Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.09.2015

17:43 Uhr

Streamingdienst gegen Spotify und Apple

Aldi wird zum Musik-Discounter

VonChristof Kerkmann

Nicht zum ersten Mal mischt Aldi eine Branche mit Kampfpreisen auf. Nun ist das rasant wachsende Musik-Streaming an der Reihe. Mit „Aldi Life“ unterbietet der Discounter etablierte Konkurrenten wie Spotify oder Apple.

Kampfpreise vom Discounter

So will Aldi den Musikmarkt aufmischen

Kampfpreise vom Discounter: So will Aldi den Musikmarkt aufmischen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

DüsseldorfAldi ist dafür berüchtigt, die Konkurrenz mit Kampfpreisen unter Druck zu setzen. Wenn der Discounter bei Milch, Eiern oder Kaffee den Rotstift ansetzt, tun es ihm viele andere Handelsketten nach. Nun wollen die beiden Unternehmensgruppen Aldi Nord und Aldi Süd das Billigprinzip auf Musik übertragen: Ab Donnerstag bieten sie den Streaming-Dienst „Aldi Life“ an – für rund acht Euro im Monat an und damit zwei Euro günstiger als Konkurrenten wie Spotify und Deezer. Die beiden Ketten wollen sich damit in einem stark wachsenden Markt etablieren. Die Musikbranche hofft auf einen Schub für den stark wachsenden Markt.

Der Discounter entwickelt sein Musikangebot nicht selbst: Er nutzt die Technik des Streamingdienstes Napster – in der App ist der Schriftzug klein zu sehen. So verwundert es nicht, dass „Aldi Life“ in vielerlei Hinsicht Konkurrenzprodukten wie Spotify, Deezer oder Apple Music ähnelt: Abonnenten können rund 34 Millionen Songs und mehr als 10 000 Hörbücher direkt aus dem Netz abspielen, redaktionell zusammengestellte Kompilationen abspielen und selbst Playlisten anlegen. Auch 4000 Radiosender lassen sich darüber abrufen. Die App für Smartphones und Tablets ermöglicht außerdem die Erkennung von Liedern, etwa aus dem Radio.

Discounter attackiert in Australien: Aldi bläst zur nächsten Schlacht

Discounter attackiert in Australien

Aldi bläst zur nächsten Schlacht

Der Billigheimer Aldi will jetzt auch im Westen und Süden Australiens Fuß fassen.

Der große Unterschied liegt im Preis. Die meisten Dienste verlangen zehn Euro im Monat, auch Napster selbst. Diesen Standard unterbietet Aldi nun und verlangt acht Euro, genauso übrigens wie Web.de und Deezer. „Das ist ein ähnliches Modell wie bei Aldi Talk“, sagt Sandro Fabris, Manager beim Elektronikhersteller Medion, der den Dienst für den Discounter entwickelt hat. Auch die Mobilfunktarife sind vergleichsweise günstig – über den massenhaften Verkauf lohnen sie sich trotzdem.

Es ist eine Ironie der Geschichte: Der Name Napster stand um die Jahrtausendwende für eine beliebte illegale Tauschbörse und wurde so zum Synonym für die Krise der Musikindustrie. Seit 2011 gehört die Marke jedoch dem amerikanischen Streamingdienst Rhapsody, der darunter sein Geschäft außerhalb Amerikas betreibt. Nun könnte das legale Angebot helfen, die Einnahmen mit digitaler Musik in Deutschland nachhaltig zu steigern.

Das Streaminggeschäft gewinnt derzeit enorm an Bedeutung. In Deutschland werden die Umsätze nach einer Prognose von Pricewaterhouse Coopers (PwC) deutlich steigen: Für 2019 prognostizieren die Experten 426 Millionen Euro Umsatz. Der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) sieht eine „enorme Dynamik“, die den Rückgang im Geschäft mit physischen Datenträgern ausgleiche. Auch wenn aus dem klassischen Verkauf von CDs und Schallplatten immer noch rund 75 Prozent der Erlöse stammen, drängt Aldi in einen Markt mit großem Potenzial.

Man wolle die „insbesondere die jüngere Zielgruppe erreichen, bei der Musikstreaming bereits sehr beliebt ist“, erklärte Aldi Nord auf Anfrage des Handelsblatts. Neben Geräten wie Tablets oder Smartphones könne das Unternehmen nun auch „die passende Software anbieten“.

Das müssen Nutzer von Aldi Life Musik wissen

Was sind Musik-Streamingdienste genau?

Sie bieten per Internet Zugang zu einer riesigen Palette von Songs, die sich Nutzer jederzeit anhören können. Die Songs werden aber nicht gekauft oder dauerhaft heruntergeladen. Nutzer hören sie meist als Audiostream per Internetverbindung, bei manchen Anbietern auch offline - aber auch das funktioniert nur mit dem entsprechenden Streamingprogramm als Audioplayer. Es handelt sich also um eine Art personalisiertes „Internetradio“, bei dem jederzeit das Wunschlied ausgewählt werden kann. Viele der Unternehmen bieten auch Radio- und DJ-Funktionen mit fertigen Liederlisten für bestimmte Situationen an.

Wie groß ist die Auswahl?

Aldi Life Musik bietet nach Angaben des Discounters Zugriff auf über 34 Millionen Songs und liegt damit auf einer Höhe mit Spotify. Außerdem bietet Aldis Dienst 4000 Radiosender und gut 10.000 Hörbücher. Das Angebot entspricht in seinem Umfang auch dem von Napster. Generell kann es dennoch immer sein, dass nicht alle Künstler verfügbar sind. Das hat mit den Lizenzverträgen zu tun, die die Anbieter mit Plattenfirmen abschließen. Nutzer sollten generell darauf achten, dass ihr Dienst zumindest mit allen großen Plattenstudios wie Universal Music, Warner Music und Sony Music Entertainment entsprechende Vereinbarungen hat. Generell schwierig kann es sein, ältere oder unbekanntere Künstler zu finden.

Was kann Aldi Life Musik noch?

Die Track Match Funktion ermöglicht es dem Programm, einen Song mit Hilfe des Mikrofons in einem Smartphone oder Tablet-PC zu erkennen und zu den Favoriten des Nutzers hinzuzufügen. Die Voraussetzung ist, dass das Lied auch auf Aldi Life Musik verfügbar ist. Die Audio-Qualität lässt sich je nach Präferenz zwischen 64 und 320 Kilobit pro Sekunde einstellen.

Was kosten die Angebote?

Streamingdienste funktionieren nach dem Abo-Prinzip, also per Monats- oder Jahresbeitrag. Der Kunde kann den Dienst dann nutzen, so oft er will. Die gängigen Anbieter Spotify, Deezer und Apple Music verlangen allesamt 9,99 Euro, so auch Napster selbst. Aldi unterbietet mit 7,99 Euro also die Konkurrenz und sogar den Partnerdienst mit gleich großem Angebot um zwei Euro. Allerdings hat Aldi Life Musik auch keine kostenlose Basis-Variante wie beispielsweise Spotify oder Deezer. Bei Apple Music kostet eine Familienmitgliedschaft für bis zu sechs Nutzer 14,99 Euro.

Welche technischen Voraussetzungen sind nötig?

Erforderlich sind zunächst nur eine Internetverbindung sowie ein internetfähiges Endgerät, für das Abspielen reichen die bekannten Internetbrowser aus. Auf Smartphones muss lediglich eine kostenlose App der Anbieter installiert werden. Die App von Aldi läuft auf den mobilen Betriebssystemen Android, iOS und Windows Mobile. Zu beachten ist, dass das Streaming von Musik nicht unerheblichen Datenverkehr verursacht. Eine Nutzung auf dem Smartphone kann bei Paketverträgen schnell die Flatrate erschöpfen.

Quelle: AFP

Mit dem bekannten Namen und den mehr als 4 200 Filialen in ganz Deutschland könnten die Discounterketten die Musikdienste massentauglich machen, gerade bei älteren Verbrauchern, die bislang selten Digitalabos abschließen. „Der Markteintritt von Aldi verschafft dem Streaming an den Stellen im Markt größere Präsenz, wo viele Kunden das Thema noch nicht für sich entdeckt haben“, sagte BVMI-Geschäftsführer Florian Drücke dem Handelsblatt. Dass es keine kostenlose werbefinanzierte Variante gebe, zeige zudem die „Wertigkeit von Musik“ – Gratisangebote sind in der Branche umstritten.

Von dem Deal soll nicht nur Aldi profitieren. Der Napster-Mutterkonzern Rhapsody könnte damit seine Reichweite steigern. Die Größe spielt im Streaminggeschäft eine wichtige Rolle: Weitere Nutzer kosten kaum Geld, helfen aber, die Kosten für die Infrastruktur einzuspielen. Bislang hat das US-Unternehmen drei Millionen Abonnenten. Schließlich ist da noch Medion: Der Elektronikhersteller beliefert Einzelhandelsketten mit seinen Produkten, Aldi ist ein wichtiger Partner. „Im digitalen Geschäft sind wir das Bindeglied zwischen den Plattformanbietern und den Einzelhändlern“, erklärt Medion-Manager Fabris. Das Unternehmen bietet auch Fotobücher und Mobilfunktarife an.

Update: Auch Web.de vermarktet Deezer zu Preisen ab acht Euro – das haben wir ergänzt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×