Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.08.2015

13:53 Uhr

Schließung der Buchclubs

Bertelsmann droht Niederlage vor Gericht

VonKai-Hinrich Renner

Bertelsmann will seine Buchclubs schließen – das Geschäft, das den Verlag zum Medienriesen machte. Die Abwicklung verläuft nicht geräuschlos: Bertelsmann-Partner klagen vor Gericht – dem Konzern droht eine Niederlage.

Die geplante Schließung der Buchclubs hat ein Nachspiel vor Gericht. dpa

Bertelsmann-Filiale in Berlin

Die geplante Schließung der Buchclubs hat ein Nachspiel vor Gericht.

Hamburg/DüsseldorfEs schien, als sei die letzte Messe bereits gelesen. Als Bertelsmann im Juni 2014 die Schließung seiner Buchclubs für Ende 2015 mangels Profitabilität bekanntgab, schien das Ende eines einst renditeträchtigen Geschäfts gekommen zu sein. 1950 hatte der 2009 gestorbene Firmenpatriarch Reinhard Mohn die Clubs als „Bertelsmann Lesering“ gegründet. Sie standen am Anfang des Aufstiegs eines bestenfalls mäßig bedeutenden Gütersloher Verlagshauses zum international operierenden Medienkonzern. Der Lesehunger der Nachkriegszeit half dabei.

Und wer bei Bertelsmann etwas werden wollte, bewährte sich in den Clubs. Spätere Manager wie der ehemalige Chef der Konzerntochter Gruner + Jahr Bernd Kundrun waren sich nicht zu schade, in Fußgängerzonen Tapeziertische aufzustellen, um dort neue Clubmitglieder zu gewinnen. Tempi passati.

Stiftungen und Fonds: Anlegen wie die Bertelsmänner

Stiftungen und Fonds

Anlegen wie die Bertelsmänner

Bosch, Hertie, Bertelsmann: Milliardenschwere Stiftungen stecken ihr Geld gern in Fonds, die auf Werterhalt aus sind – und ordentliche Renditen schaffen. Auch Privatanleger können investieren. Welche Fonds vorne liegen.

Oder vielleicht doch nicht? Kurz nachdem die Ostwestfalen die Schließung der Clubs bekanntgegeben hatten, meldeten sich Geschäftspartner, die bisher Mitglieder warben, zu Wort und kündigten an, gegen diesen Schritt vorzugehen. Stellvertretend für die insgesamt 244 Buchclubpartner Bertelsmanns haben drei von ihnen vor dem Landgericht Düsseldorf geklagt. Auch ihnen war zum Jahresende gekündigt worden.

Bei dem ersten Güte- und Verhandlungstermin am Dienstag wurde klar, dass Bertelsmann in einer wichtigen Frage eine Niederlage droht. Die Richter machten in einer vorläufigen Einschätzung deutlich, dass es die 2014 ausgesprochenen Kündigungen von Vertriebspartnern durch das Unternehmen für unwirksam hält.

Allerdings machte das Gericht in seiner vorläufigen Bewertung zugleich deutlich, dass es eine Reihe der Forderungen der Kläger für unbegründet hält. Dazu gehört etwa die Forderung nach Schadenersatz für Einnahmeausfälle durch den Mitgliederschwund nach der Schließung der Buchclub-Filialen. Nach Auffassung des Gerichts gebe es für Bertelsmann in den Verträgen keine Verpflichtung stationäre Geschäfte zu betreiben, sagte der Vorsitzende Richter Martin Vomhof. Er legte den Streitparteien mehrmals einen Vergleich nahe.

Die Geschäftspartner der Gütersloher haben etwa jedes vierte der noch knapp eine Million Buchclubmitglieder geworben und sie anschließend an Bertelsmann verpachtet. Deshalb werden sie im Branchenjargon auch Verpächter genannt. Ihr Gewerbe ist recht einträglich: Pro Clubmitglied bekommen sie jährlich 80 bis 100 Euro. Unter dem Strich kommt so jedes Jahr ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag zusammen.

Die Geschäftsfelder von Bertelsmann

Bücher

Das Buchgeschäft ist die Keimzelle von Bertelsmann: Gründer Carl Bertelsmann erhielt 1835 die Konzession der preußischen Regierung zur Einrichtung einer Buchdruckerei. Unter dem Dach des Konzerns ist inzwischen die größte Publikumsverlagsgruppe der Welt entstanden: Zunächst unter dem Namen der US-Tochterfirma Random House, seit 2012 in einem Joint Venture mit Pearson, an dem die Gütersloher 53 Prozent halten. Penguin Random House heißt der Gigant mit seinen 11.800 Mitarbeitern.

Fernsehen

Die RTL Group betreibt 53 TV- und 28 Radiosender in neun Ländern Europas sowie Indien. Gerade in Deutschland ist das Unternehmen stark – mit den Stationen RTL, Vox, RTL II, Super RTL, RTL Nitro und n-tv. Bertelsmann hält 92,3 Prozent an der Sendergruppe.

Zeitschriften

Ob „Stern“, „Geo“ oder „Brigitte“: An europäischen Kiosken sind die Zeitschriften von Gruner + Jahr nicht zu übersehen. Bertelsmann hält seit den 70er Jahren die Mehrheit an den Verlag, Ende 2014 will der Medienkonzern die verbliebenen Anteile von der Jahr-Familie kaufen.

Dienstleistungen

Arvato ist die wohl vielseitigste Tochter von Bertelsmann: Die Dienstleistungssparte erstellt digitale Medien, ist im E-Commerce tätig, bietet aber auch zahlreiche Unternehmenslösungen für Kundenpflege, Produktionsplanung und Datenmanagement, außerdem IT-Services. Die Sparte hat mehr als 66.000 Mitarbeiter.

Druck

Bertelsmann gliederte die Druckaktivitäten 2012 in die Sparte Be Printers aus. Diese fertigt Zeitschriften, Kataloge, Prospekte, Bücher und Kalender. Zudem bietet sie Dienstleistungen an. Die Bertelsmann-Tochter betreibt Druckereien in Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien sowie den USA und Kolumbien und hat 6200 Mitarbeiter.

Musik

Musik gehörte lange zum Kerngeschäft von Bertelsmann. Allerdings verkaufte der Konzern 2006 seinen Musikverlag BMG, 2008 gab er auch seinen Anteil am Gemeinschaftsunternehmen Sony BMG ab und verabschiedete sich so aus dem Tonträgergeschäft. 2013 holten die Gütersloher die Musik vom Finanzinvestor KKR zurück in den Konzern. Das Geschäft gehört zum Bereich Corporate Investments, der alle übrigen operativen Aktivitäten von Bertelsmann umfasst.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Norbert Bluecher

18.08.2015, 12:26 Uhr

Wenn die Klausel über den Kündigungsverzicht für 30 Jahre nicht für den Fall der kompletten Aufgabe des Segments gelten soll, hätte dies im Vertrag als Ausschlußklausel erwähnt werden müssen. Da dies nicht der Fall ist, muß Bertelsmann das Segment fortführen oder muß die Partner für die fehlenden Jahre entschädigen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×