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18.09.2014

07:37 Uhr

Star-Investor Peter Thiel

Bei Twitter wird „Pot geraucht“

Einer der prominentesten Investoren im Silicon Valley hält wenig vom Kurznachrichtendienst Twitter. Die Firma bleibe weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, schimpft Peter Thiel. Und hat mehrere Gründe dafür parat.

Twitter-Chef Dick Costolo: Reaktion mit Humor. Reuters

Twitter-Chef Dick Costolo: Reaktion mit Humor.

San FranciscoAuf dem Kurznachrichtendienst Twitter verbreiten Stars, Politiker und jedermann auf 140 Zeichen kurze Nachrichten für die Weltöffentlichkeit. Bei Katastrophen finden sich oft hier die ersten Meldungen und Bilder, was für viele die Faszination des Mediums ausmacht. Doch die Firma hinter dem Service schreibt seit langem rote Zahlen. Und einem Star-Investor im Silicon Valley ist deswegen jetzt der Kragen geplatzt.

Twitter werde schlecht geführt, bleibe hinter seinen Möglichkeiten zurück und dort werde „wahrscheinlich sehr viel Pot geraucht“, so Thiel, der zu den ersten Investoren des sozialen Netzwerks Facebook gehörte. Pot ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für Cannabis.

Selbst ein Austausch von Firmenchef Dick Costolo werde an der Firmenkultur bei Twitter wenig ändern, so Thiel weiter in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNBC. Thiel gehörte unter anderem zu den Gründern des später von Ebay gekauften Bezahldienstes Paypal.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

„Man müsste alle feuern und von vorne anfangen“, schimpfte Thiel. „Es hat den Eindruck, dass die Firma extrem hinter dem eigenen Potenzial zurückbleibt. Sie ist schrecklich geführt – wahrscheinlich wird dort sehr viel Pot geraucht.“ Dennoch habe Twitter seiner Ansich nach Potenzial und könne trotz der Unzulänglichkeiten erfolgreich sein.

In der jüngeren Vergangenheit hat es etliche Managementwechsel bei Twitter gegeben. Die Mitgründer Evan Williams, Biz Stone und Jack Dorsey betreiben mittlerweile neue Start-ups, auch wenn Dorsey noch Verwaltungsratschef von Twitter ist. Vorstandschef Costolo hat in diesem Jahr den Finanzchef und den Produktchef ausgetauscht und auch den Vorstand für das operative Geschäft, Ali Rowghani, aus dem Amt gedängt.

Ein Firmensprecher lehnte einen Kommentar zu Thiels Aussagen ab. Einer der ersten Investoren von Twitter, Bijan Sabet, hält Thiels Sicht für „dumm und falsch“. Der angegriffene Costolo reagierte mit einem Scherz. Er arbeite sich gerade durch eine Riesentüte Chips, schrieb er bei Twitter – keine Rede von Pot.

Im Jahr 2010 spendete Thiel übrigens 70.000 Dollar für eine Kampagne, den Konsum von Marijuana in Kalifornien zu legalisieren.

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