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08.12.2012

12:15 Uhr

„Shareconomy“

Ein nicht ganz ungefährlicher Trend

VonAxel Oppermann

„Shareconomy“ passt gut in den Zeitgeist. Der neue Trend gilt als Grundstein für zahlreiche neue Geschäftsmodelle. Doch was verbirgt sich wirklich hinter dem Begriff? Eine genauere Betrachtung lohnt in jedem Falle.

Der US-Konzern Amazon probt gerade das "Verleih-Geschäft". Reuters

Der US-Konzern Amazon probt gerade das "Verleih-Geschäft".

KasselShareconomy, Share Economy, kollaborativer Verbrauch („Collaborative Consumption“), Peer-to-Peer-Marktplätze oder „die gemeinsame Wirtschaft“ sind ganz unterschiedliche Begriffe für einen Trend: Die Transformation der wirtschaftlichen Denkmuster vom Haben zum Teilen. Also die Wandlung von einer Eigentumsgesellschaft mit monetären Wertausgleichssystemen in eine Besitzgesellschaft mit monetären (oder nicht-monetären) Wertausgleichssystemen. Und gerade in dieser Tendenz liegt eine enorme Gefahr für unser Wirtschafts- und Wertesystem. Auch wenn der Nutzen für den Einzelnen (kurzfristig) positiv erscheint, übersteigt die Summe der Risiken die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaft. Dabei passt doch dieser Trend (scheinbar so gut) in den allgemeinen Zeitgeist, und ist der Grundstein für neue Geschäftsmodelle und den nächsten Wachstumsschub.

„Shareconomy“ schalmeit es gegenwärtig überall durch das Bildungsradio, ist Bestandteil der medialen Diskussion und bildet so auch das Leitthema einer IT-Messe, der CeBIT im kommenden Jahr. Dabei wird der Begriff unterschiedlich ausgelegt und gedehnt. Während es die Messebetreiber der CeBIT eher etwas enger verstehen, und einige Anbieter, die in diesem Themenfeld aktiv sind, eine Definition wählen, die ihrem primären Ziel – dem Absatz – dient, handelt es sich bei diesem Thema um ein extrem mehrdimensionales Konstrukt, welches nachhaltige Auswirkungen auf die Wirtschaft und Gesellschaft hat.

Natürlich bieten einige Ansätze, wie der in den USA erfolgreich durch Amazon eingeführte Buchverleih für Schüler und Studenten, einen Mehrwert. Studenten leihen hier für ein Semester ein teures Fachbuch, nutzen die Inhalte und geben es nach bestandener Prüfung zurück. Selbstredend ist es spaßig, mit Freunden neue Städte zu entdecken und kurzfristig private Unterkünfte über Peer-to-Peer-Marktplätze zu mieten. Und auch der Gedanke, sich in chronisch verstopften Städten nicht um Parkplätze kümmern zu müssen und ein Auto nach dem jeweils aktuellen Bedarf auszusuchen, zu „sharen“ und sorglos zurückzugeben, ist charmant.

Setzen sich Angebote, Geschäftsmodelle und Services durch, die auf kollaborativem Verbrauch, Pay-per-use oder sonstigen Nutzungsmodellen beruhen, führt dies dazu, dass sich kurzfristig immer mehr Menschen immer mehr Waren und Dienstleistungen „leisten“ können. Wird national in gesellschaftlichen Klassen gedacht, so können sich hierdurch bestimmte Schichten (beispielsweise die unterschiedlichen Abstufungen der Mittelschicht) angleichen. Wird auf Ebene einer Markt- und/oder Gesellschaftsentwicklung gedacht, so ermöglicht die Share Economy (auf den ersten Blick) die Verbreitung von Wohlstand (und Freiheit). Nehmen wir als Beispiel ein kleines afrikanisches Land: Das Los von Millionen Menschen in diesem Land ist es (war es), dass sie Jahrhunderte hindurch von einigen Privilegierten unterdrückt, ausgebeutet und erniedriget wurden. Hierdurch kam es für eine breite Masse an Menschen – für ganze Regionen – zu Armut. In Folge waren diese Regionen für viele privatwirtschaftliche Unternehmen kein lukrativer Markt. Klassisch produzierte und vermarktete Produkte können in diesen Märkten nicht zu relevanten Preispunkten platziert werden. Durch Share Economy werden diese Regionen zu Absatzmärkten. So hilft Share Economy die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in bisher benachteiligten Regionen (scheinbar) positiv zu beeinflussen. Kurzfristig stimmt dies auch. Mittel- bis langfristig entstehen jedoch für Individuen, Gesellschaft und Staat Abhängigkeiten gegenüber wenigen Wirtschaftsunternehmen, wie wir sie bereits heute bei der Lieferung von Rohstoffen (auf Rohstoffmärkten) deutlich wahrnehmen können.

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