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23.11.2012

16:45 Uhr

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Merkel bedauert FTD-Aus

Nun ist es offiziell: Die Financial Times Deutschland wird zum 7. Dezember eingestellt. Viele Größen aus Politik und Medien bedauern das Aus des Wirtschaftsblattes - darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Zeichen der Solidarität: Vor dem Verlagshaus Gruner + Jahr tragen viele Mitarbeiter eine lachsfarbene Schleife. dapd

Zeichen der Solidarität: Vor dem Verlagshaus Gruner + Jahr tragen viele Mitarbeiter eine lachsfarbene Schleife.

HamburgDas ehrgeizigste jüngere Zeitungsprojekt in Deutschland ist Geschichte: Der Hamburger Verlag Gruner+Jahr stellt die Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" (FTD) nach zwölf verlustreichen Jahren ein. Die "FTD" erscheine am 7. Dezember zum letzten Mal, bestätigte G+J am Freitag das Scheitern des deutschen Ablegers der renommierten britischen Zeitung. Voraussichtlich mehr als 360 Stellen fallen weg. Seit der Gründung habe das Blatt kein einziges Mal Gewinne erzielt, sagte Julia Jäkel, Chefin von G+J Deutschland. "Vor diesem Hintergrund sehen wir keinen Weg, die FTD weiter zu betreiben." Zu den ersten, die sich zur Einstellung des Blattes äußerten, gehörte Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Das ist ja schlimm für Sie nach so vielen Jahren", sagte sie einem "FTD"-Redakteur, der den Satz über Twitter verbreitete und trocken anmerkte: "In der Tat."

Überraschend kommt das Ende der Zeitung nicht, die ebenso wie die britische Schwesterblatt auf lachsrosa Papier gedruckt wird. Anfang der Woche beschloss der G+J-Vorstand, die Finanzzeitung wegen der fehlenden wirtschaftlichen Perspektive einzustellen - allein dieses Jahr dürften Verluste von zehn Millionen Euro anfallen. Am Donnerstag besiegelte dann auch der G+J-Aufsichtsrat das Ende der Zeitung. Damit fordert die Zeitungskrise in Deutschland in diesem Herbst bereits ihr zweites prominentes Opfer. Die linksliberale "Frankfurter Rundschau" meldete in der Vorwoche Insolvenz an. Auch die Pleite der mit großen Plänen expandierenden Nachrichtenagentur dapd hatte zuvor die deutsche Medienlandschaft erschüttert.

Gruner + Jahr startete vor 50 Jahren mit Wirtschaftsmedien

1962

Das Magazin „Capital“ kommt heraus. Es versteht sich als Generalist und informiert über Unternehmen, Geldanlage, Steuern und Immobilien. Im Jahr der Finanzkrise 2008 wurde es von 14-täglicher auf monatliche Erscheinungsweise umgestellt. Im 3. Quartal 2012 wies das Heft im Vergleich zum Vorjahreswert stabil knapp 165 000 verkaufte Exemplare aus. Die sogenannte harte Auflage - sie umfasst Abonnement und Einzelverkauf - ist nach Berechnungen des Branchenfachdienstes „Horizont“ im Berichtszeitraum um 8,2 Prozent zurückgegangen.

1987

Das Anlegermagazin „Börse Online“ informiert über Anlageformen von Aktien bis Zertifikaten. Gebeutelt von Börsenturbulenzen und Rückzug der Anleger aus den Finanzmärkten hat die Auflage gelitten. Im 3. Quartal wies das Heft 57 681 verkaufte Exemplare aus (minus 18,6 Prozent). Auch die harte Auflage ging zweistellig zurück (minus 19,5 Prozent).


2000

Die lachsfarbene Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“ (FTD) erscheint. Das in Hamburg produzierte Blatt wendet sich an Entscheider in Politik und Wirtschaft und private Kapitalanleger. Ein Novum war, dass die Redaktion im Newsroom (Großraumredaktion) das Blatt mit dem täglichen Online-Angebot verknüpfte. Die „FTD“ hatte zuletzt eine verkaufte Auflage von 102 101 Exemplaren, aber auch eine rückläufige harte Auflage (Horizont: minus 8,9 Prozent).

2008

Gruner + Jahr zieht Konsequenzen aus der weltweiten Finanzkrise und absackenden Werbeerlösen. Der Verlag konzentriert seine Wirtschaftstitel komplett in Hamburg. Die Standorte Köln und München werden geschlossen. Alle Titel werden von März 2009 an von einer Redaktion am Verlagssitz Hamburg herausgegeben. Rund 330 Mitarbeiter arbeiten für die G+J-Wirtschaftstitel.

Nach Ansicht von Mitarbeitern hat die Verlagsführung entscheidende Fehler gemacht. "Die haben die FTD seit Jahren nicht richtig vermarktet, das konnte im harten Zeitungsgeschäft nicht funktionieren", sagte eine Redakteurin. Sie erhalte von Lesern, Journalisten von anderen Zeitungen und Unternehmen großen Zuspruch. "Es ist unglaublich, ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt, Kondolenz-Emails und Anrufe zu beantworten", sagte sie. Auch neue Jobangebote seien dabei. Mitarbeiter der Zeitung verteilten am Hamburger Verlagsitz Trauerschleifen. "Heute ist der Tag, an dem wir lachsfarbene Schleifen am Revers tragen", schrieb "FTD"-Redaktion über Twitter.

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Bedauern, aber auch Kritik äußerten die Männer der ersten Stunde. "Das ist eine sehr traurige Nachricht. Es war eine sehr gute Zeitung mit exzellenten Journalisten. Viele von ihnen haben es verdient, einen neuen Job zu finden", sagte FTD-Gründungs-Chefredakteur Andrew Gowers zu Reuters. "Die Welt hat sich geändert." Um aus der "FTD" eine erfolgreiche Online-Zeitung zu machen, sei es zu spät gewesen. G+J hätte sich dafür viel früher ein Konzept überlegen müssen. "Man kann das nicht von einem auf den anderen Tag machen", sagte Gowers. Der Brite hatte die "FTD" im Jahr 2000 mitgegründet und war bis 2001 ihr Chefredakteur, bevor er in gleicher Funktion zur "Financial Times" zurückkehrte.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

23.11.2012, 17:23 Uhr

Die haben eines ihrer Propagandablätter verloren.

Die Leser haben entschieden. Demnächst entscheiden die Wähler. (Hoffentlich) lol

itstk

23.11.2012, 17:37 Uhr

Dem kann ich nur zustimmen.

Hatte auch die FTD ursprünglich im täglichen Pressespiegel. Aber irgendwann ist mir deren linientreues Geschmalze so nachhaltig auf den Geist gegangen, daß die sang- und klanglos 'rausgeflogen sind.

Account gelöscht!

23.11.2012, 18:08 Uhr

"Totgesagte leben länger" ... lesenswerter Artikel zum Thema:
http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/5531-zeitungssterben-in-deutschland

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