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09.01.2011

09:00 Uhr

Roman

Tod einer Zeitung

VonBernd Ziesemer

Gute Zeitungen sind ein Gemisch an Gegensetzen: Traditionsbewusstsein mit Eneuerungsbereitschaft etwa und Professionalität verbunden mit kindlichem Spieltrieb. Was passiert, wenn sich dieses Gemisch auflöst? Tom Rachman beschreibt den Tod einer Zeitung: präzise, packend und sehr melancholisch.

Buchcover Die Unperfekten: Mehr als eine Erzählung vom Zerfall einer Zeitung. dtv

Buchcover Die Unperfekten: Mehr als eine Erzählung vom Zerfall einer Zeitung.

HAMBURG. Gute Zeitungen gleichen einem Amalgam aus eigentlich unvereinbaren Stoffen: einem starken Traditionsbewusstsein gemischt mit ständiger Erneuerungsbereitschaft, Autorität gepaart mit nicht versiegender Neugierde, eiserner Professionalität verbunden mit kindlichem Spieltrieb, starker Führung und unbedingtem Mannschaftsspiel.

Der britische Autor Tom Rachman schildert in seinem Roman "Die Unperfekten", was mit einer Zeitung passiert, wenn sich ein solches Amalgam schleichend in seine Bestandteile auflöst.

Die Handlung kreist um eine englischsprachige Tageszeitung mit Redaktionssitz in Rom, nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet von einem charismatischen Verleger.

In elf kurzen Miniaturen treten auf: ein einsamer Auslandskorrespondent, der intelligente Nachrufschreiber der Zeitung, der gefürchtete Chefkorrektor, der überforderte Jungreporter, ein ergrauter Nachrichtenchef, die alleingelassene Chefredakteurin, der verhaltensgestörte Verlegerenkel. Ach ja: und eine alte Leserin, die nur noch durch ihre Zeitung die Verbindung zur Außenwelt hält.

Rachman beschreibt präzise, packend, sehr melancholisch und doch witzig und unterhaltsam den Zerfallsprozess der Zeitung als erlahmendes Interesse am Blattmachen. Da ist beispielsweise die Wirtschaftsreporterin Hardy Benjamin, die sich in die Beziehung zu einem faulen Tunichtgut stürzt, um ihre professionellen und persönlichen Selbstzweifel zu begraben. Oder die Textredakteurin Ruby Zaga, die sich als Mobbingopfer ihrer Kollegen fühlt, die Zeitung eigentlich hasst, aber von ihr doch nicht loskommt.

Im Laufe der Handlung beschäftigen sich nicht nur die beiden Frauen, sondern so gut wie alle Schlüsselfiguren des Romans immer mehr mit sich selbst als mit ihrem Job. Am Schluss verkündet der autistische Verlegerenkel das Ende der verlustreichen Zeitung - und versaut seinen ersten und letzten richtigen Redaktionsbesuch genauso wie sein ganzes Leben.

Man kann Rachmans Roman ganz einfach als eine packende Erzählung lesen: der Zerfall einer Zeitung, ähnlich wie Thomas Manns Buddenbrooks, als Panorama einer Zeit und eines Orts.

Man kann ihn aber auch begreifen als kritische Schilderung eines schleichenden Niedergangs, der fälschlicherweise mit dem Wort "Medienkrise" beschrieben wird, obwohl es im Kern um etwas anderes geht: um die Verdrängung der journalistischen Leidenschaft durch die technokratische Verwaltung von Nachrichten.

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