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17.09.2015

15:50 Uhr

Streaming-Dienst

Wie der Netflix-Effekt Ihren TV-Konsum verändert

VonStefan Winterbauer
Quelle:Meedia.de

Vor einem Jahr startete der Streaming-Dienst Netflix sein deutsches Angebot. Die kritischen Stimmen zum Start waren laut – die Bilanz nach einem Jahr fällt positiv aus. Und verändert die Fernsehgewohnheiten.

TV-Sender und vor allem die Pay-Plattform Sky haben sich zum Start von Netflix betont gelassen gegeben. Allerdings ist auffällig, wie vor allem bei Sky emsige Betriebsamkeit einsetzte, als Netflix den deutschen Markt betrat. ap

Netflix

TV-Sender und vor allem die Pay-Plattform Sky haben sich zum Start von Netflix betont gelassen gegeben. Allerdings ist auffällig, wie vor allem bei Sky emsige Betriebsamkeit einsetzte, als Netflix den deutschen Markt betrat.

Das Angebot sei zu klein, es gebe zu wenige deutsche Inhalte, die Top-Serie „House of Cards” laufe gar nicht bei Netflix. Es hagelte reichlich Kritik an dem US-VoD-Dienst bevor das deutsche Angebot überhaupt startete. Der Tenor vieler Berichte: Die Enttäuschung sei programmiert. Nach einem Jahr muss ich feststellen: Ich habe noch nie so viel gutes Fernsehen innerhalb eines Jahres gesehen wie bei Netflix.

Zwar läuft Netflix’ Vorzeigeserie „House of Cards” mit Kevin Spacey als Politik-Monster in Washington noch immer zuerst bei Sky – aber was soll’s? Mit Zeitverzögerung sieht man die Folgen auch bei Netflix in Deutschland und letztlich ist es nur eine Serie von vielen. „House of Cards” mag noch eine vierte und vielleicht eine fünfte Staffel erleben – allerspätestens dann dürfte Schluss sein. Die Serie hat schon in Staffel 3 dramaturgisch zu kämpfen, ihr Niveau zu halten.

Dafür überschüttet Netflix seine Kundschaft geradezu mit exklusivem, hochklassigem, neuen Material. Die Historien-Serie „Marco Polo” bot in erster Linie Schauwerte. „Daredevil” definierte das Genre der Superhelden-Verfilmungen neu. Das Familiendrama „Bloodline” ist anspruchsvolle Erwachsenenunterhaltung. Das „Breaking Bad”-Spin-off “Better call Saul” und die schwarzhumorige Reihe „Fargo” waren beste Unterhaltung. „Unbreakable Kimmy Schmidt” ist vielleicht die originellste neue Sitcom seit Jahren. Und bevor man Luft holen konnte, schickt Netflix mit der weltweit gedrehten Mystery-Reihe “Sense8” und dem Drogen-Epos „Narcos” schon die nächsten Kracher ins Rennen.

Alles rund um Netflix

Alternative zu den Videotheken

Die Netflix-Gründer Reed Hastings und Marc Randolph wollte eine Alternative zu den Videotheken aufbauen. 1997 fingen sie an, DVDs online zu verleihen – ohne Säumnisgebühren, die viele Nutzer nervten. Später führte das Unternehmen eine Flatrate ein.

Online-Dienst als zweites Standbein

2007 führte das Unternehmen einen Online-Dienst ein, Nutzer konnten die Filme auch übers Internet streamen. Für dieses Nebenprodukt verlangt Netflix seit 2011 auch Geld – erst empörten sich die Nutzer darüber, dann arrangierten sie sich damit.

Den Vorlieben der Nutzer auf der Spur

Netflix hat einen Algorithmus entwickelt, um die Vorlieben der Nutzer genau erfassen und passende Genres vorschlagen zu können. Das Unternehmen wertet zudem aus, welche Serien und Filme besonders häufig illegal heruntergeladen werden.

Einladung zum „Binge Watching“

Der Online-Dienst bietet alle Folgen einer Serie auf einen Schlag an – wer will, kann beispielsweise ein ganzes Wochenende mit der neuen Staffel von „House of Cards“ verbringen. Experten sprechen vom „Binge Watching“, also einer Art „Koma-Gucken“.

Schlagzeilen mit Eigenproduktionen

Netflix bietet größtenteils bereits ausgestrahlte Filme und Serien an, bemüht sich aber verstärkt um Eigenproduktionen. Die bekannteste ist wohl die hochgelobte Politserie „House of Cards“ mit Schauspieler Kevin Spacey. Auch Anbieter wie Amazon gehen inzwischen diesen Weg.

Expansion jenseits der USA

Der Heimatmarkt ist nicht genug: Netflix expandiert seit einigen Jahren, der Dienst ist bereits in Kanada, Südamerika, Großbritannien und den Niederlanden verfügbar. 2014 kamen diverse Länder hinzu, darunter Deutschland.

Nicht jedem Zuschauer wird dabei alles gleich gut gefallen. Den einen ist „Kimmy Schmidt” vielleicht zu schräg oder „Sense8” mit der ausufernden Transgender-Thematik zu speziell. Und – ja – „Marco Polo” litt in der ersten Staffel an unübersehbaren Drehbuchproblemen. Trotzdem ist die Fülle an Qualitäts-Fernsehen, die Netflix innerhalb von nur einem Jahr rausgehauen haut, überaus beeindruckend.

Die Amerikaner lassen keinen Zweifel daran, dass die Welt ihr Markt ist und dass sie sich in allererster Linie als Inhalte-Produzenten verstehen. Vom DVD-Versender zum weltumspannenden TV-Filmstudio und -Vertrieb der neuen Generation. Die deutsche Konkurrenz wie Maxdome kann da auf Dauer vermutlich nicht mithalten. Allenfalls noch Amazon Prime Video. Netflix sieht die eigenen Exklusiv-Inhalte klar als strategisch entscheidend an. So wurde der Abopreis für das Standardabo jüngst moderat um einen Euro moderat erhöht, weil man noch mehr Geld in die Produktion investieren will.

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