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09.05.2017

13:51 Uhr

Republica 2017

Die unheimliche Macht der Algorithmen

VonJohannes Steger, Nora Sonnabend

Alle reden über Algorithmen, die aber kaum greifbar sind. Wie funktionieren sie eigentlich? Und wie werden sie in Zukunft unser Leben bestimmen? Eine Spurensuche auf der Digitalkonferenz Republica in Berlin.

Wie werden Algorithmen in Zukunft unser Leben bestimmen? Ein Thema auf der Digitalkonferenz in Berlin. Imago

Republica 2017

Wie werden Algorithmen in Zukunft unser Leben bestimmen? Ein Thema auf der Digitalkonferenz in Berlin.

Berlin„300.000.000 freie Stunden verbringen Menschen täglich auf Facebook.“ Beeindruckend und anschaulich beschreibt Vladan Joler, Direktor der Share Stiftung und Vorsitzender des Lehrstuhls für Neue Medien im serbischen Novi Sad, den Einfluss des sozialen Netzwerks auf das persönliche Leben des Einzelnen. Rund zwei Milliarden Menschen nutzen Facebook. Daraus ergibt sich eine unendliche Masse an Daten, die die Nutzer dem Zuckerberg-Imperium liefern – und aus denen wiederum ein unglaublich vielschichtiger Algorithmus entsteht, der die Nutzer beeinflusst.

Ein Algorithmus, über den viel gesprochen wird, der aber kaum greifbar ist. Auch auf der Republica und der parallel zur Digitalmesse stattfindenden Media Convention in Berlin sind Algorithmen eines der beherrschenden Themen. Grundsätzlich sind Algorithmen eine Handlungsanweisung, die zur Lösung eines Problems führt. Im analogen Leben wäre das etwa ein Backrezept – eine Anleitung für das „Problem“ Kuchen.

In der digitalen Welt gestaltet sich das häufig sehr viel komplexer. Experten wie Vladan Joler versuchen, Algorithmen zu illustrieren - im wahrsten Sinne des Wortes: Joler und sein Kollege Djorde Krivokapic projizieren eine Visualisierung an die Wand, die aussieht wie eine riesige Landkarte mit zahlreichen kleinen Orten und nahezu unübersehbaren Nebenstraßen. Und dennoch bleibt sowohl der Vortrag als auch die anschließende Diskussion sehr abstrakt. Was macht es so schwer, Algorithmen zu durchdringen? Und woher kommt die Angst vor ihnen? Eine richtige Antwort darauf weiß Joler auch nicht.

Seine Darstellung zeigt zunächst die Verbindungen, die der Facebook-Algorithmus erfasst und nutzt. Vom Musikgeschmack eines Nutzers über seine politische Ausrichtung bis hin zu seiner sexuellen Orientierung. Doch was soll man damit anfangen? „Ich bin müde“, sagt Joler resigniert. Er habe Monate damit verbracht, diese Zusammenhänge überhaupt abzubilden – nun sollten sich andere damit beschäftigen.

Diese Art von Resignation als Antwort auf die Macht von Algorithmen stört Julia Powles. Es sei naiv, nur besorgt zu sein, ob Algorithmen etwa Wahlausgänge beeinflussten – sie beeinflussten unser tägliches Leben. „Facebook ist inzwischen das Internet“, sagt Powles. Die Wissenschaftlerin vom Technologie-Campus der Cornell University in New York forscht zum Verhältnis von Technologien und Recht, zu Daten und Privatsphäre. Es geht ihr um Datenschutz, Schutz des geistigen Eigentums und Mechanismen, die diesen Schutz sicherstellen. Außerdem würde in aktuellen Diskussionen immer wieder außer Acht gelassen, dass jeder selbst eine Rolle bei der Entwicklung von Algorithmen spiele – es gehe nicht bloß um technische Kniffe und Programmierungen. Ohne Nutzer gibt es nun mal keine Daten.

Doch was sind eigentlich diese Algorithmen? Jura-Professor Frank Pasquale von der Maryland University gibt folgende Erklärung: Ein Algorithmus sei eine Ansammlung von Schritten, die Eingaben in Ergebnisse umwandelt – zum Beispiel Daten in eine Auswertung, so Pasquale: „Es könnten zum Beispiel Schritte sein, um Wasser, Zucker, Mehl und Eier in einen Kuchen zu verarbeiten. Das Problem: Bei einem Kuchen wissen wir, was ein guter und was ein schlechter Kuchen ist“. Bei Algorithmen ist das schwieriger. Schließlich wüssten Menschen nie, was dahinter stecke, sagt Pasquale.

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Die Netzkonferenz Republica hat begonnen: In Zeiten von Fake-News und Hass suchen Besucher und Redner nach Möglichkeiten, die digitale Welt wieder zu einem besseren Ort zu machen – und ringen um Lösungen.

Bei Entscheidungen über Kreditwürdigkeit zum Beispiel bleibt der Mensch außen vor. Denn es gibt Ausnahmefälle: Kann ein Algorithmus den kurzfristigen Zahlungsausfall nach dem Tod eines Angehörigen berücksichtigen? Wie sehr zählen mentale oder körperliche Gesundheit bei der Berechnung einer entsprechenden Bewertung im Gesundheitssystem?

Solche Bewertungen seien wie Urteile und deshalb bräuchte es Schutz, meint Pasquale: „Ein Algorithmus kann keine genauen Aussagen darüber treffen, wie zuverlässig oder klug jemand ist.“ Erschreckend sei zudem, dass viele dieser Algorithmen Betriebsgeheimnisse seien und man deshalb nie erfahre, wie sie urteilten: „Es ist die Willkürjustiz des 21. Jahrhunderts – eine mittelalterliche Methode, die keinen Platz in einer modernen demokratischen Gesellschaft haben sollte.“

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