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11.11.2015

15:50 Uhr

Streit um Cookie „datr“

Belgien geht Facebook auf den Keks

VonCatrin Bialek

Brüsseler Richter haben Facebook unter Androhung von Strafe verboten, Daten von Nicht-Mitgliedern zu sammeln. Der US-Konzern will dagegen vorgehen – für ihn ist der hartnäckige Cookie eine Frage der Sicherheit.

Das soziale Netzwerk hat juristischen Ärger in Belgien. dpa

Facebook

Das soziale Netzwerk hat juristischen Ärger in Belgien.

DüsseldorfEine kleine Datei, die das US-Freunde-Netzwerk Facebook im Internetbrowser der Nutzer speichert, wird zum großen Streitfall: Ein belgisches Gericht hat dem Unternehmen aus Menlo Park die Nutzung dieser Datei untersagt. Sobald dem Konzern eine amtliche Übersetzung des Urteils vorliegt, muss er die Auflagen innerhalb von 48 Stunden umsetzen. Nach Ablauf dieser Frist ist eine gesalzene Strafzahlung von 250.000 Euro pro Tag fällig.

Mit diesem sogenannten Identitäts-Cookie namens „datr“ sammelt das Unternehmen Informationen über das Surfverhalten von Nutzern auf Internetseiten, die mit dem „Gefällt mir“-Button ausgestattet sind. Es bleibt natürlich nicht beim Sammeln. Facebook speichert die digitalen Fußspuren sorgsam ab; so sorgsam, dass sie für zwei Jahre erhalten bleiben.

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Was den obersten belgischen Datenschützer aber besonders missfällt: Nicht nur die knapp 1,5 Milliarden Mitglieder werden auf diese Weise von Facebook beobachtet – da könnte man ja noch argumentieren, dass sie zuvor bei den Geschäftsbedingungen entsprechend eingewilligt haben. Aber auch Nichtmitglieder des sozialen Netzwerks sind betroffen. Der „datr“-Cookie ist ausgesprochen zäh: Facebook-Nutzer, die ihr Konto deaktivieren, haben ihn noch zwei Jahre lang auf ihrem Rechner hausen.

Für Facebook ist der umstrittene Cookie eine Frage der Sicherheit. Eine Sprecherin sagte am Mittwoch auf Anfrage: „Wir nutzen den datr-Sicherheits-Cookie seit mehr als fünf Jahren, um Facebook für die weltweit 1,5 Milliarden Menschen, die Facebook nutzen, sicher zu halten. Wir werden gegen das Urteil Berufung einlegen und arbeiten daran, mögliche Beeinträchtigungen beim Zugang zu Facebook für Menschen in Belgien zu minimieren.“

Facebooks Weg zum Weltkonzern

Vorläufer Facemash

Als Student an der Harvard-Universität programmiert Mark Zuckerberg mit mehreren Kommilitonen 2003 die Plattform facemash.com. Dort präsentiert er zwei zufällig ausgewählte Fotos von Harvard-Studentinnen – die Nutzer sollen über die Buttons „hot“ oder „not“ die attraktivere auswählen. Weil Zuckerberg die Bilder illegal beschafft hat und das Projekt massive Protesten auslöst, wird es nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

„Thefacebook" geht online

Mark Zuckerberg und seine Mitgründer eröffnen im Februar 2004 „Thefacebook“. Es handelt sich um die Online-Version der gedruckten Jahrbücher. Das Konzept wird bald auf andere Universitäten ausgeweitet und verbreitet sich schließlich weltweit. Zwei von Zuckerbergs Kommilitonen klagen später mit dem Vorwurf, er habe ihnen die Idee für Facebook gestohlen. Der Streit wird im Jahr 2011 mit einem Vergleich beigelegt, die Kläger Tyler und Cameron Winklevoss erhalten 65 Millionen US-Dollar.

Der Newsfeed rückt ins Zentrum

Zweieinhalb Jahre nach der Gründung stattet Zuckerberg die Social-Media-Plattform mit dem Newsfeed aus – also mit einer Chronik, die alle Neuigkeiten aus dem Freundeskreis eines Nutzer anzeigt. Zuerst geht ein Aufschrei durch die Facebook-Gemeinde, die Mitglieder fürchten um ihre Privatsphäre. Doch der Amerikaner hält an seiner Idee fest und schließlich entwickelt sich Newsfeed zum zentralen Element von Facebook. Das Design der Nachrichtenchronik wird seitdem ständig überarbeitet, seit 2012 findet man dort auch Werbung.

Daumen hoch für Facebook

Im Februar 2009 führt Facebook den „Gefällt mir“-Knopf ein. Damit können Nutzer zeigen, dass ihnen etwas gefällt und dafür sorgen, dass sie bestimmte Nachrichten in ihren Newsfeed gespeist bekommen. Inzwischen hat das Symbol eine popkulturelle Bedeutung erlangt.

Profitabel dank Sandberg

Im März 2008 gibt Facebook bekannt, Sheryl Sandberg als Chefin fürs Tagesgeschäft (COO) von Facebook einzustellen. Der Auftrag der Harvard-Absolventin und ehemaligen Google-Managerin ist klar: Sie soll Facebook profitabel machen, was ihr zwei Jahre später auch gelingt. 2012 wird sie vom Time-Magazin in die Liste der 100 einflussreichsten Personen aufgenommen.

Umzug im Großformat

Mehr als 2000 Mitarbeiter beschäftigt Facebook im Juli 2011 – und allmählich werden die überwiegend angemieteten Gebäude in Palo Alto zu eng. Das Online-Unternehmen wird auf der Suche nach einer neuen Zentrale wieder im Silicon Valley fündig: Auf dem ehemaligen Campus des Computerherstellers Sun Microsystems stehen Mark Zuckerberg und seinen Mitarbeitern neun Gebäude auf knapp 24 Hektar zur Verfügung. Weil Facebook kurz zuvor 1,5 Milliarden Dollar von seinen Investoren eingesammelt hat, kann es sich den Umzug problemlos leisten.

Instagram und Whatsapp

Die bis dato größte Investition tätigt Mark Zuckerberg im April 2012: Für eine Milliarde US-Dollar schluckt Facebook das Start-Up Instagram. Das Unternehmen hatte eine gleichnamige App entwickelt, mit der man Fotos bearbeiten und teilen kann. Mit der Übernahme weicht Zuckerberg erstmals von seiner bisherigen Philosophie ab, die nur ein soziales Netzwerk für alle Nutzer vorsah. 2014 bewältigt Facebook eine weitaus größere Übernahme: Die Instant-Messaging-App Whatsapp kostet insgesamt 19 Milliarden Dollar.

Erst hui, dann pfui, dann hui

16 Milliarden US-Dollar an nur einem Tag – so viel Geld spült der bis dato größte Börsengang eines Internet-Unternehmens am 18. Mai 2012 in die Kasse von Facebook. Obwohl Experten einen deutlichen Anstieg des Kurses vorausgesagt hatten, bricht der Wert der Aktie dramatisch ein. Bis August 2012 halbiert sich der Ausgabepreis von 38 Dollar. Erst ein Jahr später wird dieser Wert wieder erreicht – danach steigt die Aktie in ungeahnte Höhen.

Jeder siebte bei Facebook

Im September 2012 verkündet Mark Zuckerberg stolz, dass Facebook die Marke von einer Milliarde Mitglieder geknackt hat. Rein rechnerisch ist somit jeder siebte Mensch der Welt bei dem sozialen Netzwerk angemeldet. Dabei haben die rund 1,3 Milliarden Einwohner Chinas bisher noch nicht einmal offiziellen Zugriff auf Facebook. Die Mitgliederzahlen steigen weiter, wenn auch langsamer als früher.

Geschäftsmodell überzeugt Anleger

Facebook reagiert auf die zunächst schlechte Entwicklung der Aktie: Das Unternehmen setzt alle Hebel in Bewegung, damit die Werbung in dem sozialen Netzwerk einträglicher wird, sowohl auf dem Desktop als auch auf mobilen Geräten – mit Erfolg. So gelingt es auch, die skeptischen Anleger zu überzeugen. Die Facebook-Aktie steigt im Oktober 2015 auf mehr als 100 Dollar.

Facebook-Sicherheitschef Alex Stamos argumentierte jüngst, der „datr“-Cookie helfe, falsche Profile herauszufiltern und verhindere Cyber-Attacken. Wenn ein Internetbrowser binnen fünf Minuten hunderte Seiten besuche, sei das ein Zeichen dafür, dass der Computer von Kriminellen gekapert worden sei. Die Daten, die der Cookie sammle, würden nicht einzelnen Personen zugeschrieben und könnten auch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht werden.

Während Facebook selbst ausschließlich Sicherheitsgründe für den kritisierten Cookie anführt, vermuten Daten- und Verbraucherschützer durchaus auch andere Motive. Denn für das Freunde-Netzwerk ist das Onlineverhalten der Menschen Gold wert – Werbegold, um genau zu sein. Mit Hilfe der Vorlieben und Abneigungen, die die Menschen damit preis geben, kann der IT-Konzern, der sich immer mehr zu einem Werbeunternehmen wandelt, die Reklame der Anzeigekunden deutlich zielgenauer ausspielen.

Die Entscheidung der belgischen Datenschutzkommission passt in die derzeit angespannte Stimmung, die zwischen europäischen Datenschützern und US-Konzernen herrscht. So hatte vor wenigen Wochen der Europäische Gerichtshof (EuGH) das sogenannte Safe-Harbor-Abkommen zur vereinfachten Übermittlung von Daten europäischer Nutzer in die USA gekippt. Zugleich hatten die EuGH-Richter die nationalen Datenschutz-Behörden ermuntert, gegen eine ihrer Meinung nach unzulässige Daten-Weiterleitung vorzugehen. Das ist nun in Belgien geschehen.

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