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16.11.2012

09:57 Uhr

Rezension

Der Kampf der Deutschen mit „digitalen Dämonen“

VonChristof Kerkmann

Die Deutschen sehen Technologie zu skeptisch, warnt der Microsoft-Manager Ralph Haupter. Mit einem Buch will der frühere Chef der Deutschland-Tochter Vertrauen schaffen. Einige Beiträge sind allerdings äußerst flach.

Microsoft-Manager Ralph Haupter will das Vertrauen in die Technologie stärken. dpa

Microsoft-Manager Ralph Haupter will das Vertrauen in die Technologie stärken.

Düsseldorf„Der digitale Dämon“ – ein solcher Buchtitel klingt nach einer eindringlichen Warnung vor den Gefahren des Internets, angesiedelt irgendwo zwischen den Bestsellern „Digitale Demenz“ und „Die Datenfresser“. Doch das Cover mit den Teufelshörnern auf dem Buchstaben Ä kommt deutlich reißerischer daher als der Inhalt: Der Herausgeber Ralph Haupter, hochrangiger Manager beim Software-Riesen Microsoft, will mit der Aufsatzsammlung eine Diskussion anstoßen. Sein Ziel: Das Vertrauen in die Technologie und somit auch das Geschäft des Konzerns zu stärken.

Von einem Dämon ist denn im Buch auch kaum die Rede, eher von einem Paradoxon: „Die Menschen bejubeln den Fortschritt, aber fürchten ihn auch“, sagte Haupter im Gespräch mit Handelsblatt Online. Und die Deutschen seien im Vergleich zu anderen Nationen besonders skeptisch, hat Haupter beobachtet. Bis zum Sommer hatte er die deutschen Microsoft-Geschäfte geführt, jetzt hat er im China-Geschäft das Sagen.

„Wir wollen Vertrauen für Cloud-Dienste und Web-Anwendungen generell fördern“, sagt Haupter. Das geschieht nicht ganz uneigennützig: Der Microsoft verdient zwar nach wie vor am meisten mit seinem Betriebssystem Windows und den Büro-Programmen der Office-Reihe. Der US-Konzern ist aber selbst ein großer Cloud-Anbieter geworden. In der „Wolke“ können Firmen und Privatleute gewaltige Datenmengen hinterlegen und von überall auf der Welt abrufen. Wenn die Nutzer aber den Diensten nicht vertrauen, lassen sich diese schlecht vermarkten.

Vor- und Nachteile des Cloud Computing

Kosten

Wenn ein Unternehmen seine Kundendatenbank nicht im eigenen Rechenzentrum pflegt, sondern einen Online-Dienst wie Salesforce.com nutzt, spart es sich Investitionen in die Infrastruktur. Die Abrechnung erfolgt außerdem zumeist gestaffelt, zum Beispiel nach Nutzerzahl oder Speicherverbrauch. Geschäftskunden erhoffen sich dadurch Kosteneinsparungen.

Skalierbarkeit

Wer Speicherplatz im Netz mietet, kann flexibel auf die Nachfrage reagieren und den Bedarf unkompliziert und schnell erhöhen oder versenken. Wenn beispielsweise ein Startup rasant wächst, fährt es einfach die Kapazitäten hoch. Somit fallen auch niedrige Fixkosten an.

Einfachheit

Die Installation auf den eigenen Rechnern entfällt. Damit lässt sich ein neues System äußerst schnell einführen. Auch die Updates bereiten keine Probleme mehr, somit sinkt der Administrationsaufwand. Allerdings lassen sich die Cloud-Dienste in der Regel auch nicht so individuell konfigurieren.

Ortsunabhängigkeit

Zur Nutzung der Cloud-Dienste benötigen Mitarbeiter lediglich einen Internetanschluss – unabhängig von ihrem Aufenthaltsort und dem Gerät, das sie nutzen.

Sicherheit

Die Daten-Dienstleister werben damit, dass sie sich intensiver mit der IT-Sicherheit beschäftigen als einzelne Nutzer oder Unternehmen. Allerdings sind die Rechenzentren der Cloud-Anbieter aufgrund der große Datenmenge auch ein attraktives Ziel für Angreifer von Hackern. Auch Geheimdienste zeigen großes Interesse. Zudem ist von außen schwer nachzuvollziehen, ob der Anbieter die Daten ausreichend vor den eigenen Mitarbeitern schützt. Die Auslagerung bedeutet somit einen Kontrollverlust.

Abhängigkeit

Viele Unternehmen sind von ihrem Dienstleister abhängig, weil sie nicht ohne weiteres zu einem anderen Anbieter wechseln können. Das liegt etwa daran, dass sie ihre Systeme aufwendig an die Schnittstellen anpassen müssen. Auch Nutzer haben oft Schwierigkeit, wenn sie mit ihren Daten den Anbieter wechseln wollen. Eine weitere Frage: Was ist, wenn der Betreiber eines Dienstes pleite geht? Erst wenn es Standards gibt, die den Wechsel von einem zum anderen Dienstleister ermöglichen, sinkt die Abhängigkeit.

Für das Buch, das diese Woche erschienen ist, haben diverse Autoren in die Tasten gegriffen (oder ihre Mitarbeiter in die Tasten greifen lassen): Wissenschaftler, Unternehmens- und PR-Berater, Politiker, Unternehmer, Journalisten und ein Blogger.

Positiv: Die Autoren reden dem Software-Konzern nicht nach dem Mund. Der IT-Sicherheitsexperte Sandro Gaycken fordert beispielsweise, dass Unternehmen gesetzlich verpflichtet werden müssen, Cyber-Spionage und Sabotage zu melden – nur so werde die Aufmerksamkeit auf die dringenden Probleme gelenkt. Die Technologiebranche beschwört bei solchen Forderungen immer gerne das Bürokratiemonster herauf.

Kommentare (2)

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svebes

16.11.2012, 12:34 Uhr

immer dieselbe Leier, kaum jubelt man nicht sobald eine Amibude halb ungetestete Ware auf dem Consumermarkt wirft bedeutet ds sofort Techonologiefeind. Es hat sich bewährt erst mal genauer zu schauen, zu testen und die Notwendigkeit des "Upgrades" mit den eigenen Bedürfnissen abzugleichen. "Cloud" gibts schon länger, nur nicht in diesem Hypenamen. Warum man da speziell aus Securerityhinsicht mit amerikanischen Unternehmen vorsichtiger ist dürfte wohl jedem einleuchten. Zu gerne sind da Progrämmchen zum Wohle, Nutzen und Schutz des Users eingebaut, die auch als drastischer Eingriff in die Privatsphäre verstanden werden können. Aber halt, das verstehen wir technologiefeindichen Deutschen wieder nur nicht richtig ;-)

Diegos_Fontana

19.11.2012, 14:48 Uhr

Dieses Buch kommt passend. Nachdem wir das Horrorjahr 2012 bald hinter uns haben will man jetzt über Sicherheit diskutieren und warum es nicht so schlimm ist wie man meinen könnte.

Was wurde dieses Jahr nicht alles gehackt, von Sony bis Amazon, und wie haben wir darüber erfahren? Monate später erst dürfen Kunden auf kleinen Blogs im Netz nachlesen dass ihre Daten vermutlich seit Monaten, in einem Fall sogar 3 Jahren, womöglich Hackern in die Hände gefallen sind.

Und was machen die traditionellen Medien? Entweder verstehen sie zu wenig davon oder reden den Unternehmen, die mit ihren Cloud Diensten heftig Datamining betreiben und mit unseren persönlichen Daten ungefragt Geld machen, nach dem Mund.

Und dann kommen solche Manager daher, lassen ein Buch schreiben das nur die Inkompetenz einiger Beteiligter aufzeigt (Herr A.Fischer, schämen sie sich nicht?), und wollen uns die Angst vor tragisch dilettantisch geführten Cloud Diensten (siehe Sony) nehmen?

Das kommt gerade richtig.

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