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30.04.2014

07:11 Uhr

Schwerer Kurseinbruch

Geht Twitter die Puste aus?

VonAxel Postinett

Der Kurznachrichtendienst kann die Börse mit seinen Zahlen nicht überzeugen, die Aktie bricht deutlich ein. Ein Totalumbruch soll Twitter nun zurück in die Erfolgsspur bringen. Aber dafür ist es womöglich zu spät.

Twitter an der Börse

Hat es sich ausgezwitschert?

Twitter an der Börse: Hat es sich ausgezwitschert?

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New YorkBis zu elf Prozent sackte die Aktie des Kurznachrichtendienstes Twitter am Dienstag im nachbörslichen Handel ab. Twitter arbeitet mit voller Kraft an seinem Turnaround, doch einfach alles an den Zahlen war Mittelmaß, mit einer Ausnahme:  Die geplante Mitarbeitervergütung mit Aktien für dieses Jahr. Sie wird locker 50 Prozent des Umsatzes erreichen, prognostiziert Geschäftsführer Dick Costolo. Ist das die Blase? Die Botschaft, die die Wall Street an Twitter-Chef Dick Costolo schickte, brauchte jedenfalls keine 140 Zeichen: „Wachstum! Und zwar jetzt!“

Zumindest den Mitarbeitern geht es gut: Als Umsatz für das laufende Jahr erwartet Geschäftsführer Costolo rund 1,2 bis 1,25 Milliarden Dollar. Für die  Mitarbeiter werden im gleichen Zeitraum insgesamt Aktien im Wert von 640 bis 690 Millionen Dollar ausgegeben werden, zusätzlich zum normalen Gehalt. Natürlich bekommen sie diese Aktien nicht direkt in die Hand. Sie werden erst nach ein paar Jahren „fällig“. So sollen gute Leute daran gehindert werden, das Unternehmen zu verlassen. Twitter, mit Hauptquartier in San Francisco, kämpft mit den besten Adressen der Welt um die besten Talente.

Damit dieser Vergütungswahnsinn nicht so auffällt, legen sich die Unternehmen gerne eigene, adjustierte Gewinnzahlen zurecht. So meldete Twitter am Dienstag stolz für das erste Quartal 2014 neben einem zum Vorjahr auf 250 Millionen Dollar verdoppelten Umsatz einen hauchdünnen bereinigten (non-GAAP) Gewinn von 183.000 Dollar. Doch werden die strengen US-Bilanzrichtlinien GAAP herangezogen, dann ergibt sich mit Berücksichtigung der Mitarbeiteraktien ein satter Nettoverlust von 132 Millionen Dollar.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Starinvestor David Einhorn sieht die Praxis der zurechtgerückten Gewinnzahlen, eine Spezialität der Silicon-Valley-Unternehmen, mit Skepsis. In seinem jüngsten Brief an die Investoren nannte er zwar keine Aktie beim Namen. Aber ein Grund für die kommende „Tech-Bubble“, davon ist er überzeugt, ist die Ablehnung „konventioneller Bewertungsmethoden“: „Und wieder einmal“, so Einhorn, „werden bestimmte ‚cool kids‘-Companies und ihre Cheerleader unter den Analysten behaupten, Bezahlung in Aktien ist kein Bargeldabfluss und kann deshalb ignoriert werden.“ 

Aber er kann das aus Aktionärssicht nicht nachvollziehen: „Das mag Sinn machen, wenn man die Kreditwürdigkeit berechnen will. Aber wie kann man als Investor, der den Wert eines Unternehmens als Vielfaches des Profits messen will, die tatsächlichen Kosten durch die Verwässerung in der Zukunft ignorieren?“, fragt er. Irgendwann werden alle diese Aktien Realität. Zum Beispiel am 5. Mai läuft die erste Aktien-Haltefrist für Mitarbeiter nach dem Börsengang aus.

Das alles könnte man vielleicht noch akzeptieren, wenn die Wachstumszahlen Gewinnexplosionen erhoffen lassen. Analysten und Investoren sind bei Twitter deshalb messerscharf auf die Wachstumszahlen fokussiert. Und hier gab es nicht all zu viel Positives zu berichten. Die Zahl der monatlichen aktiven Nutzer ist zwar im Jahresvergleich um 25 Prozent gestiegen, aber gegenüber dem Vorquartal nur um 5,9 Prozent. Das ist für ein Unternehmen, das mit Facebook mit über 1,3 Milliarden Mitgliedern um die Werbegelder konkurrieren muss, nicht berauschend. Brian Blau, Analyst bei Gartner, fasst es so zusammen: „Es hat die Erwartungen getroffen, aber die waren auch nicht gerade hoch. Das Wachstum war ok, aber ok reicht halt nicht mehr.“

Kommentare (1)

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30.04.2014, 08:56 Uhr

Wer aus 2001 nichts gelernt hat, muss bluten. Und das ist gut so...

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