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15.02.2017

17:30 Uhr

Toshiba

Tech-Konzern bettelt bei Banken

VonMartin Kölling

Bilanzchaos, Milliardenverlust und Ausverkauf wichtiger Sparten: Der Toshiba-Konzern steckt tiefer in der Krise als gedacht. Das Sorgenkind der Japan AG versucht durch Bettelei bei mehreren Banken Zeit zu schinden.

Chef Satoshi Tsunakawa kündigte unerwartet an, dass Toshiba auf der Suche nach Kapital die Mehrheit oder gar alle Anteile der Chipsparte verkaufen könnte. Reuters, Sascha Rheker

Toshiba-Konzern in der Krise

Chef Satoshi Tsunakawa kündigte unerwartet an, dass Toshiba auf der Suche nach Kapital die Mehrheit oder gar alle Anteile der Chipsparte verkaufen könnte.

TokioWas die Bettelei bei Banken angeht, hat die Führungsriege von Toshiba mittlerweile Übung. Am Mittwoch sprachen Topmanager des japanischen Traditionskonzerns bei mehreren Banken und Versicherern vor. Berichten zufolge wollten sie die Aussetzung von Kreditvereinbarungen, die diesen Monat auslaufen, bis Ende März verlängern lassen.

Der Toshiba-Konzern kommt nicht zur Ruhe. Der Tech-Konzern konnte am Dienstag wegen eines Bilanzskandals und neuen Abschreibungen seine Quartalsskandalen nicht fristgerecht vorlegen – und bat die Börse um einen Monat Aufschub. Doch kurze Zeit später veröffentlichte der Konzern dann doch überraschend eine noch nicht geprüfte Bilanz.

Radikale Ideen, wie die Firma gerettet werden könnte, wurden laut, schockierten Anleger wie Mitarbeiter gleichermaßen. Chef Satoshi Tsunakawa kündigte unerwartet an, dass Toshiba auf der Suche nach Kapital die Mehrheit oder gar alle Anteile der Chipsparte verkaufen könnte. Bisher wollten die Japaner nur 20 Prozent der Anteile verkaufen, um die Kontrolle an ihrer profitabelsten Sparte zu behalten.

Die größten Chiphersteller der Welt

Intel

Mit einem Umsatz von rund 50 Milliarden Dollar ist Intel der mit Abstand größte Chiphersteller der Welt. Seit fast einem Vierteljahrhundert führt Intel die Rangliste nun schon an. Der Konzern aus dem Silicon Valley lebt vor allem von seinen Prozessoren. Sie sind das Gehirn eines jeden Rechners. Die Halbleiter des Unternehmens stecken insbesondere in PCs, Notebooks und Servern. Im Geschäft mit Smartphones konnte Intel nie so recht Fuß fassen. Alles in allem erreicht Intel auf dem Halbleitermarkt einen Anteil von mehr als 15 Prozent.

Samsung Electronics

Die Chipsparte des koreanischen Elektronikkonzerns ist nach Intel weltweit die Nummer zwei und kommt den Experten von Gartner zufolge auf gut elf Prozent Markanteil. Die Asiaten sind vor allem stark in Speicherchips. Samsung beliefert unter anderem auch Apple. Halbleiter sind freilich nur ein Geschäft von vielen von Samsung Electronics. Die Koreaner liefern auch viele andere elektronische Bauteile sowie Waschmaschinen, Smartphones, Fernseher und sogar Kühlschränke und Staubsauger.

SK Hynix

Der zweite große südkoreanische Halbleiteranbieter heißt SK Hynix und liegt in der Weltrangliste auf Platz drei. Der Umsatz: Mehr als 16 Milliarden Dollar. SK Hynix produziert insbesondere Speicherchips und wurde in der Vergangenheit vom Staat gestützt, um eine Insolvenz abzuwenden. Als einer der ganz wenigen großen Chipkonzerne ist SK Hynix 2015 gewachsen.

Qualcomm

In der Öffentlichkeit ist Qualcomm zu gut wie unbekannt, doch in der Halbleiterbranche sind die Kalifornier die Nummer vier mit zuletzt rund 16 Milliarden Dollar Umsatz. Die Firma liefert vor allem Chips für Smartphones. So stark ist Qualcomm auf diesem Feld, dass der Konzern wiederholt mit den Kartellämtern Probleme hatte. Das Unternehmen betreibt keine eigenen Fabriken sondern lässt alle seine Chips in sogenannten Foundries fertigen. Zudem verdient Qualcomm an Lizenzgebühren, weil jeder Handyhersteller auf geistiges Eigentum der Amerikaner zurückgreifen muss. 2015 war jedoch kein gutes Jahr für Qualcomm, der Umsatz ist kräftig gefallen. Mit einem Kurseinbruch von einem Drittel lief es auch auf dem Parkett alles andere als rund.

Micron Technology

Der US-Konzern arbeitet eng mit Intel zusammen und steht auf Rang fünf der Umsatzrangliste der Halbleiterindustrie. Zuletzt lagen die Erlöse bei rund 14,5 Milliarden Dollar. Micron verkauft hauptsächlich Speicherchips. Gemeinsam mit Intel hofft Micron derzeit auf eine ganz neue Generation an Speicherchips. Die neuen Chips sollen 1000 Mal schneller sein als die derzeit gebräuchlichen NAND-Speicherchips. Gleichzeitig können die fortschrittlichen Halbleiter zehn Mal mehr Daten fassen als die herkömmlichen Arbeitsspeicher, die sogenannten DRAMs. Im Gegensatz zu den DRAM-Chips, und ähnlich wie bei NAND, gehen die Informationen bei der neuen Technik nicht verloren, wenn der Strom erlischt. NAND hat in den vergangenen Jahren in vielen Rechnern die Festplatten verdrängt und wird jetzt womöglich selbst durch die neue Technik abgelöst. Intel und Micron haben die neue Technik 3D Xpoint genannt.

Texas Instruments

Vielen Menschen ist der US-Konzern vor allem wegen der Taschenrechner ein Begriff. Dabei lebt Texas Instruments vor allem von Chips und gilt als einer der verlässlichsten und über Jahrzehnte hinweg profitabelsten Anbieter. Der Umsatz lag zuletzt bei gut elf Milliarden Dollar, damit rangiert die Firma auf Platz sechs der Weltrangliste.

Toshiba Semiconductor

Der größte japanische Chiphersteller kam zuletzt auf Erlöse von 8,5 Milliarden Dollar, das reicht für Platz sieben in der Weltrangliste. Der Marktanteil beträgt fast drei Prozent.

Broadcom

Der US-Konzern ist der große Wettbewerber von Qualcomm im Geschäft mit Handychips und liegt auf Platz acht der größten Halbleiterhersteller. Allerdings wird es Broadcom nicht mehr lange geben. Arvago schluckt den Konkurrenten gerade und gibt dafür die Rekordsumme von 37 Milliarden Dollar aus. So viel wurde in der Industrie noch nie bei einer Übernahme auf den Tisch gelegt.

ST Microelectronics

Bislang der größte europäische Halbleiterhersteller, doch diese Position wird der Konzern nicht mehr lange behalten. Der Grund: NXP aus Eindhoven hat Ende 2015 den amerikanischen Rivalen Freescale übernommen und ist wird damit vom Umsatz her an ST Microelectronics vorbei ziehen. Das französisch-italienische Unternehmen ST Microelectronics erreichte zuletzt einen Jahresumsatz von fast sieben Milliarden Euro, das ergab den Marktforschern von Gartner zufolge Platz neun. Die Firma mit Hauptsitz in Genf beliefert zahlreiche Industrien, tut sich aber seit Jahren wirtschaftlich schwer. Eine Bürde ist die Historie, weil es viele Standorte in den beiden Ursprungsländern Frankreich und Italien gibt.

Infineon

Der wichtigste deutsche Chipproduzent und der einzige Hersteller hierzulande in den Top-ten der Branche. Die Münchener sind 2015 um rund ein Drittel gewachsen, vor allem aufgrund der Übernahme des US-Rivalen International Rectifier. Auch an der Börse lief es vergangenes Jahr prächtig, mit einem Kursplus von gut 50 Prozent gehörte die ehemalige Siemens-Sparte zu den größten Gewinnern im Dax. Infineon wird seinen Platz unter den zehn größten Herstellern vermutlich bald verlieren, weil der holländische Wettbewerber NXP den amerikanischen Rivalen Freescale jüngst geschluckt hat.

Autor: Joachim Hofer

Denn viele Anleger halten nur noch Toshiba-Papiere wegen der Nand-Speicher, die etwa in Smartphones verbaut werden. Bei diesen Produkten zählt Toshiba zu den weltweiten Marktführern. Der Aktienpreis gab am Mittwoch um weitere neun Prozent nach. Der Konzern ist im Vergleich zum Vorjahr weniger als die Hälfte wert. Damals machten die Japaner ihre Bilanzschummelei öffentlich.

Doch der Imageschaden für den Toshiba-Konzern ist offenbar größer als zunächst angenommen: Die Wertberichtigung von 5,9 Milliarden Euro für die US-Atomsparte Westinghouse werde das Unternehmen bis März des laufenden Bilanzjahres 3,2 Milliarden Euro in die Verlustzone drücken, heißt es.

Dabei handelt es sich um den zweiten Milliardenverlust in Folge für den Toshiba-Konzern. Schlimmer noch: Ohne das Einwerben von frischem Kapital erwartet der Konzern Ende März sogar einen negativen Firmenwert von 1,3 Milliarden Euro. Shigenori Shiga, Chef des Verwaltungsrates von Toshiba, trat am Dienstag von seinem Amt zurück.

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Auch die Gefahr, dass der Toshiba-Konzern von der Börse in Tokio genommen wird, steigt. Seit Bekanntwerden des Skandals wird der Konzern schon als Kandidat, dem der Börsenrauswurf droht, gelistet. Die einzige Ausweg: Das Unternehmen muss schleunigst sein Finanzgebahren verbessern. Mit der Bitte, die Veröffentlichung der Quartalszahlen zeitlich aufzuschieben, hat der Toshiba-Konzern den Aufsehern allerdings noch mehr belastendes Material geliefert.

Auslöser sind Berichte eines „Whistleblowers“, der auf Probleme bei der firmeninternen Compliance hingewiesen hat. Westinghouse soll bei der Taxierung des Preises für das Bauunternehmen CB&I Stone & Webster Fehler gemacht haben. Dieser Zukauf ist schuld an der Wertberichtigung. Denn wegen einer Kostenexplosion bei zwei Atomkraftwerksprojekten in den USA ist das Unternehmen weniger Wert als Toshiba ursprünglich angenommen hatte.

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