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21.09.2013

11:13 Uhr

Tiefrote Zahlen

Blackberry entlässt 4500 Mitarbeiter

Die Talfahrt geht weiter: Der deutsche Blackberry-Chef Thorsten Heins greift nach erneuten Verlusten wieder massiv zum Rotstift. 40 Prozent der Mitarbeiter müssen gehen. Experten sehen für die Zukunft schwarz.

Schlechte Zeiten bei Blackberry: Der Smartphone-Hersteller kündigte Verluste und eine Entlassungswelle an. dpa

Schlechte Zeiten bei Blackberry: Der Smartphone-Hersteller kündigte Verluste und eine Entlassungswelle an.

Toronto/WaterlooDie Krise beim Smartphone-Pionier Blackberry spitzt sich dramatisch zu. Das kanadische Unternehmen streicht nach tiefroten Zahlen 4.500 Arbeitsplätze – das sind rund 40 Prozent der Belegschaft. Der Verlust im vergangenen Geschäftsquartal erreichte fast eine Milliarde US-Dollar, wie Blackberry am Freitag nach vorläufigen Zahlen mitteilte. Grund ist vor allem eine hohe Abschreibung auf nicht verkaufte Geräte des Touchscreen-Modells Z10, das eigentlich die Wende zum Besseren einläuten sollte. Die Börse reagierte extrem: Die Aktie stürzte steil ab und verlor zum Handelsschluss gut 17 Prozent.

Nach dem Stellenabbau sollen noch rund 7.000 Mitarbeiter übrigbleiben. Der deutsche Konzernchef Thorsten Heins will bis zum kommenden Frühjahr die operativen Kosten halbieren. Er hatte bereits im vergangenen Jahr 5.000 Jobs abgebaut. Auch an anderen Stellen wird gespart: Die Modellpalette soll von sechs auf vier Geräte verkleinert werden. Der Fokus soll künftig auf Unternehmenskunden und Profi-Nutzern liegen, hieß es.

Die „schwierigen, aber notwendigen Veränderungen“ seien eine Reaktion auf die Marktposition des Unternehmens und sollen Blackberry näher zur Gewinnzone bringen, erklärte Heins. US-Medien hatten schon vor einigen Tagen berichtet, es könnten bis zu 40 Prozent der Jobs gestrichen werden.

Der Abstieg von Blackberry

Ein unterschätzter Konkurrent

Apple stellt im Januar 2007 das iPhone vor. Während Steve Jobs gewohnt großspurig von einer Revolution spricht, gibt sich Blackberry-Hersteller RIM konziliant: Nicht jeder könne auf Glas tippen, das Design der Blackberry-Geräte sei daher überlegen. Im neuen Segment der Smartphones ist RIM jedenfalls eine Bank.

Erstes Blackberry ohne Tasten

Gänzlich unbeeindruckt ist RIM aber nicht: Einige Monate nach dem iPhone-Start bringt das kanadische Unternehmen sein erstes Gerät mit Touchscreen heraus, das Blackberry Storm. Es soll die RIM-Smartphones auch unter normalen Verbrauchern zum Must have zu machen. Das Gerät ist pannenanfällig und bekommt allenfalls durchwachsene Rezensionen. Trotzdem steigert RIM seinen Marktanteil weiter.

Neues Betriebssystem

RIM übernimmt im April 2010 die Software-Schmiede QNX, deren Betriebssystem später die veraltete Blackberry-Software ersetzen und Smartphones, Tablets, aber auch Systeme wie Autoelektronik antreiben soll. Zu diesem Zeitpunkt steht Apple bereits kurz vor der Einführung des iPhone 4. RIM ist technologisch ins Hintertreffen geraten.

Ein Konkurrent fürs iPad?

RIM äußert sich öffentlich zwar skeptisch über Tablet-Computer, arbeitet aber selbst an einem solchen Gerät. Im April 2011 kommt das Playbook heraus. Es hat bereits das neue Betriebssystem QNX an Bord, enttäuscht aber trotzdem die Fachwelt, nicht zuletzt weil anfangs Programme für E-Mail, Kalender und Adressbuch fehlen. Der Absatz verfehlt die Erwartungen, bis der Preis deutlich sinkt.

Der Brain Drain beginnt

RIM kündigt im Juli 2011 an, 2000 Mitarbeiter zu entlassen – offiziell, um die „Kosten zu optimieren“. In den Vorjahren war die Belegschaft rasant gewachsen. Die Moral leidet unter den Einschnitten, viele Talente und auch etliche Führungskräfte verlassen von sich aus das Unternehmen im kanadischen Waterloo nahe der US-Grenze.

Serverausfall erschüttert Vertrauen

Im Oktober 2011 fallen die Server von RIM vier Tage lang aus, weltweit haben Nutzer Probleme, auf ihre Mails und Nachrichten zuzugreifen. Die Panne trifft RIM ins Mark: Sicherheit und Zuverlässigkeit sind bisher ein Markenzeichen der kanadischen Firma. Die schlechte Krisenkommunikation sorgt für zusätzlichen Frust.

Probleme mit dem neuen System

Auch das noch: RIM darf sein neues Betriebssystem aus markenrechtlichen Gründen nicht BBX nennen. Der neue Name lautet Blackberry 10, oder BB 10, wie RIM im Dezember 2011 erklärt. Zudem verschiebt die Firma den Start auf Ende 2012.

Die Chefs treten ab

Der Druck wird zu groß – die langjährigen Firmenchefs Mike Lazaridis und Jim Balsilie treten im Januar 2012 zurück, bleiben aber im Verwaltungsrat. Der bisherige Vorstand Thorsten Heins, 54, übernimmt.

Neue Geräte, neues Glück?

Nach mehreren Verzögerungen präsentiert RIM im Januar 2013 das neue Betriebssystem Blackberry 10 und sechs neue Smartphones. Sie sollen nicht nur Managern die Arbeit erleichtern, sondern auch Spaß machen – so wie das iPhone oder die zahlreichen Android-Geräte. Doch der Absatz bleibt hinter den Erwartungen zurück, der Marktanteil fällt immer weiter. Das Unternehmen benennt sich um und heißt nun wie sein wichtigstes Produkt.

Neuer Chef krempelt Blackberry um

2013 denkt das Blackberry-Management über einen Verkauf des Unternehmens nach. Am Ende stellt die kanadische Finanzfirma Fairfax mit anderen Investoren eine Milliarde Dollar frisches Geld zur Verfügung. Der deutsche Chef Thorsten Heins geht im November 2013, der frühere Sybase-Chef John Chen übernimmt. Er richtet das Unternehmen neu aus und stellt Software in den Mittelpunkt. Das Hardware-Geschäft lagert er aus - und beendet damit eine traditionsreiche Geschichte.

Ein zentraler Grund für den hohen Verlust sind auch Abschreibungen auf nicht verkaufte Geräte. Das Unternehmen hatte in diesem Jahr in der Hoffnung auf eine Wende das neue Betriebssystem Blackberry 10 gestartet. Die damit ausgestatteten Smartphones verkaufen sich bisher jedoch schlechter als erhofft. Im vergangenen Geschäftsquartal verbuchte Blackberry nur einen Absatz von 3,7 Millionen Smartphones, ein Großteil davon seien noch Geräte mit dem alten System Blackberry 7 gewesen.

An den Handel seien zwar mehr Smartphones ausgeliefert worden, darunter auch neuere Modelle. Sie könnten aber erst berücksichtigt werden, wenn sie an Kunden verkauft werden, erläuterte Blackberry. Zum Vergleich: Samsung setzt pro Quartal etwa 70 Millionen Geräte ab.

Nach Zahlen des Marktforschers IDC sank der Blackberry-Anteil am Gesamtmarkt schon im zweiten Kalenderquartal von rund 5 auf 3 Prozent. Blackberry lotet mittlerweile den eigenen Verkauf aus. Laut Medienberichten wird eine Entscheidung bis November angestrebt. Blackberry legte Eckdaten zu dem Anfang September abgeschlossenen zweiten Geschäftsquartal überraschend eine Woche früher als geplant vor. Am kommenden Freitag sollen jetzt ausführliche Zahlen folgen.

Kommentare (7)

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wilderer

21.09.2013, 01:57 Uhr

Gut, wenn die Konsumenten diesen minutiösen Verblödungsmüll der technischen Moderne nicht mehr so viel kaufen. Immer noch zuviele tragen ihn vor ihrem Face, diesese versenkt beinahe in die Straße, trampeln Dritten auf die Füsse, drehen sich danach in die falsche Richtung und tippseln weiter. Weg mit dem Sondermüll! Ein Schock zum Jahresende für die Mitarbeiter.

HeiriWalker

21.09.2013, 04:09 Uhr

Bin gespannt wie es weitergeht. Ich glaube, jemand wird Blackberry in nicht zu ferner Zukunft uebernehmen. Global sind die zwar am Ende. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Blackberry Indonesien, einen der groessten Wahstumsmaerkte fuer Smartphones, absolut dominiert.

Account gelöscht!

21.09.2013, 10:32 Uhr

Juristisch nennt man das Insolvenzverschleppung, was da Blackberry seit Monaten treibt...

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