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01.05.2014

08:58 Uhr

Revolution bei Facebook

Zuckerberg entdeckt die Vorteile der Privatsphäre

VonAxel Postinett

Facebook-Chef Zuckerberg revolutioniert sein soziales Netzwerk: Bald wird es möglich sein, sich in Facebook-Apps anzumelden, ohne seine wahre Identität preisgeben zu müssen. Nutzen zieht das Unternehmen daraus dennoch.

New YorkFacebook-Chef Mark Zuckerberg wird sentimental. Und er entdeckt die Privatsphäre wieder. So wird es bald möglich sein, sich in Facebook-Apps mit seiner Facebook-ID anzumelden, ohne seine wahre Identität preisgeben zu müssen. Gut für die Nutzer, aber natürlich auch für Facebook. Denn am Ende weiß Facebook intern doch wieder mehr über Verhalten und Vorlieben als je zuvor.

Es ist eine dramatische Wende für ein soziales Netzwerk, das vehement gegen Tarnnamen-Konten vorgeht und  die letzten Feinheiten des Lebens seiner Nutzer und seiner sozialen Kontakte erschnüffeln will. Die Erfolge von Angeboten mit hoher Privatsphäre wie dem Fotodienst Snapchat, oder Netzwerken wie Whisper oder Secret und die Gefahren für Facebook, sind aber offenbar nicht an CEO und Gründer Mark Zuckerberg vorbeigegangen. Die Menschen wollen ihr privates Leben im Web zurück, jedenfalls manchmal.

Facebooks Weg zum Weltkonzern

Vorläufer Facemash

Als Student an der Harvard-Universität programmiert Mark Zuckerberg mit mehreren Kommilitonen 2003 die Plattform facemash.com. Dort präsentiert er zwei zufällig ausgewählte Fotos von Harvard-Studentinnen – die Nutzer sollen über die Buttons „hot“ oder „not“ die attraktivere auswählen. Weil Zuckerberg die Bilder illegal beschafft hat und das Projekt massive Protesten auslöst, wird es nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

„Thefacebook" geht online

Mark Zuckerberg und seine Mitgründer eröffnen im Februar 2004 „Thefacebook“. Es handelt sich um die Online-Version der gedruckten Jahrbücher. Das Konzept wird bald auf andere Universitäten ausgeweitet und verbreitet sich schließlich weltweit. Zwei von Zuckerbergs Kommilitonen klagen später mit dem Vorwurf, er habe ihnen die Idee für Facebook gestohlen. Der Streit wird im Jahr 2011 mit einem Vergleich beigelegt, die Kläger Tyler und Cameron Winklevoss erhalten 65 Millionen US-Dollar.

Der Newsfeed rückt ins Zentrum

Zweieinhalb Jahre nach der Gründung stattet Zuckerberg die Social-Media-Plattform mit dem Newsfeed aus – also mit einer Chronik, die alle Neuigkeiten aus dem Freundeskreis eines Nutzer anzeigt. Zuerst geht ein Aufschrei durch die Facebook-Gemeinde, die Mitglieder fürchten um ihre Privatsphäre. Doch der Amerikaner hält an seiner Idee fest und schließlich entwickelt sich Newsfeed zum zentralen Element von Facebook. Das Design der Nachrichtenchronik wird seitdem ständig überarbeitet, seit 2012 findet man dort auch Werbung.

Daumen hoch für Facebook

Im Februar 2009 führt Facebook den „Gefällt mir“-Knopf ein. Damit können Nutzer zeigen, dass ihnen etwas gefällt und dafür sorgen, dass sie bestimmte Nachrichten in ihren Newsfeed gespeist bekommen. Inzwischen hat das Symbol eine popkulturelle Bedeutung erlangt.

Profitabel dank Sandberg

Im März 2008 gibt Facebook bekannt, Sheryl Sandberg als Chefin fürs Tagesgeschäft (COO) von Facebook einzustellen. Der Auftrag der Harvard-Absolventin und ehemaligen Google-Managerin ist klar: Sie soll Facebook profitabel machen, was ihr zwei Jahre später auch gelingt. 2012 wird sie vom Time-Magazin in die Liste der 100 einflussreichsten Personen aufgenommen.

Umzug im Großformat

Mehr als 2000 Mitarbeiter beschäftigt Facebook im Juli 2011 – und allmählich werden die überwiegend angemieteten Gebäude in Palo Alto zu eng. Das Online-Unternehmen wird auf der Suche nach einer neuen Zentrale wieder im Silicon Valley fündig: Auf dem ehemaligen Campus des Computerherstellers Sun Microsystems stehen Mark Zuckerberg und seinen Mitarbeitern neun Gebäude auf knapp 24 Hektar zur Verfügung. Weil Facebook kurz zuvor 1,5 Milliarden Dollar von seinen Investoren eingesammelt hat, kann es sich den Umzug problemlos leisten.

Instagram und Whatsapp

Die bis dato größte Investition tätigt Mark Zuckerberg im April 2012: Für eine Milliarde US-Dollar schluckt Facebook das Start-Up Instagram. Das Unternehmen hatte eine gleichnamige App entwickelt, mit der man Fotos bearbeiten und teilen kann. Mit der Übernahme weicht Zuckerberg erstmals von seiner bisherigen Philosophie ab, die nur ein soziales Netzwerk für alle Nutzer vorsah. 2014 bewältigt Facebook eine weitaus größere Übernahme: Die Instant-Messaging-App Whatsapp kostet insgesamt 19 Milliarden Dollar.

Erst hui, dann pfui, dann hui

16 Milliarden US-Dollar an nur einem Tag – so viel Geld spült der bis dato größte Börsengang eines Internet-Unternehmens am 18. Mai 2012 in die Kasse von Facebook. Obwohl Experten einen deutlichen Anstieg des Kurses vorausgesagt hatten, bricht der Wert der Aktie dramatisch ein. Bis August 2012 halbiert sich der Ausgabepreis von 38 Dollar. Erst ein Jahr später wird dieser Wert wieder erreicht – danach steigt die Aktie in ungeahnte Höhen.

Jeder siebte bei Facebook

Im September 2012 verkündet Mark Zuckerberg stolz, dass Facebook die Marke von einer Milliarde Mitglieder geknackt hat. Rein rechnerisch ist somit jeder siebte Mensch der Welt bei dem sozialen Netzwerk angemeldet. Dabei haben die rund 1,3 Milliarden Einwohner Chinas bisher noch nicht einmal offiziellen Zugriff auf Facebook. Die Mitgliederzahlen steigen weiter, wenn auch langsamer als früher.

Geschäftsmodell überzeugt Anleger

Facebook reagiert auf die zunächst schlechte Entwicklung der Aktie: Das Unternehmen setzt alle Hebel in Bewegung, damit die Werbung in dem sozialen Netzwerk einträglicher wird, sowohl auf dem Desktop als auch auf mobilen Geräten – mit Erfolg. So gelingt es auch, die skeptischen Anleger zu überzeugen. Die Facebook-Aktie steigt im Oktober 2015 auf mehr als 100 Dollar.

Angesichts des zehnten Geburtstags von Facebook und seinem eigenen kommenden 30sten gerät Zuckerberg ins Grübeln:  „Mein Ziel für unsere Kultur in den nächsten zehn Jahren ist es, eine Kultur der Liebe für die Menschen aufzubauen, denen wir dienen“, sagte er zur Eröffnung der Entwicklerkonferenz f8. Diese Kultur solle „genau so stark oder sogar noch stärker als die Kultur des „Hacking“ bei Facebook“ sein. Die „Hackerkultur“ bisher habe sich auf Facebook selbst konzentriert. Jetzt werde sich die Kultur auf die Menschen konzentrieren.

Die App erfährt nichts über den Nutzer und dessen Freunde

Große Worte. Älter werden, bedeutet offenbar ruhiger werden. Zuckerberg, der selbst vier Häuser rund um sein eigenes Privathaus in Palo Alto aufgekauft hat, um mehr Privatsphäre für sich und seine Frau zu haben, will auch seinen über 1,3 Milliarden Nutzern etwas mehr Anonymität gönnen. Der größte Schritt: Wer einfach nur mal eine App ausprobieren will, ohne dass das jeder gleich mitbekommen soll, kann dies jetzt völlig anonym machen. Ein schwarzer Anmeldeknopf statt es bekannten blauen, zeigt den Status „Anonym“ an. Die App erfährt nichts über den Nutzer oder über dessen Freunde.

Eine Entwicklung, die natürlich auch den App-Anbietern zugute kommt. Sie gibt Facebookern zusätzliche Sicherheit und Vertrauen, einfach nur mal eine App zu laden, ohne sich große Gedanken machen zu müssen. Für Zuckerberg, der öffentlich immer wieder betont hat, Privatsphäre ist ein Auslaufmodell und wer sich im Internet nicht zu erkennen geben will, der habe wohl etwas zu verbergen, ein radikaler Wandel. Unvergessen auch Zuckerbergs Anzeigensystem Beacon, das sich 2009 zu einem Privacy-Alptraum entwickelt hatte. Plötzlich bekamen Freunde ungefragt mitgeteilt, was jemand in Webshops gekauft oder ich bei Online-Videoseiten angeschaut hatte.

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