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31.03.2016

15:57 Uhr

Sexismus in der Werbebranche

Wenn Frau Schmidt plötzlich „Baby“ heißt

VonCatrin Bialek

Ein Agenturboss soll eine Mitarbeiterin aufgefordert haben, ihn auf die Toilette zu begleiten, um sie dort zu vergewaltigen. Dieser Fall lässt die Branche über Sexismus streiten. So auch die mächtigsten Werber der Welt.

Die US-amerikanische Serie „Mad Man“ spielt in der fiktiven Werbeagentur Sterling Cooper – und spiegelt die Verhältnisse der Werbebranche der 1960er-Jahre wider. So stellt Kreativdirektor Don Draper (Jon Hamm), ein kettenrauchender Frauenheld, seine Verführungskünste unter Beweis. Reuters

Werbebranche

Die US-amerikanische Serie „Mad Man“ spielt in der fiktiven Werbeagentur Sterling Cooper – und spiegelt die Verhältnisse der Werbebranche der 1960er-Jahre wider. So stellt Kreativdirektor Don Draper (Jon Hamm), ein kettenrauchender Frauenheld, seine Verführungskünste unter Beweis.

DüsseldorfSexismus ist kein Thema, das von der Werbebranche gepachtet ist. Und doch beherrscht die Frage, welchen Anzüglichkeiten und Annäherungsversuchen weibliche Mitarbeiter in Agenturen ausgesetzt sind, derzeit die Gemüter vieler Werber.

Auslöser der hitzigen Debatte ist eine Anzeige von Erin Johnson, Kommunikationschefin bei der US-Agentur J. Walter Thompson (JWT), gegen ihren Chef, Gustavo Martinez. Ihr Vorgesetzter soll sie, so heißt es, vor Mitarbeitern aufgefordert haben, ihn auf die Herrentoilette zu begleiten, damit er sie dort vergewaltigen könne. Außerdem soll er sich bei ihr – ebenfalls unter Zeugen – erkundigt haben, an welcher Frau er sich vergehen könne.

Abfällige Äußerungen über Juden und Schwarze sollen das Potpourri der Unglaublichkeiten abgerundet haben. Martinez hat die Anschuldigungen zurückgewiesen, an den „haarsträubenden Vorwürfen“ sei absolut nichts dran, so wird er zitiert. Der britische Werbekonzern WPP, zu dem die Agentur JWT gehört, fackelte allerdings nicht lange und trennte sich von dem Manager. „Im gegenseitigen Einvernehmen und im besten Interesse der Agentur“, so hieß es.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Lieber Spaß als Macht

Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

Keine Ellenbogenmentalität

Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

Übersteigerter Teamgeist

Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

Falsche Studienwahl

Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

Zu wenig Selbstbewusstsein

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

Chefinnen unerwünscht

Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

Rivalität unter Frauen

Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

Über Geld spricht man nicht

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

Familie oder Beruf? Familie!

Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

Der fehlende Wille

Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

Könnte es einen Fall Martinez auch in Deutschland geben? „Nein, so etwas ist sicherlich ein Ausnahmefall“, meint Britta Poetzsch, Global Creative Director der Agentur Ogilvy. Androhung von Vergewaltigung, nein, aber Sexismus? „Darüber könnte ich ein Buch füllen“, bestätigt Poetzsch trocken.

Sie habe sie schließlich noch erlebt, die Nackenmasseure, die plötzlich hinter dem Bürostuhl auftauchen. Die Sprücheklopfer, die – verpackt in eine humorvolle Tonlage – eindeutig schlüpfrige Angebote machen. Die Vorgesetzten, die sich keine Namen merken wollen, sondern ihre Mitarbeiterinnen stattdessen mit „Häschen“ und „Schätzchen“ anreden. Auch beliebt: „Baby“. Amerikanisch ausgesprochen, lässig dahin gesagt, meint so mancher Mann, dass das eine passende Anrede für seine Kolleginnen ist.

Sind Sie schon einmal Opfer von Sexismus am Arbeitsplatz geworden?

Doch wenn Frau Schmidt plötzlich „Baby“ heißt, was bedeutet das eigentlich? „Frauen werden dann sicherlich nicht auf Augenhöhe behandelt“, meint Poetzsch. „Und überhaupt: Wo ist denn hier die Grenze?“

„Es kommt etwas darauf an, wie man Sexismus definiert“, sagt auch Dörte Spengler-Ahrens, Kreativ-Geschäftsführerin der Agentur Jung von Matt. „Diskriminierung aufgrund des Geschlechts? Verbale oder tätliche Übergriffe? Vielleicht treffen es die Begriffe Chauvinismus und Machismus mehr. Diese sind über die Branchen hinweg, mehr oder weniger unausgesprochen, an der Tagesordnung.“

Eine ernüchternde Einschätzung. Spengler-Ahrens plädiert dafür, sich dem schwelenden Chauvinismus beherzt in den Weg zu stellen. „Durch selbstbewusstes Auftreten. Durch schlagkräftiges Kontern. Und im Extremfall, durch eine Beschwerde. Einfach auch, um anderen Frauen, die sich vielleicht nicht so trauen, dem Kollegen, Chef oder Kunden etwas entgegenzusetzen, Mut zu machen.“

Kommentare (3)

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Herr Paul Kersey

31.03.2016, 16:18 Uhr

Sicher alles richtig und nicht hinnehmbar. Man sollte dann aber bitte auch den Sexismus gegenüber Männern nicht totschweigen, so als ob es den nicht geben würde. Wenn 2-3 Kolleginen ihren Kollegen "auch nicht von der Bettkante schubsen" würden, fällt das in die gleiche Kategorie. Und ob ein Mann sich von seinen Kolleginnen als "Schnittchen" titulieren lassen muss, ist auch die Frage. Vielleicht sehen Männer das nur nicht so verbissen.

Herr Paul Kersey

31.03.2016, 17:44 Uhr

 Übrigens sehr interessant, wie die Diskussionfreude der ganzen AfDler und Putin-Trolle asymptotisch gegen Null geht, wenn sich ein HB-Artikel mal nicht um die Vereinigten Staaten von Europa, Merkel oder Muslim-Flüchtlinge dreht. Feierabend für heute. Gute Nacht! Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Gerald Gantz

31.03.2016, 17:50 Uhr

Ich denke mal, daß sich die Handelsblatt-Redakteurin Ihren diesbezüglichen Frust von der Seele geschrieben hat.
Hätte ich vom Handelsblatt nicht gedacht.

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