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05.07.2012

11:52 Uhr

Research in Motion

So will Blackberry aus der Krise kommen

Das neue Blackberry-Modell verzögert sich, der Aktienkurs sinkt, Kunden verlieren das Vertrauen: RIM kämpft ums Überleben. Konzernchef Thorsten Heins verrät nun, mit welch radikalen Maßnahmen er die Wende schaffen will.

Das Blackberry 10 steht unter keinem guten Stern: Statt im Herbst soll es erst Anfang 2013 erscheinen. dapd

Das Blackberry 10 steht unter keinem guten Stern: Statt im Herbst soll es erst Anfang 2013 erscheinen.

Düsseldorf/OttawaThorsten Heins ist um seinen Job nicht zu beneiden. Erst kürzlich verkündete der neue Chef des kanadischen Smartphone-Herstellers Research in Motion (RIM) den ersten Quartalsverlust seit 2004. Der deutsche Manager muss 5000 der 16.000 Stellen abbauen. Und er musste zugeben, dass der neue Hoffnungsträger des Konzerns, das Betriebssystem „Blackberry 10“, das im Herbst auf den Markt kommen sollte, wegen technischer Probleme erst Anfang 2013 marktreif ist.

Der Niedergang des Blackberry-Herstellers und einstigen kanadischen Nationalstolzes ist atemberaubend. Die RIM-Aktie - einst 150 Dollar wert - liegt jetzt bei sieben Dollar. Doch Heins gibt sich im Interview mit dem Handelsblatt kämpferisch. „Wir müssen schlanker und effizienter werden, wir haben neue Manager eingestellt - auch Turn-around-Spezialisten“, sagte Heins im Exklusiv-Interview mit dem Handelsblatt.

Blackberry-Chef: „Ich habe schon mal besser geschlafen“

Blackberry-Chef

„Ich habe schon mal besser geschlafen“

Der Blackberry-Hersteller steht vor dem Umbruch. RIM-Chef Thorsten Heins erklärt im Interview, wie die Mitarbeiter mit den Veränderungen umgehen, wie die Kehrtwende aussieht und warum Qualität über Schnelligkeit geht.

„Das Wichtigste in dieser Lage aber ist Offenheit.“ Das Management bleibt vom Konzernumbau nicht verschont: „Wir nehmen auch ganze Führungsebenen heraus“, erklärte Heins seine Strategie.

Weltweit schauen Manager auf den erst 54-jährigen Deutschen, ob ihm die Wiederbelebung der einstigen Kultmarke Blackberry gelingt. Was die Voraussetzung für einen erfolgreichen Turn-around ist, können sich die RIM-Sanierungsexperten an namhaften Vorbildern abschauen.

Beispiel Porsche: Anfang der 90er-Jahre stand der Sportwagenhersteller wegen einer verfehlten Modellpolitik vor dem Aus. Der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking flexibilisierte die Produktion, gab unrentable Modelle wie den Porsche 928 auf und machte das Unternehmen mit neuen Autos wie dem Geländewagen Cayenne zum rentabelsten Autohersteller der Welt.

Der Niedergang von Research in Motion

Ein Schatten seiner selbst

Vier Jahre sind eine Ewigkeit in der schnelllebigen Welt der Kommunikation. Im April 2008 bewegte sich der Blackberry-Hersteller auf einer scheinbar unaufhaltbaren Erfolgswelle. Im Bereich Innovation gebe man sich bei RIM "nur mit dem Besten zufrieden", verkündete der damalige RIM-Chef Mike Lazaridis.

Wichtige Trends verschlafen

Doch vier Jahre später muss der jetzige Konzernchef Thorsten Heins gestehen: "Ich bin der Erste, der zugibt, dass RIM wichtige Trends in der Smartphone-Industrie verpasst hat." RIM hat den Trend zu berührungsempfindlichen Bildschirmen verpasst. Außerdem vernachlässigte RIM die zentrale Rolle des Internets auch für Smartphones.

Die Gründer

RIM ist Kanadas bekanntestes Unternehmen. Erfolgsgarant war fast 20 Jahre lang das Duo Mike Lazaridis und Jim Balsillie. Unter ihrer Führung war RIM von einer kleinen Technologiefirma zu einem globalen Akteur aufgestiegen. Der in Istanbul als Sohn griechischer Eltern geborene Mike Lazaridis war der Technikfreak, der 1984 mit seinem Studienkollegen Douglas Fregin RIM als ein Dienstleistungsunternehmen gegründet hatte, das sich auf die drahtlose Datenübermittlung konzentrierte.

Wie es zum Namen „Schwarzbeere“ kam

1992 schloss sich Jim Balsillie, der in Toronto und Harvard Wirtschaft und "Business Administration" studiert hatte, RIM an. Er steckte 250 000 Dollar in das Unternehmen, das 1997 an die Börse ging und ein Jahr später die erste "Schwarzbeere" (Blackberry) als Handcomputer auf den Markt brachte.

Die Innovation

Um E-Mails zu empfangen, musste man nicht mehr am Computer sitzen oder seinen Laptop hochfahren. E-Mails werden mit einer Push-Technologie auf den Blackberry weitergeleitet. 2004 war ein "Markstein", als die Zahl der Kunden eine Million erreichte. 2008 waren es bereits 14 Millionen, heute sind es 78 Millionen Abonnenten.

Mythos verflogen

Der Blackberry war Kult. Aber dieser Mythos ist verflogen. Anfang des Jahres mussten Lazaridis und Balsillie ihre Posten räumen. Der frühere Siemens-Manager Thorsten Heins übernahm - und ist seitdem vor allem der Überbringer schlechter Nachrichten. Zuletzt meldete der Konzern einen Quartalsverlust von 518 Millionen Dollar.

Verzögerte Wende

Der Umsatz war im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent auf 2,8 Milliarden Dollar eingebrochen. Die Aktie - einst 150 Dollar wert - liegt derzeit bei sieben Dollar. Rund 5000 der weltweit etwa 16.000 Mitarbeiter müssen gehen. Und noch schockierender für die Investoren: Das Betriebssystem Blackberry 10, mit dem die Wende gelingen sollte, wird nicht im Herbst, sondern erst Anfang 2013 auf den Markt kommen. Der Grund: technische Probleme.

Für eine erfolgreiche Kehrtwende müsse sich ein Unternehmen rigoros von unprofitablen Geschäftsfeldern und Produkten trennen, sagt Walter Bickel, Deutschland-Chef der Restrukturierungsberatung Alvarez & Marsal, dem Handelsblatt: „Für alles, was mittelfristig keinen Profit verspricht, gilt: dichtmachen oder verkaufen!“

Wenn es wie bei RIM keine verschiedenen Geschäftsfelder gebe, sei es umso wichtiger, Kunden durch technische Innovationen im Kerngeschäft zu überzeugen. „Produktinnovation oder ein neuartiges Geschäftsmodell sind elementar für einen erfolgreichen Turn-around“, sagt Max Falckenberg von der Unternehmensberatung Roland Berger.

Wie man mit Innovationen zum Erfolg gelangt, hat Apple gezeigt: Nach seiner Rückkehr revolutionierte Gründer Steve Jobs den Musikmarkt mit dem iPod und einem Onlineshop. Danach machte Jobs mit dem iPhone und dem iPad Apple zum wertvollsten Konzern der Welt. Einen erfolgreichen Wandel hat IBM vorgemacht, das vom Großrechner-Produzenten zum IT-Dienstleister wurde.

Zentrales Element bei einem Turn-around ist Vertrauen: „Eine Unternehmenskrise ist immer auch eine Vertrauenskrise“, sagt Berater Falckenberg. Financiers werden unruhig, Kunden fragen, ob sie in einem halben Jahr noch Ersatzteile bekommen, Zulieferer zweifeln an der Zahlungsfähigkeit. Gerade an Vertrauen mangelt es RIM derzeit. Falckenberg sagt, eine Sanierung dauere im Schnitt zwei Jahre. Die Frage ist nur, ob Kunden und Investoren so lange Geduld mit RIM-Chef Heins haben.

Blackberrys Jagd auf das iPad

Video: Blackberrys Jagd auf das iPad

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Kommentare (7)

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Account gelöscht!

05.07.2012, 12:45 Uhr

RIM fehlt die Liebe zu ihren Produkten. Ihnen fehlt das Vertrauen in die eigenen Produkte - wie sollen dann andere Vertrauen bekommen.


Account gelöscht!

05.07.2012, 13:14 Uhr

Kann ich nur unterstreichen!
Man muß ja nicht gleich Apple sein, aber ein bißchen "Liebe" zum Produkt gehört dazu!

Account gelöscht!

05.07.2012, 13:18 Uhr

Als ich vor einem JAhr einen begeisterten Manager kennengelernt habe der mir das Ding zeigte, hab ich mich gefragt obs nicht besser wäre den Typen zu entlassen. Sorry aber Blackberry kommt mir vor wie ein Telefon mit Schnur und Wahlscheibe.

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