Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.06.2016

07:07 Uhr

Tech-Brance

„Gawker“-Streit spaltet das Valley

Paypal-Gründer Peter Thiel finanzierte eine rechtliche Attacke gegen das Blog-Netzwerk „Gawker“ und schürt damit Sorgen um den Einfluss des Silicon-Valley-Reichtums auf die Medien. Der Fall trennt auch die Tech-Branche.

Hulk Hogan klagte gegen „Gawker“ und gewann. Reuters

„Gawker“-Streit

Hulk Hogan klagte gegen „Gawker“ und gewann.

San Francisco/BerlinEin Silicon-Valley-Milliardär sieht seine Privatsphäre verletzt, als ein Blog seine Homosexualität enthüllt. Einige Jahre später veröffentlicht die Website dann kurze Fragmente aus einem Sex-Video des Wrestlers Hulk Hogan. Der Promi zieht vor Gericht und bekommt 140 Millionen Dollar zugesprochen, eine Summe, die den Blog-Betreiber aus dem Geschäft werfen kann.

Die beiden Ereignisse haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, außer des Eindrucks, dass hier ein rücksichtsloses Medium schließlich von einer seiner vielen Sünden eingeholt wurde. Doch dann kommt heraus, dass Hogans Klage gegen das Blog-Netzwerk „Gawker“ von Peter Thiel finanziert wurde, ebendiesem Milliardär, dessen Privatleben vor fast zehn Jahren zur Schau gestellt worden war.

Seitdem tobt eine Debatte. Sind das die Vorzeichen einer Zukunft, in der Milliardäre aus der Internet-Branche unliebsamen Medien die Luft abdrehen können – einfach nur, weil sie in Geld schwimmen? Zumal Algorithmen einer Online-Plattform wie Facebook inzwischen immer mehr darüber bestimmen, welche Nachrichten hunderte Millionen Menschen zu Gesicht bekommen. „Gawker“-Gründer Nick Denton beschreibt dieses düstere Szenario bei seiner Verteidigung. „Der Welt ist bereits unbehaglich angesichts der unkontrollierten Macht der Milliardärs-Klasse, der Anhäufung des Reichtums im Silicon Valley und des Einflusses der Technologie auf die Medien“, schrieb er in einem offenen Brief an Thiel, den er zu einer öffentlichen Debatte aufforderte.

Die fünf Schwächen des Silicon Valley

Brutale Personalpolitik

Zu viel Harmonie schade dem wirtschaftlichen Erfolg, lautet etwa das Credo bei Amazon. Berichte ehemaliger Mitarbeiter in der „New York Times“ zeigen, was das bedeutet: nach Mitternacht berufliche Mails, die zu beantworten sind; Appelle, weniger leistungsfähige Kollegen zu verpetzen. Ein früherer Marketing-Mitarbeiter: „Fast alle Leute, mit denen ich zusammenarbeitete, sah ich an ihrem Tisch sitzen und weinen.“

Eintönige Führungskultur

Im Silicon Valley herrscht eine homogene Truppe: weiß, männlich, Mittelklasse. Die Atmosphäre in vielen Start-ups sei „frauenfeindlich“, sagt auch Investorin Nnena Ukuku, deren Eltern aus Nigeria stammen. Schwarze Gründer würden gar nicht ernst genommen. „Das Einzige, was schlimmer ist, als in der Technologiewelt eine Frau zu sein, ist eine schwarze Frau zu sein.“

Prekäre Selbstständigkeit

Die „Uberisierung“ der Wirtschaft, in der Fahrer, Kuriere oder Putzkräfte nicht mehr angestellt sind, sondern Unternehmer, lässt die „Sharing Economy“ boomen. Hotels und Taxi-Gewerbe werden überflüssig. Das schafft Unabhängigkeit, verlagert aber das unternehmerische Risiko. Das Modell sorgt auch bei Behörden für Unmut, die sich um Steuersummen in Millionenhöhe geprellt sehen.

Ende der Privatsphäre

Das Valley feiert die Philosophie ständiger Verfügbarkeit und Arbeitsbereitschaft. Google oder Facebook holen ihre Programmierer morgens mit dem Bus zu Hause ab. Auf dem „Campus“ servieren sie kostenlose Bio-Mahlzeiten. Die Software-Talente können sich die Hosen waschen lassen, der Zahnarzt praktiziert auf dem Firmengelände, neben dem Friseur. Die Firma ist die Familie, manches Mal wie eine Sekte.

Horrende Mietpreise

Im Valley sind die Programmierer die Pop-Stars – mit entsprechendem Gehalt. Längst ist San Francisco so unerschwinglich wie Manhattan: Ein Zwei-Zimmer-Apartment etwa kostet mehr als 4 000 Dollar Miete. Wer jährlich weniger als 100 000 Dollar verdient, gilt als arm. Kein Wunder, dass ein normaler Lehrer seine Miete nicht mehr zahlen kann. So planen Privatschulen wie die Nueva School im benachbarten Nobelbezirk Hillsborough Wohnhäuser für ihre Pädagogen.

Thiel selbst, der die „Gawker“-Journalisten einmal mit Terroristen verglich, sieht sich als Rächer im Namen all derer, die von der Website schlecht behandelt wurden, aber sich nicht zu wehren trauten oder konnten. Es sei eine seiner bedeutenderen Wohltätigkeits-Aktionen gewesen, sagte der Mitgründer des Bezahldienstes PayPal der „New York Times“.

Von so manchem Kollegen aus dem Silicon Valley erntete er dafür Zuspruch. „Danke, Peter Thiel“, schrieb schlicht die Mitgründerin des bekannten Start-up-Programms Y Combinator, Jessica Livingston bei Twitter. Auch Internet-Geldgeber Chris Sacca applaudierte Thiel. „Den Klickfänger-Journalisten müssen Lektionen erteilt werden“, schrieb bei Twitter ein anderer Milliardär und Internet-Investor, Vinod Khosla. In der Presse gebe es heute zu wenig Ethik.

„Clickbait“ – Klickfang – werden Artikel genannt, die Leser mit attraktiven Überschriften zum Anklicken motivieren, der Inhalt steht dabei nicht im Vordergrund. Gerade bei kostenlos zugänglichen Medienwebsites sind Klicks die Währung – mehr Leser heißt mehr Chancen auf Werbeerlöse. Dafür müssen Inhalte her. Mindestens fünf Posts pro Tag und eine Million Leser pro Monat – das sei die Vorgabe für Schreiber bei einem anderen großen Online-Medium gewesen, schrieb jüngst eine frühere Mitarbeiterin. Die „Gawker“-Blogs wie „Valleywag“ trieben das Modell zur Perfektion.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×