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21.11.2014

16:35 Uhr

Russia Today

Der Propaganda-Sender des Kremls in Deutschland

VonAndreas Macho

Der russische Sender Russia Today hat seinen deutschen Ableger gestartet. Das Programm bietet einen obskuren Mix aus konfrontativer Kreml-Propaganda und Weltverschwörung. Ein Ortsbesuch.

Sogar in Deutschland aktiv: Der deutschen Ableger von Russia Today. Screenshot

Russia Today in Deutschland

Sogar in Deutschland aktiv: Der deutschen Ableger von Russia Today.

Berlin Am vergangenen Wochenende sollen die Lügen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wieder besonders dreist gewesen sein. Die Fernsehbilder vom G20-Gipfel im australischen Brisbane zeigten den Kreml-Chef Wladimir Putin beim Essen. Ohne Tischnachbarn saß er allein an dem großen, runden Tisch. Wenige Sekunden dauerte die Einstellung der ARD-Nachrichten, die Putins internationale Isolation verdeutlichen sollte.

Eine harmlose Szene, könnte man meinen. Der gerade gestartete Online-Ableger des russischen Auslandssenders RT, früher Russia Today, aber zeigte die „Wahrheit hinter den Bildern“. Laut RT Deutschland wäre das Videomaterial in manipulatorischer Absicht zusammengeschnitten worden: Denn gegenüber von Putin saß die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff. Das verdeckte in der Kameraeinstellung der ARD allerdings ein Kellner.

Man kann über die Szene des ARD-Videos kontrovers diskutieren. Auch der bekannte Medienjournalist Stefan Niggemeier übte Kritik an der Kameraeinstellung. Für RT Deutschland ist der umstrittene Einzelfall aber ein klarer Beweis für das korrupte System des Westens. Und diese Einzelfälle liefert der Nachrichtenstrom von RT in schnellem Takt: „MH17: Spiegel als Handlanger von BND und Bundesregierung“, „Weil er Russe ist – Stardirigent Gergiev unerwünscht auf Saar-Festival“ .  

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

Nun ist Russia Today aber kein Nischenkanal für Weltverschwörer. Seit 2005 strahlt der russische Auslandssender sein Programm aus und erreicht damit weltweit 700 Millionen Zuseher. Auf der Videoplattform Youtube hat RT als erster Nachrichtenkanal die Grenze von einer Milliarde Klicks geknackt. In Großbritannien schauen mittlerweile mehr Menschen RT als Euronews.

Mitte November hat der deutsche Ableger von RT den Betrieb aufgenommen. Am Potsdamer Platz in Berlin findet sich der Newsroom des Internetkanals rtdeutsch.com. Obwohl die Namensschilder an den Büros noch nicht beschriftet sind, ist der Sender auch hierzulande kein unbeschriebenes Blatt mehr.  Der „Medienrusse“ titelte etwa der Tagesspiegel über den Chefredakteur und vielfachen Talkshow-Gast Iwan Rodionow.

Wie das Gros der deutschen Journalisten RT einschätzt, hat die Online-Ausgabe der „Zeit“ in einer Headline zusammengefasst: „Das hat uns gerade noch gefehlt.“ Grund für die einhellige Ablehnung durch professionelle Journalisten ist die Berichterstattung von RT, die im Stil einer Gegenaufklärungs-Propaganda praktisch ungefiltert die Ansichten des Kreml transportiert, Agitation gegen Amerika und den Westen inklusive.

Kommentare (37)

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Herr Thomas Albers

21.11.2014, 17:06 Uhr

"Für Kreml-Astrologen ist der Sender sicher lohnend. Man erkennt dort relativ schnell Änderungen in der offiziellen Linie Russlands“, sagt Professor Martin Emmer."

Das ist wirklich ein guter und interessanter Artikel. Übrigens hat Martin Emmer recht: Wenn man etwas über die Haltung des Kreml erfahren möchte und Spaß an Propaganda hat, ist dort an der richtigen Adresse. Der Sender verrät mehr über die Zustände in Russland, als dem Kreml lieb sein sollte.

Herr Uwe Reissner

21.11.2014, 17:13 Uhr

Es ist wichtig, dass die Medienlandschaft auch von solchen Sendern profitiert. Der normal mündige Bürger sollte in der Lage sein sich ein eigenes Bild machen zu können. Nur Despoten haben Angst vor der Erkenntnis.

Herr Thomas Melber

21.11.2014, 17:17 Uhr

Wenn ich mich über unser Land informieren möchte sehe oder höre ich WDR oder Frühstücksfernsehen. Allerdings ist mir dann meist schlecht.

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