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30.11.2016

16:47 Uhr

SAP

Finanzvorstand will Finger von Großeinkäufen lassen

In den USA herrscht Übernahmefieber. SAP-Finanzvorstand Luka Mucic will sich davon nicht anstecken lassen. Ihm fehlt die Fantasie für Großübernahmen. Kleinere Ausnahme würde er aber doch machen.

Für die kommenden Jahre setzt der SAP-Finanzvorstand große Hoffnungen in die Digitalisierung der Wirtschaft. dpa

Luka Mucic

Für die kommenden Jahre setzt der SAP-Finanzvorstand große Hoffnungen in die Digitalisierung der Wirtschaft.

FrankfurtDer Softwareriese SAP lässt sich vom aufkommenden Übernahmefieber in den USA nicht anstecken. „Es gibt die Spekulation, unsere Wettbewerber in den USA könnten nochmal tief in die Tasche greifen, wenn sie unter der neuen Regierung womöglich zu niedrigen Steuersätzen Gewinne aus dem Ausland repatriieren können. Das berührt uns wenig“, sagte SAP-Finanzvorstand Luka Mucic in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Für SAP sei nicht die politische Großwetterlage ein Anstoß zu Übernahmen, sondern allein das eigene Produkt-Portfolio entscheidend. Und hier gebe es keine große Lücke mehr. „Für eine große Übernahme fehlt mir momentan die Fantasie: Die meisten größeren Hersteller von Geschäftssoftware haben deutliche Überschneidungen mit SAP, und eine solche Übernahme käme für uns nicht infrage.“ Kleinere Zukäufe stünden aber durchaus auf der Agenda.

Der designierte US-Präsident Donald Trump zieht eine Steuersenkung in Betracht, durch die Unternehmen Auslandsgewinne nach Hause holen und dort für Zukäufe ausgeben könnten. So hat Microsoft, zum Teil ein Konkurrent des Weltmarktführers für Firmensoftware SAP, im vergangenen Jahr gut 100 Milliarden Dollar außerhalb der USA verdient. SAP stemmte 2014 mehrere Milliardenübernahmen, um zusätzlich zum Kerngeschäft mit Lizenzen Software über die Cloud zu vertreiben. Doch diese Phase ist abgeschlossen. Seit 2015 beschränkt sich der Dax-Konzern auf kleine Zukäufe. In diesem Jahr gaben die Walldorfer für eine Hand voll Akquisitionen rund 100 Millionen Euro aus.

An diesen Projekten arbeitet SAP

Programm aus der Cloud

Für Systemadministratoren ist es eine leidige Routine. Sie müssen regelmäßig die Programme auf den Firmenrechnern aktualisieren, um Fehler auszubessern und Sicherheitslücken zu schließen. Diese Prozedur lässt sich jedoch abkürzen: mit Software aus der Cloud, die Mitarbeiter meist einfach im Browser öffnen. Dabei greifen sie automatisch auf die aktuelle Version zu, ganz ohne Updates.

Der Anbieter wie etwa Microsoft kümmert sich nicht nur um die Pflege, sondern auch um die komplette Administration und erleichtert der IT-Abteilung der Kunden so die Arbeit. Neue Produkte lassen sich schnell einführen. Und die Programme sind überall verfügbar, wo es eine Internetverbindung gibt. Experten sprechen von Software as a Service (SaaS).

Immer mehr Programme werden inzwischen als SaaS-Dienst angeboten, vom Office-Programm bis zur Kundendatenbank, auf die Vertriebler unterwegs mit dem Smartphone zugreifen können. Das Prinzip funktioniert dort, wo sich betriebswirtschaftliche Abläufe ähneln. Software as a Service setzt sich immer mehr durch. Der Markt wachse in diesem Jahr um 20 Prozent auf knapp 38 Milliarden Dollar, schätzt das IT-Analysehaus Gartner. Der Trend werde in den kommenden Jahren anhalten: Kaum ein Softwarehersteller ignoriert die Cloud.

Rechnerarmee zum Mieten

Millionen von Zuschauern entspannen sich bei Serien und Filmen von Netflix. Die Online-Videothek verschickt riesige Datenmengen durch die Netze, hat aber kein eigenes Rechenzentrum – die Dateien liefert die Amazon-Sparte AWS aus. Das Beispiel zeigt: Unternehmen brauchen heute keine eigene IT-Infrastruktur mehr. Speicherplatz und Netzwerkkapazitäten können sie über die Cloud mieten. Auch Rechenleistung gibt es aus dem Netz. Infrastructure as a Service (IaaS) nennen das Experten.

Für die Kunden bedeutet das mehr Flexibilität. Wenn etwa ein Start-up schnell wächst, mietet es einfach Kapazitäten hinzu. Netflix konnte seinen Dienst von einem Tag auf den anderen in 130 neuen Ländern anbieten, den Speicher mietete das Unternehmen. Eine Armee von Rechensöldnern ist mit wenigen Mausklicks einsatzbereit. Unternehmen zahlen für genutzte Kapazitäten – abgerechnet wird auf die Minute genau. Durch den Wettbewerb sinken die Preise massiv.

Marktführer Amazon startete sein Cloud-Geschäft vor zehn Jahren. Im ersten Quartal lieferte die Sparte einen Umsatz von 2,6 Milliarden Dollar und ein operatives Ergebnis von 600 Millionen Dollar – dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Für die Anbieter sind die Aussichten blendend: Der Markt wächst nach Einschätzung von Gartner dieses Jahr um 38 Prozent auf 22,4 Milliarden US-Dollar.

Baukasten für Dummys

Von der Idee bis zur App in wenigen Wochen: Nie war es leichter, ein Start-up zu gründen. Eine große Hilfe ist das Cloud-Computing. Entwickler bekommen im Netz nicht nur Rechenleistung und Speicherplatz, sondern auch Programmierwerkzeuge, die die Arbeit wesentlich erleichtern. Fachleute sprechen von Platform as a Service (PaaS) – ein Konzept, das weiter gefasst ist als Infrastructure as a Service (IaaS).

Wer sich die Plattformen anschaut, fühlt sich an einen Baukasten erinnert. Entwickler können mit ein paar Mausklicks eine Datenbank einrichten, Daten auswerten oder Code auf Fehler prüfen. Und bei Bedarf schalten sie ohne großen Aufwand mehr Server hinzu. Für viele Anwendungen braucht es noch nicht einmal Programmierkenntnisse.

Zu den Vorreitern zählt der US-Konzern Salesforce, der seine Plattform 2006 für externe Entwickler eröffnete. Amazon und Microsoft rüsten ihre Plattformen immer weiter auf. Auch SAP will mit der Hana Cloud Platform den Entwicklern die Möglichkeit geben, an die eigenen Programme anzudocken.

Der Markt wächst nach Einschätzung von Gartner in diesem Jahr um 21 Prozent auf 4,6 Milliarden Dollar. Trotz des vergleichsweise geringen Umsatzes ist er für Amazon, Microsoft, Google, IBM und Salesforce enorm wichtig: Über ihre Plattformen locken sie Entwickler an, die die Infrastruktur mit Rechenleistung und Speicher nutzen – ein viel größeres Geschäft.

Weiße Flecken hat der Softwareriese unterdessen noch bei den Technologien, die gerade erst im Kommen sind, wie künstliche Intelligenz oder die für Banken und Versicherungen interessante Blockchain – ein virtuelles Kassenbuch zum Abwickeln von Zahlungen. In Anwendungen für das „Internet der Dinge“ steckt SAP bis 2020 zwei Milliarden Euro, wobei auch Übernahmen geplant sind. „In diesem Bereich lohnt es sich, über die ein oder andere kleinere Akquisition nachzudenken“, sagte Mucic. „Hier gibt es interessante Vordenker aus dem akademischen Bereich, die sich mit Spin-offs selbstständig machen. Aber das sind dann eher kleinere Akquisitionen.“

Für die kommenden Jahre setzt Mucic große Hoffnungen in die Digitalisierung der Wirtschaft. „Das birgt für uns erhebliche Wachstumschancen“, betonte er. Der Markt für Software zur Vernetzung von Industrie und Alltag könne bis zum Ende des Jahrzehnts 250 Milliarden Dollar betragen. „Die SAP ist fundamental für diesen Megatrend sehr gut aufgestellt.“ Der Dax-Konzern habe dank milliardenschwerer Übernahmen in den USA im Unterschied zu seinen Konkurrenten wie Oracle für Kunden ein Netzwerk zum Abwickeln ihrer Geschäfte über das Internet zu bieten. Das sei zur Digitalisierung von Industrie oder Handel sehr wichtig.

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Zu diesem Netzwerk gehört die Einkaufsplattform Ariba, eine Art Ebay für Firmen, das Geschäftsreisemanagement-Portal Concur und die Online-Fachkräftevermittlung Fieldglass. Verknüpft mit der Software von Partnerunternehmen der Industrie wie Siemens, Bosch und General Electric könnten Kunden im produzierenden Gewerbe ihre Maschinenparks verwalten. Während die Industriepartner „die letzte Meile“ der Softwareverbindung zum Kunden besetzten, stelle SAP die Basistechnologie für neue digitale Anwendungen, erklärte Mucic. „Auf unseren Plattformen können Maschinen Verschleiß rechtzeitig anzeigen und, zum Beispiel über Ariba und Fieldglass, Bestellungen für Ersatzteile und Servicetechniker auslösen.“ Das Geschäftsfeld „Industrie 4.0„ zwinge IT- und Industriebranche zur Zusammenarbeit. „Ich sehe hier ein geringes Potenzial für Konflikte mit unseren Partnern, aber ein hohes Potenzial für Kooperation – auch mit zukünftigen Wettbewerbern“, sagte er.

Von

rtr

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