Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.05.2016

11:54 Uhr

Software als Zukunftsgeschäft

Blackberry ohne Blackberrys

VonChristof Kerkmann

Blackberry erfindet sich neu – mit dem Scheckbuch: Der einstige Smartphone-Pionier hat mehrere Firmen übernommen, um sein Softwaregeschäft zu stärken. Geld für weitere Zukäufe wäre da, lässt der Konzern wissen.

Die Gegenwart, aber auch die Zukunft? Ob Blackberry noch dauerhaft Smartphones baut, ist ungewiss. Chen setzt auf das Softwaregeschäft. Reuters

Blackberry-Chef John Chen

Die Gegenwart, aber auch die Zukunft? Ob Blackberry noch dauerhaft Smartphones baut, ist ungewiss. Chen setzt auf das Softwaregeschäft.

DüsseldorfDas neue Gerät von Blackberry hat keine Tasten – und man kann damit auch nicht telefonieren. Radar, so der Name, richtet sich allerdings auch nicht an Banken, Behörden und Beratungsfirmen, sondern an Logistikspezialisten: Die kleine Box meldet per Funk, wo sich Container und Trucks befinden, und wie warm und feucht es in deren Inneren ist. Kleine Sensoren erheben diese Werte in Echtzeit. So haben die Manager von überall aus ihre Flotte im Blick.

In einem Pilotprojekt sind erste Trucks mit dem System auf amerikanischen Straßen unterwegs. Es ist ein Beispiel dafür, wofür das neue Blackberry stehen soll: Der einst größte Smartphone-Hersteller der Welt verabschiedet sich Schritt für Schritt aus dem Hardwaregeschäft und setzt auf Software. Die Absicherung und Verwaltung von Smartphones zählt genauso dazu wie die Vernetzung von Fahrzeugen.

Dafür nimmt das kanadische Unternehmen viel Geld in die Hand. Fünf Übernahmen standen allein in den vergangenen zwei Jahren an, weitere sind nicht ausgeschlossen. „Wir haben Mittel von mehr als einer Milliarde Dollar zur Verfügung“, sagt Vertriebschef Carl Wiese gegenüber dem Handelsblatt. Der Konzern will sich eine bessere Zukunft zusammenkaufen. Darauf hoffen allerdings auch andere Unternehmern.

Dass die Zukunft nicht in den Smartphones liegt, ist längst klar. Der Marktanteil ist auf unter ein Prozent gerutscht, im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2015/2016 verkaufte der Hersteller nur 600.000 Geräte. Auch das Modell Priv, das statt des Blackberry-Betriebssystems BB10 Android nutzt, hat das Geschäft offenbar kaum belebt. Konzernchef John Chen redet offen darüber, dass die Sparte zur Disposition steht, sollte sie bis zum Herbst nicht profitabel werden.

In der Zwischenzeit baut das Unternehmen an einem neuen Geschäftsmodell. So übernahm es 2015 für 425 Millionen US-Dollar die Firma Good Technology, die auf das Enterprise Mobility Management (EMM) spezialisiert ist. Experten bezeichnen damit die Einbindung, Verwaltung und Absicherung von Mobiltelefonen, Tablets und anderen Geräten in einer Firma. Im Zeitalter der Vernetzung ist das ein wachsender Markt, dessen Volumen der Marktforscher IDC im Jahr 2015 auf 1,4 Milliarden Dollar schätzte. Hier ist Blackberry durch die Übernahme die Nummer 1.

Abstieg von Blackberry

Ein unterschätzter Konkurrent

Apple stellt im Januar 2007 das iPhone vor. Während Steve Jobs gewohnt großspurig von einer Revolution spricht, gibt sich Blackberry-Hersteller RIM konziliant: Nicht jeder könne auf Glas tippen, das Design der Blackberry-Geräte sei daher überlegen. Im neuen Segment der Smartphones ist RIM eine Bank.

Erstes Blackberry ohne Tasten

Gänzlich unbeeindruckt ist RIM aber nicht: Einige Monate nach dem iPhone-Start bringt das kanadische Unternehmen sein erstes Gerät mit Touchscreen heraus, das Blackberry Storm. Es soll die RIM-Smartphones auch unter normalen Verbrauchern zum Must have zu machen. Das Gerät ist pannenanfällig und bekommt allenfalls durchwachsene Rezensionen. Trotzdem steigert RIM seinen Marktanteil weiter.

Neues Betriebssystem

RIM übernimmt im April 2010 die Software-Schmiede QNX, deren Betriebssystem später die veraltete Blackberry-Software ersetzen und Smartphones, Tablets, aber auch Systeme wie Autoelektronik antreiben soll. Zu diesem Zeitpunkt steht Apple bereits kurz vor der Einführung des iPhone 4. RIM ist technologisch ins Hintertreffen geraten.

Ein Konkurrent fürs iPad?

RIM äußert sich öffentlich zwar skeptisch über Tablet-Computer, arbeitet aber selbst an einem solchen Gerät. Im April 2011 kommt das Playbook heraus. Es hat bereits das neue Betriebssystem QNX an Bord, enttäuscht aber trotzdem die Fachwelt, nicht zuletzt weil anfangs Programme für E-Mail, Kalender und Adressbuch fehlen. Der Absatz verfehlt die Erwartungen, bis der Preis deutlich sinkt.

Kündigungen und Pannen

RIM entlässt im Sommer 2011 Mitarbeiter – offiziell, um die „Kosten zu optimieren“. In den Vorjahren war die Belegschaft rasant gewachsen. Die Moral leidet unter den Einschnitten. Was die Stimmung weiter trübt: Im Oktober fallen die Server von RIM vier Tage lang aus, weltweit haben Nutzer Probleme, auf ihre Mails und Nachrichten zuzugreifen. Dabei sind Sicherheit und Zuverlässigkeit bisher ein Markenzeichen der kanadischen Firma.

Wechsel an der Führungsspitze

Der Druck wird zu groß – die langjährigen Firmenchefs Mike Lazaridis und Jim Balsilie treten im Januar 2012 zurück, bleiben aber im Verwaltungsrat. Der bisherige Vorstand Thorsten Heins, 54, übernimmt.

Neue Geräte, neues Glück?

Nach mehreren Verzögerungen präsentiert RIM im Januar 2013 das neue Betriebssystem Blackberry 10 und sechs neue Smartphones. Sie sollen nicht nur Managern die Arbeit erleichtern, sondern auch Spaß machen – so wie das iPhone oder die zahlreichen Android-Geräte. Doch der Absatz bleibt hinter den Erwartungen zurück, der Marktanteil fällt immer weiter. Das Unternehmen benennt sich um und heißt nun wie sein wichtigstes Produkt.

Neuer Chef krempelt Blackberry um

2013 denkt das Blackberry-Management über einen Verkauf des Unternehmens nach. Am Ende stellt die kanadische Finanzfirma Fairfax mit anderen Investoren eine Milliarde Dollar frisches Geld zur Verfügung. Der deutsche Chef Thorsten Heins geht im November 2013, der frühere Sybase-Chef John Chen übernimmt. Er richtet das Unternehmen neu aus und stellt Software in den Mittelpunkt.

Android als letzte Chance?

Die Geräte mit dem eigenen Betriebssystem wird Blackberry kaum noch los. 2015 bringt der Hersteller sein erstes Smartphone mit einer eigens abgesicherter Version von Android auf den Markt, das Blackberry Priv. Doch der Absatz schwächelt weiter. Konzernchef Chen kündigt an, die Hardwaresparte zur Disposition zu stellen, falls sie bis zum Herbst nicht profitabel wird.

Der Zukauf von Good Technology war ein kluger Schritt: Er habe geholfen, eine Reihe wichtiger Lücken in Sachen EMM zu schließen, erklärt IDC-Berater Mark Alexander Schulte. Das kombinierte Angebot verspreche das, was sich viele Kunden erhofft hätten: Vom Management der Geräte über die Absicherung von Apps bis hin zum Schutz von mobilen Inhalten aus einer Hand.

Derzeit arbeiten die Entwickler daran, die Technologie beider Firmen zu verbinden. So hat Good Technology ein System entwickelt, um vertrauliche Firmendaten in einem geschützten Bereich auf dem Smartphone abzulegen. Dieses Containersystem soll künftig auf der Blackberry-Plattform laufen. Auch andere Funktionen werden integriert. „Die Integration ist dieses Jahr eine wesentliche Aufgabe“, sagt Wiese.

Doch es geht nicht nur um die Verwaltung von Geräten. „Blackberry will Firmen helfen, ihr Geschäft mobil zu machen“, nennt Wiese das Ziel. Wie können Personaler sicher Zeugnisse austauschen, wie können Vertriebler gemeinsam ein Konzept bearbeiten? Wie können Vorstände vertrauliche Verhandlungen führen, ohne Mithörer fürchten zu müssen? Und wie lassen sich Beruf und Freizeit auf einem Gerät vereinen? Gerade in diesen Aufgaben stecken Chancen für Blackberry.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×