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09.06.2016

17:25 Uhr

Rocket Internet

Oliver Samwer und seine Börsenbabys

VonMiriam Schröder

Auf der Hauptversammlung von Rocket Internet erklärt Oliver Samwer den Aktionären die Start-up-Welt. Von ihm lernen die Anleger, dass Scheitern zum Erfolg gehört – und dass man nur nachts an Aktienkurse denken sollte.

Samwer-Brüder an der Börse

Das Modell „Rocket Internet“

Samwer-Brüder an der Börse: Das Modell „Rocket Internet“

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BerlinWie ein geduldiger Lehrer vor seinen etwas begriffsstutzigen Schülern steht Oliver Samwer vor den Aktionären von Rocket Internet, und erklärt, was sein Unternehmen eigentlich tut. Dass Rocket Internet Unternehmen aufbaut oder in vielversprechende Geschäftsmodelle investiert. Dass sie die Modelle dann skalieren, also in verschiedene Länder ausrollen und alle möglichen Marketing-Kanäle bespielen, um möglichst viele Kunden zu gewinnen. Jedes Start-up bestehe aus ähnlichen Bausteinen und Instrumenten, bei Rocket profitiere einer von der Erfahrung des anderen.

Der Rocket-Chef gibt sich große Mühe, nicht zu viel Englisch zu sprechen, auch wenn ihm, der den Großteil seiner Zeit im Flugzeug verbringt, manchmal die Wörter fehlen. Einmal muss er seinen Finanzchef fragen, wie man zweistellig auf Deutsch sagt. Ein anderes Mal sagt er „General Merchandise“ und schiebt sofort „den, äh, Handel mit allgemeinen Konsumgütern“ hinterher. Der Geschäftsbericht von Rocket Internet, im letzten Jahr nur auf Englisch verfügbar, liegt in diesem Jahr auch auf Deutsch aus. Der Konzern will Transparenz signalisieren, und Nähe.

Das sagt Oliver Samwer selbst

Über seine Arbeitsmaxime

„Zu viele Menschen glauben ihren eigenen Pressemitteilungen. Messt Erfolg nicht an Berichterstattung, sondern ökonomischem Einfluss. […] Betreibt ein Start-up wie eine Bäckerei: Backt am Morgen, verkauft über den Tag und zählt die Einnahmen in der Nacht! […] Fürchtet euch nicht davor, im Dreck zu leben. […] Geht zu McKinsey, wenn ihr gescheitert seid. Warum vorher? Jetzt seid ihr jung. Ihr solltet glücklich sein. Gott hat euch das Internet gegeben!“

Oliver Samwer zu unterschiedlichen Gelegenheiten über seine Arbeitsmaximen

Über seine Zeit an der WHU

„Das Tollste waren die Gastvorträge von Unternehmern, die im Zeitraffer erzählten, wie sie aus dem Nichts eine Firma mit ein paar Hundert oder sogar 20.000 Leuten schufen, wie sie auch mal am Abgrund standen, bis dann gerade noch rechtzeitig der entscheidende Auftrag kam.“

Oliver Samwer über die Vorzüge seines Studiums an der WHU

Über das ideale Start-up

„Das ideale Start-up ist eine Kombination aus Gelegenheit, Team und Timing. Das ideale Start-up adressiert einen riesigen Marktplatz, der offen für eine Veränderung ist oder gerade durch einen Paradigmenwechsel kreiert wird, hat ein Team, das empfindlich genug für die Anforderungen des Marktes ist, und im richtigen Moment auf den Markt kommt, nicht zu früh und nicht zu spät. Jede einzelne dieser Eigenschaften, wenn sie schlimm genug ist, tötet das Unternehmen.“

Oliver Samwer und Max Finger über ein „ideales Start-up“ in ihrer Diplomarbeit

Über den Verkauf von Alando

„Wir haben Alando überhaupt nicht zum richtigen Zeitpunkt verkauft. Wir waren doch Idioten, dass wir ausgestiegen sind. Wir waren die größte deutsche Auktionsseite. Heute macht Ebay in Deutschland 120 Millionen Euro Gewinn im Jahr, folglich war es nicht klug, Alando für 50 Millionen Dollar zu verkaufen. Im Nachhinein sehen ich und meine Brüder das als unseren vielleicht größten Fehler an.“

Oliver Samwer über den frühen Ausstieg der Samwers bei Alando

Über kleine Niederlagen

„Eine wirklich schlimme Niederlage haben wir nicht erlitten. Aber wir sind oft durch den Dreck gerobbt. Die Erfolge, die sich hinterher in der Zeitung so mühelos lesen, haben in Wahrheit wahnsinnig viel Kraft gekostet. Und es gab immer kleine Niederlagen – und oft großes Bangen. Bertelsmann hat bei Alando mal intensiv alle unsere Nutzer angespamt und versucht, sie uns auszuspannen. Das hat uns einige schlaflose Nächte gekostet. Bis wir gesehen haben: Die Leute bleiben bei uns.“

Oliver Samwer 2007 über die Herausforderungen ihrer Alando-Zeit

Über die Anfänge von Jamba

„Wir haben uns damals mit dem 'Wireless'-Markt beschäftigt, nach Japan geschaut und uns die europäischen Märkte angesehen. Wir stellten fest, dass nicht News, Verkehrsnachrichten oder Börsenkurse das Geschäft mit Mobilfunkdiensten ausmachten, sondern Entertainmentinhalte. Wir sahen den Boom, [...] dass Spiele fürs Handy in Japan bereits ein Renner waren und stellten uns vor, dass dies zusammen mit Musik und Bildern auch in Europa funktionieren könnte.“

Oliver Samwer im Jahre 2003 über die Entstehung von Jamba

Über Schnelligkeit

„Wir bekommen jeden Tag viele Businesspläne und E-Mails von Start-ups zugeschickt. Haben wir dann an einer erfolgversprechenden Idee Interesse gefunden, kommt es relativ zeitnah und pragmatisch zur Kontaktaufnahme. Nach kurzer Zeit können wir dann auch bereits eine Investitionsentscheidung treffen, da wir keine bürokratischen Prozesse durchlaufen müssen. Ein Gespräch unter uns drei Brüdern genügt. Vom ersten Meeting bis zur Entscheidung braucht es oft weniger als 48 Stunden.“

Oliver Samwer über die Schnelligkeit des European Founders Funds

Über den European Founders Fund

„Wir haben uns in den USA und Asien umgeschaut. Dabei ist uns im kalifornischen Silicon Valley aufgefallen, dass viele erfolgreiche Unternehmer ihr Geld in Start-ups investieren und den jungen Firmen dann auch aktiv zur Seite stehen. […] Wir wollen den Gründern aber nicht nur Geld, sondern auch unsere aktive Unterstützung und unseren Rat geben.“

Oliver Samwer über die Aktivitäten des European Founders Funds

Quelle

Joel Kaczmarek, „Die Paten des Internets“, erschienen im Finanzbuchverlag FBV, ISBN: 978-3-89879-880-8

Im letzten Jahr war das noch anders. Da funktionierten weder die Klimaanlage noch die Kommunikation so richtig. Er habe selten ein Unternehmen erlebt, dass so professionell nicht auf Fragen antworte, sagte Aktionärsschützer Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger.

Inzwischen hat sich einiges getan. Der Aktienkurs hat sich seit dem Börsengang vor anderthalb Jahren halbiert. Das Jahr 2015 war geprägt von Verlusten, sowohl beim Mutterkonzern als auch bei den wichtigsten Beteiligungen von Rocket Internet. Man könne sein Unternehmen nun einmal nicht mit Hilfe von drei Kennzahlen bewerten, sagt Samwer, man müsse sich die einzelnen Beteiligungen genau angucken. Er trägt Anzug und Krawatte.

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Das Reich von Rocket Internet ist so groß wie unübersichtlich. Ein Blick ins Zahlenwerk offenbart die Risiken des Imperiums.

Die Hauptversammlung findet im neuen Rocket-Tower statt, in den das Unternehmen im Herbst einziehen will. Allerdings nicht ganz oben, sondern fast ganz unten, im ersten Stock. Das Dachgeschoss mit der besten Aussicht hat Rocket Internet an andere, zahlungsbereite Mieter abgetreten.

„Am Ende soll ja ein tragfähiges, profitables Unternehmen stehen“, erklärt Samwer weiter und dann kommt: „Die meisten Unternehmen werden nichts.“ Wenn man erkenne, dass etwas nicht funktioniere, müsse man einfach rechtzeitig rausgehen. Scheitern sei ein wichtiger Teil der Unternehmenskultur von Rocket Internet. Es ist eine kluge Rede. Wer will sich schon bestreiten, dass Scheitern zum Erfolg dazugehört? Sich gar als Vertreter deutscher Ängstlichkeit und Langeweile outen?

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