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06.02.2015

11:19 Uhr

Rocket Internet kauft sich bei Delivery Hero ein

Samwer-Brüder werden zu Lieferhelden

Rocket Internet wettet auf das Geschäft mit der Essenszustellung. Die Start-up-Schmiede der Samwer-Brüder investiert eine halbe Milliarde Euro in Delivery Hero. Die Aktie schießt in die Höhe.

Die Rocket-Internet-Chefs haben einen neuen Deal abgeschlossen und 30 Prozent von „Delivery Hero“ gekauft. Reuters

Peter Kimpel, Alexander Kudlich und Oliver Samwer

Die Rocket-Internet-Chefs haben einen neuen Deal abgeschlossen und 30 Prozent von „Delivery Hero“ gekauft.

BerlinDie Start-up-Schmiede Rocket Internet investiert kräftig in das Online-Geschäft mit Lebensmitteln und Essenslieferungen. Die Berliner Firma kauft sich für fast eine halbe Milliarde Euro bei der Plattform Delivery Hero ein und investiert in diverse Unternehmen. Dieses Segment sei der „nächste bedeutende Wachstumsmarkt im E-Commerce“, erklärte das Unternehmen in seiner Mitteilung. Bisher werde nur ein geringer Anteil über das Internet abgewickelt.

Für 496 Millionen Euro übernimmt Rocket Internet einen Anteil von 30 Prozent an der Plattform Delivery Hero. Diese bietet in 24 Ländern – in Deutschland unter dem Namen Lieferheld – die Möglichkeit, Essen in Gaststätten über das Internet zu bestellen und geliefert zu bekommen. 2014 übernahm das Unternehmen auch den deutschen Marktführer pizza.de.

Nach eigenen Angaben ist Delivery Hero in 24 Ländern aktiv und hat 90.000 Restaurants als Partner. „Die Transaktion bestand aus dem Erwerb von Anteilen von bestehenden Gesellschaftern sowie einer Kapitalerhöhung“, hieß es in der Pressemitteilung (PDF-Datei) des Konzerns, den die Internet-Investoren Oliver, Marc und Alexander Samwer kontrollieren.

Das Samwer-Imperium

Die Brüder

Marc (Jahrgang 1970), Oliver (1973) und Alexander (1975) wuchsen in Köln auf; sie studierten in Köln, Vallendar, Oxford und Harvard Rechtswissenschaft, BWL und VWL. Heute arbeiten sie in München und Berlin.

Die Beteiligungen

Die Brüder agieren über den Fonds Global Founders Capital (GFC) der den European Founders Fund (EFF) 2013 ersetzte und das mittlerweile börsennotierte Unternehmen Rocket Internet. Der 150 Millionen Euro schwere GFC ist ein Wagniskapitalgeber, der weltweit als Investor auch die Gründung kleiner Unternehmen die nicht im Fokus von Rocket Internet stehen unterstützen soll; Rocket ist der sogenannte Inkubator, also die Beteiligungsgesellschaft, über die die Samwers in Neugründungen von Internet-Start-ups investieren. Über den GFC halten die Samwers auch die Mehrheit an Rocket Internet.

Rocket Internet ging am 2. Oktober 2014, einen Tag nach dem mit Mitteln der Beteiligungsgesellschaft aufgebauten Versandhändler Zalando, an die Börse. Ein Misserfolg: Die zu optimistisch eingeschätzte Aktie verlor noch am ersten Handelstag zweistellig.

Die Erfolge

Angefangen hat ihr Erfolg mit Alando, einem Internet-Auktionshaus nach dem Vorbild des US-Unternehmens Ebay. Es folgte der Klingeltonanbieter Jamba, der Youtube-Klon MyVideo oder der deutsche Groupon-Vorgänger CityDeal. Zwischenzeitlich hatten sie auch Anteile an den Kontaktnetzwerken Facebook und StudiVZ. Als Aushängeschild gilt der mittlerweile Börsennotierte und mit Rocket-Internet-Geld aufgebaute Versandhändler Zalando, an dem die Samwers nach wie vor Anteile über ihren Fonds Global Founders Capital (GFC) halten.

Mit der Gründung von GFC begann eine noch internationalere und aggressivere Investitionsstrategie der Brüder, laut eigenen Angaben hält der Fonds Beteiligungen an über 50 Unternehmen weltweit. Die Brüder verfügen mittlerweile über ein geschätztes Privatvermögen von insgesamt 5,1 Milliarden Dollar.

Die Misserfolge

Die Samwers stehen eigentlich für erfolgreiche Start-ups. Doch Misserfolge gibt es auch bei ihnen. Im August 2014 listet der Autor Joel Kaczmarek in seinem Buch „Die Paten des Internets“ rund 40 Unternehmen auf, die Pleite gegangen sind – darunter Klone wie Ecareer, Dreambookers oder MyBrands.

Die Verkaufsmaschen

Wenn die Samwers etwas verkaufen wollen, setzen sie gerne auf aggressive Werbung. Das klappte sowohl bei Jamba (Stichwort: „Crazy Frog“) als auch bei Zalando („Schrei vor Glück“). Auch bei Investoren treten die drei Brüder, allen voran Oliver Samwer, offensiv auf. So schrieb der mittlere Bruder einst eine Mail an Investoren, in denen er sich und seine Brüder als Gründer des weltgrößten Start-up-Inkubators bewarb und mit lauter wichtigen Namen wie denen einiger bisheriger Investoren um sich schlug.

Die Kritikpunkte

Die Samwers gelten als erfolgreich, aber auch skrupellos – gerade, wenn es um ihre Geschäftsmodelle geht. In den USA werden sie nur „Copycats“ genannt, weil sie die Ideen erfolgreicher Unternehmer ungefragt übernehmen. Auch mit der Konkurrenz gehen sie nicht immer zimperlich um. So soll Rocket Internet auch schon das Angebot anderer Firmen gezielt manipuliert und versucht haben, an deren Kundendaten zu gelangen. Oliver Samwer bestreitet die Vorwürfe.

Der Konzern bildet eine neue Einheit, in der die internationalen Aktivitäten bei der Essenszustellung mit mehreren Firmen zusammengefasst werden sollen. In diese „Global Online Takeaway Group“ kommt der hauseigene Konkurrent von Delivery Hero, Foodpanda. Sie ergänzten sich regional. Zur Gruppe gehören künftig auch zwei südeuropäische E-Commerce-Anbieter, die Rocket Internet für eine nicht genannte Summe kauft, La Nevera Roja in Spanien und Pizzabo in Italien. Zudem übernahm die Tochterfirma Foodpanda diverse Konkurrenten. Die neue Gruppe sei in 64 Ländern aktiv und komme auf 78 Millionen Essensbestellungen pro Jahr, teilte der Konzern mit.

Gleichzeitig stockt Rocket Internet sein Investment in Hello Fresh auf, einen Lieferanten frischer Kochzutaten. In einer Finanzierungsrunde erhielt das Start-up eine Summe von 110 Millionen Euro. Das Investment-Unternehmen der Samwers gab davon 100 Millionen Euro, zusätzlich kaufte es einem Altinvestor Anteile im Wert von 30 Millionen Euro ab. Rocket Internet hält nun 51,7 Prozent des Start-ups, dessen Bewertung nun bei 624 Millionen Euro liegen soll. Hello Fresh liefert seinen Kunden Zutaten und passende Rezepte, das Start-up ist in einigen europäischen Ländern, aber auch Australien und den USA aktiv.

Der Online-Handel mit Lebensmitteln gilt als Wachstumsmarkt – bislang wird nur ein kleiner Teil der Einkäufe über das Internet abgewickelt. Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer erklärte, er sehe ein „enormes Marktpotenzial“. Ziel sei es, die neu gegründete Gruppe zu einem „globalen Marktführer im Bereich der Online- und mobilen Essenlieferdienste“ aufzubauen.

Warum die Samwer Brüder auf Lebensmittel im Netz setzen

Video: Warum die Samwer Brüder auf Lebensmittel im Netz setzen

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Neben Unternehmen mit technischem Hintergrund zeigen auch klassische Handelsketten am Lebensmittelhandel im Netz Interesse. Zudem bemühen sich Start-ups um Konzepte, auf die das Schlagwort „Tante-Emma-Laden 2.0“ passt: Kleine Ladenlokale, frische, häufig regionale Produkte sind Grundlage des Konzepts, zum Erfolg macht es jedoch der Lieferdienst. So etwa beim mehrfach ausgezeichneten Düsseldorfer Start-up Emmas Enkel, die mit dem Transport von Lebensmitteln an die Haustür Käufer ohne Zeit oder Mobilität als Zielgruppe aktivieren. Im konkreten Fall hat der Handelsriese Metro sein Interesse durch ein direktes Investment bekundet.

Rocket Internet: Samwers schließen sich mit Roland Berger zusammen

Rocket Internet

Samwers schließen sich mit Roland Berger zusammen

Rocket Internet hat große Pläne: Der Start-up-Inkubator der Samwer-Brüder will ein Joint-Venture mit der Unternehmensberatung Roland Berger eingehen. Die neue Firma nutzt offenbar ein altbekanntes Modell.

Rocket Internet ist ein sogenannter Inkubator, der der Start-ups aufbaut und so schnell wie möglich großzieht. Größe gilt im Internetgeschäft oft als wichtige Voraussetzung für Erfolg, zudem sollen die Firmen von einer gemeinsamen Plattform profitieren. Die Samwer-Brüder wollen vor allem Schwellenländer erschließen. Die Gesamtbewertung der großen Beteiligungen unter dem Konzerndach sei seit dem Börsengang im Oktober um rund 800 Millionen Euro gestiegen, teilte das Unternehmen mit. Fast alle von ihnen schreiben allerdings bisher auch operativ rote Zahlen.

Die Aktie von Rocket Internet legte Freitagmorgen deutlich zu und war zwischenzeitlich fast acht Prozent im Plus. Mit rund 50 Euro liegt sie deutlich über dem Ausgabepreis von 42,50 Euro und erweist sich damit als solides Investment. Nach dem Börsengang im Oktober war der Kurs abgestürzt, er erholte sich aber bald. Der Konzern ist insgesamt rund 7,2 Milliarden Euro wert.

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