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26.01.2015

15:51 Uhr

Teldafax-Prozess

Wie das Handelsblatt den Teldafax-Skandal aufdeckte

VonJürgen Flauger, Sönke Iwersen

Heute hat der Prozess gegen die ehemaligen Manager des 2011 Pleite gegangenen Billigstromanbieters Teldafax begonnen. Das Handelsblatt hatte das Schneeballsystem nach monatelanger Recherche ans Licht gebracht.

Schadenssumme: 500 Mio. Euro

Prozess gegen Ex-Vorstände von Teldafax beginnt

Schadenssumme: 500 Mio. Euro: Prozess gegen Ex-Vorstände von Teldafax beginnt

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BonnAls das Theaterspiel vorbei war, als auch der letzte Vorstand das Handtuch geworfen hatte und der Insolvenzverwalter Biner Bähr zum ersten Mal die Tür zur Zentrale des Billigstromanbieters in Troisdorf öffnete, zeigte sich Teldafax als das, was es wirklich war: das blanke Chaos. Stapelweise stauten sich ungeöffnete Kundenbeschwerden in den Fluren. Meterhoch türmten sich ungelesene Faxe auf den Schreibtischen. Der Kassenbestand lag bei null. Teldafax war ein potemkinsches Dorf mitten im Rheinland. Kurz nach dem Insolvenzverwalter kam die Staatsanwaltschaft.

Die Frage war: Warum so spät? Acht Monate lang hatten wir als Redakteure des Handelsblattes in zahlreichen Artikeln beschrieben, dass Teldafax das größte kriminelle Schneeballsystem war, das in Deutschland existierte. Normalerweise ist eine Zeitung zurückhaltend mit solchen Begriffen. Es gilt die Unschuldsvermutung, niemand darf vorverurteilt werden. In diesem Fall allerdings standen Täter und Opfer quasi mitten im Scheinwerferlicht.

Das Teldafax-Verfahren

Was wird den Angeklagten vorgeworfen?

Konkret geht es um Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betrug und um Bankrotthandlungen wie das nicht ordnungsgemäße Führen der Geschäftsbücher. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, droht den Angeklagten eine Freiheitsstrafe von über fünf Jahren.

Was ist bislang bekannt?

Laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft waren die Teldafax Holding und deren Töchter Teldafax Services und Teldafax Energy bereits Mitte 2009 zahlungsunfähig. Auch wenn zwischenzeitlich Liquidität zur Verfügung stand, habe sich an der Lage der permanenten Unterdeckung nichts geändert, heißt es in der Anklageschrift. Trotzdem habe es der Vorstand nach Bekanntwerden der Insolvenzreife versäumt, innerhalb von drei Wochen einen Insolvenzantrag zu stellen. Dies geschah erst zwei Jahre später.

Wie kam es zum finanziellen Absturz?

Mit Öffnung der Strommärkte setzte Teldafax mit Billigangeboten auf einen schnellen Durchbruch am Markt. Die Tarife finanzierte Teldafax mit den Vorauszahlungen einer immer größeren Zahl von Neukunden. Verluste wurden bewusst in Kauf genommen, Strom wurde günstiger verkauft als Teldafax im Einkauf dafür zahlte. Der Insolvenzverwalter Biner Bär, der Mitte 2011 vom Bonner Amtsgericht zum Insolvenzverwalter ernannt worden war, stellte auf der ersten Gläubigerversammlung unmissverständlich klar: „Hier haben Leute versucht, mit dem Unternehmen Geld zu verdienen auf Kosten anderer.“

Warum gewann Teldafax so viele Kunden?

Zu Beginn der Öffnung des Strommarktes wurde das Geschäft von wenigen Energiekonzernen dominiert. Andere Wirtschaftsbereiche wie die Telekommunikation hatten da bereits gezeigt, welche Preisspielräume möglich sind. Das Interesse an Billig-Tarifen war entsprechend hoch. Je nach Haushaltsgröße sollten Privatverbraucher bis zu mehrere hundert Euro Stromkosten im Jahr sparen können, lautete das Versprechen.

Würde eine Verurteilung der Angeklagten Geschädigten helfen?

Zwar verbessern sich bei einer Verurteilung die Möglichkeiten, Schadenersatzklagen durchzusetzen. Aber die Vermögenslage der Manager wird im Fall der Fälle kaum ausreichen, die Forderungen vollständig zu bedienen. Bei einem Schaden von insgesamt 500 Millionen Euro - das ist die Schätzung des Insolvenzverwalters - werden die vielen Gläubiger vermutlich große Abstriche machen müssen.

Welche Lehren ziehen Verbraucherschützer aus dem Fall Teldafax?

Bundesnetzagentur und Verbraucherschützer warnen schon seit langem bei einem Wechsel des Stromanbieters vor Tarifen mit Vorauszahlung. Geht das Unternehmen Pleite, ist es schwierig, an sein Geld zu kommen.

Während sich die Vorstände monatlich 17.000 Euro netto auszahlten, unterhielten sie sich in Mails darüber, dass die Firma ja eigentlich schon insolvent war. Hunderttausende von Kunden waren mit ihren Vorkasse-Zahlungen in einem System gefangen, dessen Drahtzieher jegliche Skrupel verloren hatten.

Weil wir genau dies aufschrieben, wurden wir für die Teldafax-Führung zur Zielscheibe. Der Begriff „Lügenpresse“ fiel zwar nicht, doch genau das warf der Billigstromanbieter uns vor. Das Handelsblatt würde die Unwahrheit über Teldafax verbreiten – und sei Teil dunkler Machenschaften. Teldafax verklagte das Handelsblatt. Und verlor. Seit Januar 2011 durften wir Teldafax mit richterlichem Segen als Schneeballsystem bezeichnen. Nur änderte dies auch nichts daran, dass dieses System noch ein halbes Jahr ungestört von der Staatsgewalt weiterlief – bis es schließlich unter dem eigenen Gewicht zusammenbrach. Teldafax hinterließ 700.000 Kunden – und laut Insolvenzverwalter einen Schaden von 500 Millionen Euro.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

26.01.2015, 16:26 Uhr

Das i-Tüpfelchen wäre gewesen, wenn Verantwortliche des Finanzamtes mit auf der Anklagebank gesessen hätten, denn eine einzige, kurzzeitig angeordnete Steuerprüfung hätte die Unregelmäßigkeiten und die Zustände aufgedeckt. Lieber schläft man in Ämtern den Schlaf der Gerechten und arbeitet danach die "Vorgänge" im Stapel von oben nach unten ab. Keine Organisation nach Wichtigkeit und keine Übersicht über ihre "Kunden". Reine Zahlenverarbeitung, die frei Haus geliefert werden müssen. Auch wenn man diese Zustände in den Ämtern nicht bestrafen kann, sollten wenigstens die Bezüge, insbesondere der verantwortlichen Vorgesetzten, stark herabgesetzt werden. Markt-und Kundenkenntnisse sind unabdingbar, um seine Aufgaben gut zu erledigen, mangelhaft entspricht nicht den Bezügen und Pensionen!

Herr Manfred Zimmer

27.01.2015, 14:11 Uhr

So können Sie das nicht sehen!

Ist Ihnen etwa bekannt geworden, dass die NRW-Behörden im Ausland hätten eine CD, auf denen die Arbeit der Finanzbeamten bereits hätten kaufen können?

Die Sachlage ist hier schon etwas anders. Sie greifen direkte deutsche Versäumnisse auf und die Dienstaufsicht an. Da kommen Sie nicht weiter. Es gilt das Prinzip der Krähe - Sie wissen schon.

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