) wird der Wert des gesamten Unternehmens geschätzt. Zunächst sollen Anteilsscheine im Wert von einer Milliarde Dollar an den Mann gebracht werden. Einen genauer Termin für den Börsengang steht nicht im Prospekt, aber Ende November gilt als wahrscheinlich..

Was die Investoren anlocken soll, ist die große Reichweite: Laut des am Donnerstag vorgelegten Börsenprospekts hat Twitter mehr als 215 Millionen aktive Nutzer pro Monat, 100 Millionen nutzten den Dienst sogar täglich, „und das annähernd weltumspannend“, hieß es. Sie schrieben rund 500 Millionen Kurznachrichten („Tweets“) pro Tag - das sind die berühmten maximal 140 Zeichen lange Nachrichten. Natürlich verbirgt sich darunter auch viel „Spam“, also aus unlauteren Motiven versendete Meldungen – etwa von dubiosen Werbetreibenden.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Wer Twitter nutzt, abonniert die Tweets, die andere über den Dienst verbreiten (etwa das Handelsblatt unter twitter.com/handelsblatt) und erhält diese im Web-Browser oder in einer App auf dem Smartphone oder Tablet angezeigt. Geld verdient Twitter, in dem es in diesen Nachrichtenstrom Anzeigen in Form beworbener Tweets einstreut, auf die Nutzerkonten bestimmter Absender hinweist oder gesponserte Schlagworte in die Top-10 der meistdiskutierten Themen einblendet.

Bislang bringt das pro Aufruf der persönlichen Nachrichtenliste („Timeline“) durch einen Nutzer gerade einmal 0,08 Cent an Einnahmen. Doch das läppert sich mittlerweile. Im Jahr 2010 hatte Twitter erst 28 Millionen Dollar eingenommen, 2011 waren es 106 Millionen Dollar und im vergangenen Jahr dann 317 Millionen. Und Twitter wächst weiter: Im ersten Halbjahr diesen Jahres hat das Unternehmen bereits 254 Millionen Dollar Umsatz gemacht. Das Problem: Von einem Gewinn ist noch nichts zu sehen. Kumuliert ist seit Firmengründung im Sommer 2006 ein Verlust von 419 Millionen Dollar angefallen.

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