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17.02.2014

10:14 Uhr

Spiel mit den Nachrichten

Newsgames – Journalismus zum Spielen

Newsgames sind Nachrichten in Form eines Videospiels. Das neue Konzept zeigt: Informationsvermittlung kann auch Spaß machen. Doch die Nachrichtenspiele bewegen sich mitunter auf einem schmalen Grat.

Das blaue Männchen aus dem Online-Spiel „Prism - The Game“ muss so viele private Fotos wie möglich scannen.

Das blaue Männchen aus dem Online-Spiel „Prism - The Game“ muss so viele private Fotos wie möglich scannen.

KölnKann ein blaues Männchen, das rote Laserpfeile schießt, den Journalismus verändern? Wohl nicht das Männchen allein, aber die Idee dahinter – davon ist Journalist und Computerspiel-Experte Marcus Bösch überzeugt. Seine Firma The Good Evil in Köln hat das kostenlose Online-Spiel „Prism - The Game“ entwickelt. Der Auftrag an den Spieler: „Helfen Sie der NSA!“ Ein Agent – das blaue Männchen – fliegt durchs Web und muss so viele private Fotos wie möglich scannen. Bevor es losgeht, werden Informationen über den US-Geheimdienst und sein Überwachungsprogramm Prism eingeblendet.

„Prism – The Game“ gehört zur Kategorie der Newsgames. Das sind Computerspiele, die mit Hilfe journalistischer Mittel versuchen, Informationen aufzubereiten und zu präsentieren. Für Bösch gehören Newsgames zum Werkzeugkasten, aus dem sich der Journalist der Zukunft bedienen kann. „Games haben einige Vorteile gegenüber den klassischen, linearen Medien“, erklärt er. Denn dort nehmen Menschen Informationen nur auf. „Ein Spiel ermöglicht eine eigene Erfahrung.“ Im Idealfall hat der Spieler dabei auch noch Spaß.

Spiele könnten Zusammenhänge aufzeigen, erklärt Katharina Tillmanns vom Cologne Game Lab der Fachhochschule Köln. Als Beispiel nennt sie den Newsgame-Klassiker „September 12“. Er handelt vom Krieg gegen den Terror nach dem 11. September. Der Spieler kann virtuelle Bomben auf Terroristen abwerfen. Dabei sterben aber auch Zivilisten, deren Angehörige dann zu neuen Terroristen werden.

In „September 12“ werden die Folgen des Anti-Terror-Krieges deutlich gemacht, sagt Tillmanns. Der Spieler könne Entscheidungen aus dem wahren Leben besser nachvollziehen, weil er sie im Spiel selbst treffen muss.

Selbsterfahrung steht auch bei „Steuerflucht für Anfänger“ an oberster Stelle. In dem Spiel auf der Onlineseite des TV-Senders Arte geht es darum, virtuelle Steuergelder so gut wie möglich vor dem Finanzamt zu verstecken. Aufhänger waren die sogenannten Offshore-Leaks – die Enthüllungen von Steueroasen auf kleinen Inselstaaten.

Welche Arten von Online-Spielen gibt es?

Die wichtigsten Begriffe im Überblick

Die Computerspiele-Branche setzt immer mehr aufs Internet. Doch abgesehen davon, dass die Spieler online sind, gibt es erhebliche Unterschiede – wir erklären die wichtigsten Begriffe.

Browser-Spiele

Der Name sagt es: Browser-Spiele lassen sich direkt im Browser aufrufen, zum Beispiel im Firefox oder im Internet Explorer. Für die Anzeige von Multimedia-Elementen ist oft eine Software-Erweiterung (Plug-In) notwendig, beispielsweise Flash. Der neue Standard HTML5 macht derartige Spiele auch ohne Plug-In möglich. Auf dieser Plattform werden unterschiedliche Zielgruppen bedient: Es gibt Gelegenheitsspiele (Casual Games), aber auch komplexere Titel, beispielsweise aufwendige Rollenspiele, bei denen sich viele Nutzer gleichzeitig in der virtuellen Welt tummeln.

Social Games

Als Social Games werden Spiele bezeichnet, die überwiegend über Soziale Netzwerke gespielt werden. Die Idee: Wer sowieso schon mit seinen Freunden vernetzt und häufig online ist, will ab und zu vielleicht auch mit diesen oder gegen diese spielen. Dabei werden Pflanzen gepflegt, Tiere gehegt, Mafia-Kriege ausgefochten oder Städte geplant – die Vielfalt kennt keine Grenzen. Die Hemmschwelle ist zudem niedrig, da fast alle Spiele direkt im Browser funktionieren und kostenlos sind. Geld verdienen Hersteller wie der klare Marktführer Zynga vor allem mit kostenpflichtigen Zusatzangeboten, den virtueller Gütern. Das kann ein neuer Traktor sein, ein Raumschiffantrieb, eine neue Frisur… Viele der Social Games richten sich an Gelegenheitsspieler, da sie wenig komplex sind.

MMOs

MMO (auch MMOG) steht für Massively Multiplayer Online Game. Die erfolgreichste MMO-Unterkategorie sind die MMORPGs – Multiplayer-Rollenspiele wie „World of Warcraft“. Bei typischen MMOs treffen sich sehr viele Spieler über das Internet in einer virtuellen Welt. Diese wird von den Nutzern ständig verändert, die oft enge Beziehungen untereinander unterhalten und sich typischerweise in Gruppen, oft „Clans“ oder „Gilden“ genannt, zusammenschließen.

Einige MMOs laufen im Browser, andere bedürfen der Installation eines Programms auf dem Computer – dafür steigt dann auch die Spielqualität. Weltmarktführer bei MMOs ist seit vielen Jahren „World of Warcraft“, das von der US-Firma Activision Blizzard vertrieben wird.

Casual Games

Hinter diesem Modebegriff verbergen sich simple Spiele für Millionen: leicht zu spielen, mit schnellen Erfolgserlebnissen und kooperativen Elementen. Oft sind es Denk- und Ratespiele, aufgehängt an bekannten Marken wie etwa „Wer wird Millionär“.

Die allermeisten Casual Games erfordern keine besondere Hardware, laufen also auch auf alten Rechnern oder Handys und sind kostenfrei spielbar. Typischerweise bezahlt ein gewisser Anteil der Gelegenheitsspieler für den Download einer Premium-Version oder einen Premium-Zugang, so dass sich die Spiele insgesamt rechnen.

Als eines der ersten Casual Game gilt „Solitaire“, das schon in den 90ern millionenfach gespielt wurde. Im Online-Zeitalter sind Casual Games aber erst richtig populär geworden. Einen weiteren Schub erhielten sie durch das soziale Netzwerk Facebook.

Spiele-Apps

Hier lädt sich der Nutzer ein Programm (umgangssprachlich App genannt) auf sein Smartphone oder auf den Tablet-PC, um spielen zu können. Der stärkere Wettbewerb bei den Smartphone-Betriebssystemen kurbelt auch die App-Branche an.

Die mobilen Spiele werden zunehmend kostenlos zum Download angeboten. Oft sind das aber nur Appetithappen. Wer alle Level spielen will, muss die Vollversion kaufen. Besonders beliebt: „Angry Birds“ von der finnischen Firma Rovio. Die zornigen Vögel sind bereits auf mehr als einer Milliarde mobilen Geräten gelandet.

Im deutschsprachigen Raum gibt es noch recht wenige Beispiele wie „Steuerflucht für Anfänger“, in den USA sind Newsgames schon länger ein Thema. Bereits vor zehn Jahren wurde der New Yorker Verein Games for Change gegründet, der sich mit den gesellschaftlichen Aspekten von Computerspielen beschäftigt. 2008 hielt das Medien-Institut J-Lab einen Workshop zu Newsgames ab. Und der Artikel, der 2013 auf der Webseite der „New York Times“ am häufigsten angeklickt wurde, war ebenfalls ein Spiel: ein interaktives Quiz über amerikanische Dialekte.

Doch Nachrichtenspiele bewegen sich mitunter auf einem schmalen Grat. Ausgerechnet Computergigant Apple weigerte sich, das Spiel „Endgame: Syria“ in seine Vertriebsplattform, den AppStore, aufzunehmen. In dem Kartenspiel geht es um den Krieg in Syrien. Es sei abgelehnt worden, weil es sich auf einen wahren Konflikt beziehe, erklärte der Entwickler des Spiels, die britische Firma Auroch Digital. Apple wollte das nicht kommentieren. Der Entwickler entfernte schließlich den Bezug zum echten Konflikt und benannte das Spiel in „Endgame: Eurasia“ um. Die modifizierte Fassung steht nun auch im AppStore.

Moralische Bedenken gegen Computerspiele sind nicht neu. Ein extremes Beispiel ist „Super Columbine Massacre RPG!“. Das Spiel, das im Jahr 2005 erschien, bezieht sich auf den wahren Amoklauf an der Columbine-High-School in der US-Stadt Littleton. Die beiden 17 und 18 Jahre alten Täter hatten dort 1999 zwölf Mitschüler, einen Lehrer und anschließend sich selbst getötet. Überlebende und Angehörige empfanden das Spiel als pietätlos.

Newsgames-Experte Bösch verwahrt sich davor, das Columbine-Spiel in einen Topf mit seinem Nachrichtenspiel zu werfen. Für Newsgames sollten journalistische Standards gelten, sagt er. „Wenn ein Spiel von Journalisten mit umgesetzt wird – mit der gleichen Sorgfalt, mit der Artikel geschrieben werden –, dann sehe ich kein Problem.“

Von

dpa

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