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16.01.2016

15:54 Uhr

Rocket Internet zündet nicht

Oliver Samwer am Boden

15 Monate nach dem Börsengang wartet Rocket Internet immer noch darauf, endlich abzuheben. Statt mit seiner Start-up-Rakete finanzielle Höhenflüge zu absolvieren, kämpft der Firmenchef zunehmend mit irdischen Problemen.

Skeptisch macht die Anleger der rapide gestiegene Firmenwert der tief in den roten Zahlen steckenden Firma. dpa

Rocket-Chef Samwer

Skeptisch macht die Anleger der rapide gestiegene Firmenwert der tief in den roten Zahlen steckenden Firma.

BerlinFührungskräfte der ersten Stunde suchen das Weite, mit dem Großinvestor Kinnevik gibt es Streit, und der Aktienkurs der Berliner Beteiligungsgesellschaft liegt mit gut 23 Euro um mehr als 40 Prozent unter dem Ausgabepreis: Rocket Internet, so sieht es derzeit aus, zündet nicht. Nach Chef-Kommunikator Andreas Winiarski, der den Börsengang entscheidend mit vorbereitet hatte, kehrt im Februar auch die Leiterin der Rechtsabteilung, Franziska Leonhardt, Rocket den Rücken.

Laut mit dem Unternehmen vertrauten Personen geht in Kürze auch Vize-Finanzchef Uwe Gleitz. Beide waren Mitglieder des ersten Rocket-Aufsichtsrats, der den Börsengang angestoßen hatte. In Unternehmenskreisen heißt es, die Abgänge beträfen nicht das Kernteam. Leonhardt wie auch Gleitz gingen aus persönlichen Gründen.

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Der Start-up-Schmiede Rocket bläst auch an anderen Stellen Gegenwind ins Gesicht. Keine der Jungfirmen schaffte es bislang, dem Vorzeige-Gewächs Zalando nachzueifern. Nacheinander stellte Samwer seine Börsenkandidaten ins Schaufenster - von den Möbelhändlern Home24 und Westwing über den Essens-Lieferdienst Delivery Hero bis zum Kochbox-Anbieter Hello Fresh. Doch ein Rückzieher folgte dem nächsten.

Hatte Westwing noch frühzeitig die Reißleine gezogen, machte Hello Fresh seine Pläne sogar schon öffentlich. Skeptisch machte die Anleger der rapide gestiegene Firmenwert der tief in den roten Zahlen steckenden Firma. Denn Samwer blähte mit einer einzigen Kapitalspritze von nur 75 Millionen Euro, für die der befreundete britische Investmentfonds Baillie Gifford drei Prozent bekam, den Buchwert um das Dreifache auf 2,6 Milliarden Euro auf. Solche ambitionierten Bewertungen sind in der Branche üblich, weil gerne der Wert des letzten Investments hochgerechnet wird, solange es noch keine „echte“ Bewertung an der Börse gibt.

Das Samwer-Imperium

Die Brüder

Marc (Jahrgang 1970), Oliver (1973) und Alexander (1975) wuchsen in Köln auf; sie studierten in Köln, Vallendar, Oxford und Harvard Rechtswissenschaft, BWL und VWL. Heute arbeiten sie in München und Berlin.

Die Beteiligungen

Die Brüder agieren über den Fonds Global Founders Capital (GFC) der den European Founders Fund (EFF) 2013 ersetzte und das mittlerweile börsennotierte Unternehmen Rocket Internet. Der 150 Millionen Euro schwere GFC ist ein Wagniskapitalgeber, der weltweit als Investor auch die Gründung kleiner Unternehmen die nicht im Fokus von Rocket Internet stehen unterstützen soll; Rocket ist der sogenannte Inkubator, also die Beteiligungsgesellschaft, über die die Samwers in Neugründungen von Internet-Start-ups investieren. Über den GFC halten die Samwers auch die Mehrheit an Rocket Internet.

Rocket Internet ging am 2. Oktober 2014, einen Tag nach dem mit Mitteln der Beteiligungsgesellschaft aufgebauten Versandhändler Zalando, an die Börse. Ein Misserfolg: Die zu optimistisch eingeschätzte Aktie verlor noch am ersten Handelstag zweistellig.

Die Erfolge

Angefangen hat ihr Erfolg mit Alando, einem Internet-Auktionshaus nach dem Vorbild des US-Unternehmens Ebay. Es folgte der Klingeltonanbieter Jamba, der Youtube-Klon MyVideo oder der deutsche Groupon-Vorgänger CityDeal. Zwischenzeitlich hatten sie auch Anteile an den Kontaktnetzwerken Facebook und StudiVZ. Als Aushängeschild gilt der mittlerweile Börsennotierte und mit Rocket-Internet-Geld aufgebaute Versandhändler Zalando, an dem die Samwers nach wie vor Anteile über ihren Fonds Global Founders Capital (GFC) halten.

Mit der Gründung von GFC begann eine noch internationalere und aggressivere Investitionsstrategie der Brüder, laut eigenen Angaben hält der Fonds Beteiligungen an über 50 Unternehmen weltweit. Die Brüder verfügen mittlerweile über ein geschätztes Privatvermögen von insgesamt 5,1 Milliarden Dollar.

Die Misserfolge

Die Samwers stehen eigentlich für erfolgreiche Start-ups. Doch Misserfolge gibt es auch bei ihnen. Im August 2014 listet der Autor Joel Kaczmarek in seinem Buch „Die Paten des Internets“ rund 40 Unternehmen auf, die Pleite gegangen sind – darunter Klone wie Ecareer, Dreambookers oder MyBrands.

Die Verkaufsmaschen

Wenn die Samwers etwas verkaufen wollen, setzen sie gerne auf aggressive Werbung. Das klappte sowohl bei Jamba (Stichwort: „Crazy Frog“) als auch bei Zalando („Schrei vor Glück“). Auch bei Investoren treten die drei Brüder, allen voran Oliver Samwer, offensiv auf. So schrieb der mittlere Bruder einst eine Mail an Investoren, in denen er sich und seine Brüder als Gründer des weltgrößten Start-up-Inkubators bewarb und mit lauter wichtigen Namen wie denen einiger bisheriger Investoren um sich schlug.

Die Kritikpunkte

Die Samwers gelten als erfolgreich, aber auch skrupellos – gerade, wenn es um ihre Geschäftsmodelle geht. In den USA werden sie nur „Copycats“ genannt, weil sie die Ideen erfolgreicher Unternehmer ungefragt übernehmen. Auch mit der Konkurrenz gehen sie nicht immer zimperlich um. So soll Rocket Internet auch schon das Angebot anderer Firmen gezielt manipuliert und versucht haben, an deren Kundendaten zu gelangen. Oliver Samwer bestreitet die Vorwürfe.

Beim Börsengang sollte das Unternehmen nach Samwers Vorstellungen sogar mit 3,2 bis 3,3 Milliarden Euro bewertet werden, ist von Insidern zu erfahren. Das sorgte für Zoff mit dem schwedischen Rocket-Investor Kinnevik, der sich mit 2,6 Milliarden Euro zufrieden gegeben hätte. Dies reichte wohl, um die Pläne zu stoppen. Eine ungewohnte Niederlage für den machtbewussten Samwer. Viele der kleinen Co-Investoren wie Holtzbrinck Ventures hat er unter Kontrolle - noch. „Wenn er Ja oder Nein sagt, dann heißt das Ja oder Nein. Wenn du Oliver auf deiner Seite hast, ist alles in Ordnung“, sagt ein ehemaliger Manager eines Börsenkandidaten aus dem Rocket-Imperium.

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