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07.12.2016

21:03 Uhr

Start-up-Szene in London

„Wie ein Reh im Scheinwerferlicht“

VonKerstin Leitel

Die Londoner Start-up-Szene fürchtet sich vor den Brexit-Folgen. Anders als bei den Giganten Google und Facebook verliert die britische Hauptstadt für ihre Talente an Attraktivität. Großer Profiteur könnte Berlin sein.

Das  „Nein” der Britten zur EU könnte vor allem für die Londoner Start-up-Szene Spätfolgen haben. Prisma Bildagentur

Brexit-Nachwirkungen

Das „Nein” der Britten zur EU könnte vor allem für die Londoner Start-up-Szene Spätfolgen haben.

LondonEs weht ein eisiger Wind durch die dunkle Halle im Londoner Osten, in der dieses Jahr die Start-up-Messe „TechCrunch Disrupt“ stattfindet. Nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret: Eine Heizung gibt es nicht, und draußen ist es für britische Verhältnisse ungewöhnlich kalt. Aber heiter ist die Stimmung ohnehin nicht. Der Brexit sorgt für Unsicherheit. Auch hier ist der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union das beherrschende Thema. „Natürlich hat das Folgen“, sagt ein Teilnehmer in der Schlange vor der Kaffeemaschine. „Aber nicht für die großen Unternehmen – es wird die kleinen Start-ups treffen“, sagt er.

Dabei könnte die Stimmungslage zwischen den jungen Start-ups und den Internetgiganten nicht unterschiedlicher sein: Die einen fürchten sich, die anderen verbreiten positive Nachrichten. In den vergangenen Wochen haben Branchenriesen wie Google, Facebook oder Apple verkündet, weiter in Großbritannien investieren zu wollen. „Großbritannien bleibt eines der besten Länder für ein Technologieunternehmen“, erklärte Facebook-Landeschefin Nicola Mendelsohn.

Gründer: Diese Fallstricke sollten Sie meiden!

Herdentrieb als Bremse

Möchte kein Teammitglied von der gemeinsamen Meinung abweichen, weil die persönliche Bindung zueinander besonders hoch ist, kommt es laut Thorsten Reiter zum gefährlichen Herdentrieb; dieser führt zu äußerst schlechten Entscheidungsfindungen, da Ideen nicht mehr hinterfragt und keine Vorschläge gemacht werden, die den Status quo gefährden. Als Lösung rät der Experte, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist, eine Person zu bestimmen. Deren Aufgabe ist es dann, die Vorschläge der anderen auseinander zu nehmen. Reiter: „Wenn diese Person oder Gruppe regelmäßig ausgetauscht wird, kann sich das Team so langsam aus dem Herdensumpf herausbewegen.“

Die richtigen Leute zur falschen Zeit

Thorsten Reiter empfiehlt, besonders erfahrene Personen nicht unbedingt schon in der Gründungsphase ins Boot zu holen. Sie sind nicht nur teurer, aufgrund ihres großen Erfahrungsschatzes, sondern bedeuten auch eine Verschwendung von Potential. Warum? „Oft sind sie es gewohnt, bereits existierende Strukturen zu verbessern, Prozesse zu optimieren oder in neue Märkte zu expandieren, so Reiter. „Demotivation und Produktivitäsverlust können die Folge sein.“

Soziale Hierarchien

Werden Ideen und Ansätze nicht nach objektiven Kriterien beurteilt, sondern basierend auf der sozialen Stellung des Vorschlagenden im Team, kann das unterm Strich genauso schädlich sein wie der Herdentrieb. Der Experte rät, die in „Aussätzigen“ und in Ungnade gefallenen Personen im Team gezielt zu reintegrieren. Reiter: „Am besten ist dies möglich, indem du dir die Unterstützung des Hierachieobersten im sozialen Gefüge sicherst und diesen die soziale Rehabilitation des Aussätzigen übernehmen lässt.“

Unausgeglichene Kompetenzen

Konzentrieren sich Gründer beim Besetzen ihrer Teamrollen zu sehr auf die eigenen Kompetenzen und den eigenen fachlichen Hintergrund, kommt es laut Reiter zu „Gründerteams voller Techie-Geeks oder Banden von Sales-Haien, deren Unternehmen und Produkte es niemals auf den Markt schaffen werden, geschweige denn im Markt bestehen können.“ Helfen könnten hier vor allem Mentoren, die tote Winkel in der Wahrnehmung von Kompetenzlücken aufdecken und eventuell sogar bei der Einschätzung vielversprechender Kandidaten helfen.

Schnäppchen auf dem Arbeitsmarkt

Eine weniger gut ausgebildete Arbeitskraft wird doch die simple Aufgabe ausreichend erledigen können? Falsch gedacht, sagt Thorsten Reiter. „Egal ob es sich um ein Unternehmen der Serviceindustrie, Gastronomie oder um die Herstellung eines Produkts handelt: Gerade die ersten Mitarbeiter können zwischen Wachstum und damit Erfolg auf der einen sowie Insolvenz und damit Misserfolg auf der anderen Seite entscheiden.“ Machen Sie also zu Beginn keine Schnäppchen beim Humankapital – es zahlt sich einfach nicht aus.

Fazit

Sie wollen nicht eines Tages einer Meuterei zum Opfer fallen? Dann setzen Sie sich frühzeitig mit diesen Komponenten im eigenen Team, aber auch bei Kunden und Partnern auseinander. Reiter: „Immer wenn es um die menschliche Komponente des Business geht, lernen auch erfahrenste Geschäftsleute nie aus.“

Im kommenden Jahr will sie hier 500 Mitarbeiter neu einstellen. Google-Chef Sundar Pichai bleibt England ebenfalls nach dem EU-Referendum treu: Der Internetgigant will einen neuen Firmenkomplex bauen und 3000 Mitarbeiter anheuern. Schon seit Jahren war das im Gespräch, nun hat Google eine Entscheidung getroffen. „Ein Bekenntnis zur Attraktivität des Standorts Großbritannien“, freuen sich Politiker wie Finanzminister Philip Hammond, der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan und Matt Hancock, als Kulturminister zuständig für die Technologiebranche. Doch in den Messehallen der TechCrunch ist die Meinung zu diesen Nachrichten zurückhaltender. Euphorie sieht anders aus.

„Große Firmen werden weiter in Großbritannien investieren“, sagt James Wise von der Venture-Capital-Gesellschaft Balderton. Das Umfeld sei gut und es gebe Hoffnung, dass die britische Regierung die Bedeutung der Technologiebranche erkenne. Doch im gleichen Atemzug weist er auf das Risiko hin, dass Großbritannien durch den Brexit an Anziehungskraft für neue Mitarbeiter verlieren könne – und besonders Unternehmen aus dem digitalen Bereich seien stark abhängig von ausländischen, gut ausgebildeten Mitarbeitern. Bislang würden diese sich auf der Suche nach einem Job im Ausland häufig für Großbritannien entscheiden, und fast jedes zweite Start-up auf der Insel wurde gegründet von jemand, der nicht aus Großbritannien stamme.

Start-up-Event Slush: Wo sind die Deutschen?

Start-up-Event Slush

Wo sind die Deutschen?

Auf dem Start-up-Festival Slush präsentierten 2000 Gründer ihre Ideen – und hofften auf finanzstarke Geldgeber. Firmengründer aus der ganzen Welt waren in Helsinki und fragten sich: Wo sind die Deutschen?

Mit dem Brexit könnte sich das ändern. Zumal die Konkurrenz vom Kontinent eine Chance wittert, Unternehmensgründer zu sich nach Berlin, Paris oder Stockholm zu locken. Für Aufsehen in der Szene sorgte ein Fahrzeug aus Deutschland, das im Sommer mit der Aufschrift „Dear start-ups, keep calm and move to Berlin" durch London fuhr. Sie müsse nicht einmal Busse losschicken, um Werbung für Paris zu machen, sagt Axelle Lemaire, Frankreichs Ministerin für Innovation, nun selbstbewusst. Denn die Frage sei, ob sich ausländische Arbeitskräfte nach dem Brexit-Votum überhaupt noch willkommen fühlen.

In einem Aspekt macht sich der Brexit bereits jetzt konkret bemerkbar: beim Gehalt. Durch den Rutsch des Pfund Sterlings nach dem EU-Referendum verdient ein britischer Entwickler von Internetseiten rund 20 Prozent weniger als im europäischen Ausland. Ein Nachteil, gerade im Konkurrenzkampf mit internationalen Städten. Für internationale Großkonzerne wie Apple oder Google könnte sich das sogar als Vorteil erweisen. Denn in ihrer Rechnung werden die Mitarbeiter in Großbritannien durch den Währungsverfall preiswerter – und erhöhen somit indirekt den Gewinn.

Kommentare (2)

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Tschortscho Eibl

08.12.2016, 09:13 Uhr

Ach nee, definitiv net Berlin !!

Jeder mit Hirn gesegnete Mensch wird kein Unternehmen in Schilda gründen.

Allein der Tsunami an Vorschriften und Verordnung der dich überflutet sorgt dafür, dass ein vernünftiges Arbeiten unmöglich ist.

Bevor etwas verkauft ist will das Finanzamt Umsatzprognosen monatlich, solltest du auf die Schwachsinnsidee kommen Mitarbeiter einzustellen, ist ein zusätzlicher Mitarbeiter erforderlich der diese verwaltet.

Gnadenlos sind Arbeitnehmerbeiträge für Krankenvers. IHK und diverse andere Versicherungen, Produkthaftung und.und. fällig bevor ein Cent in der Kasse ist!

Letzte Woche hier zu lesen "Startup ZahlungsApp Erfinder Invest 1,7 MIO nach einem Jahr Pleite"

Was sagt uns das.

Um eine Gamer-App zu erfinden, ist weder ein Millionen-Budget erforderlich, noch muss ich man als Standort Europa wählen.
Das mache ich in der Karibik! Wenn mir nix einfällt geh ich zum KIten oder zum Segeln.
Dort nerven mich keine Schwachsinns-Verordnungen an.

Im Gegensatz zum Vertrieb von Blechkisten, gestaltet sich die Vermarktung von Software mehr als easy :-)

Wer heute noch glaubt, dass man so eine Bombe wie den Neuen Markt, mit Firmen gründen kann, deren Wert ungefähr den "Gelben Seiten" der Post entspricht und die Anleger dann mit Aktien über den Tisch ziehen kann, die nix wert sind.

So ein Coup gelingt nur einmal!

Ich arbeite in diesem Land seit 85 auf eigene Regie in der IT als ONE-Man Show.
Für die Banken bist du eine Kümmer-Existenz da gibt's net einmal einen Überziehungskredit ! Geschenkt , geht auch anders.
Das Finanzamt sieht dich als Großverdiener.

Papierkrieg ohne Ende, jede Woche ist eine grüne Tonne voll ,mit unsinnigen Multiple-Joice-Fragebögen damit der Wasserkopf seinem Selbstzweck gerecht wird.

Ich bin kreativer Freidenker, meine Auftragslage ist i.O. weil ich nicht für Großbetriebe sondern ausschließlich für den Mittelstand tätig bin !!



Herr Marc Hofman

08.12.2016, 10:06 Uhr

Berlin mit London zu vergleichen....ein schlechter Witz, oder was?!

Berlin ist eine Stadt der Versager, der Schuldner..eine Stadt ohne Tradition und Kultur.
London ist weltoffen, hat Tradition und Kultur. Hat seine eigen Währung (Pfund) und kann frei entscheiden, weil es nicht mehr der EU angehört.

London ist Besser als Frankfurt und erst recht als Berlin!

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