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24.02.2017

12:32 Uhr

Toshibas Kraftwerke

Atomkraft, nein danke!

VonMartin Kölling

Der Toshiba-Konzern stürzt noch tiefer in die Krise: Offenbar prüft der Technologiegigant aus Japan, seine US-Atomkraftwerkssparte Westinghouse in die Insolvenz zu schicken. Befreiungsschlag oder Verzweiflungstat?

Der Toshiba-Konzern soll prüfen, Gläubigerschutz für den amerikanischen Atomkraftwerksbauer Westinghouse nach Chapter 11 zu beantragen. Getty Images

Atomkraftwerk

Der Toshiba-Konzern soll prüfen, Gläubigerschutz für den amerikanischen Atomkraftwerksbauer Westinghouse nach Chapter 11 zu beantragen.

TokioDie Krise des japanischen Technologiekonzerns Toshiba spitzt sich zu: Unter Berufung auf eine Quelle im Unternehmen berichtete die Wirtschaftszeitung „Nikkei“, dass das Unternehmen prüfe, Gläubigerschutz für den amerikanischen Atomkraftwerksbauer Westinghouse nach Chapter 11 zu beantragen.

Ein Sprecher des Toshiba-Konzerns erklärte, dass ihm solche Pläne nicht bekannt seien. Doch auch ohne Bestätigung schoss Toshibas Aktie nach der ersten Meldung um mehr als zehn Prozent in die Höhe und ging mit einem Plus von 4,8 Prozent in die Mittagspause. Denn selbst eine solch radikale Maßnahme klingt derzeit glaubwürdig. Schließlich drängen Abschreibungen von fast sechs Milliarden Euro für Westinghouse den Traditionskonzern an den Rand des Abgrunds.

Der bereits klamme Konzern erwartet deswegen im März endenden Bilanzjahr 2016 nicht nur einen weiteren Milliardenverlust. Das Minus der Atomkraftwerkssparte zehrt das Eigenkapital Toshibas komplett auf. Ende 2016 wuchs die Überschuldung des Konzerns auf 1,6 Milliarden Euro.

Toshibas Führung versucht daher mit radikalen Maßnahmen, die Lücke zu stopfen und den Konzern neu auszurichten. In einem ersten Schritt will der Konzern die Mehrheit an seiner lukrativen Chipsparte verkaufen. Damit würde das Unternehmen zwar seinen wichtigsten Gewinnmotor verlieren, aber laut Medienberichten mindestens acht Milliarden Euro einnehmen.

Die größten Chiphersteller der Welt

Intel

Mit einem Umsatz von rund 50 Milliarden Dollar ist Intel der mit Abstand größte Chiphersteller der Welt. Seit fast einem Vierteljahrhundert führt Intel die Rangliste nun schon an. Der Konzern aus dem Silicon Valley lebt vor allem von seinen Prozessoren. Sie sind das Gehirn eines jeden Rechners. Die Halbleiter des Unternehmens stecken insbesondere in PCs, Notebooks und Servern. Im Geschäft mit Smartphones konnte Intel nie so recht Fuß fassen. Alles in allem erreicht Intel auf dem Halbleitermarkt einen Anteil von mehr als 15 Prozent.

Samsung Electronics

Die Chipsparte des koreanischen Elektronikkonzerns ist nach Intel weltweit die Nummer zwei und kommt den Experten von Gartner zufolge auf gut elf Prozent Markanteil. Die Asiaten sind vor allem stark in Speicherchips. Samsung beliefert unter anderem auch Apple. Halbleiter sind freilich nur ein Geschäft von vielen von Samsung Electronics. Die Koreaner liefern auch viele andere elektronische Bauteile sowie Waschmaschinen, Smartphones, Fernseher und sogar Kühlschränke und Staubsauger.

SK Hynix

Der zweite große südkoreanische Halbleiteranbieter heißt SK Hynix und liegt in der Weltrangliste auf Platz drei. Der Umsatz: Mehr als 16 Milliarden Dollar. SK Hynix produziert insbesondere Speicherchips und wurde in der Vergangenheit vom Staat gestützt, um eine Insolvenz abzuwenden. Als einer der ganz wenigen großen Chipkonzerne ist SK Hynix 2015 gewachsen.

Qualcomm

In der Öffentlichkeit ist Qualcomm zu gut wie unbekannt, doch in der Halbleiterbranche sind die Kalifornier die Nummer vier mit zuletzt rund 16 Milliarden Dollar Umsatz. Die Firma liefert vor allem Chips für Smartphones. So stark ist Qualcomm auf diesem Feld, dass der Konzern wiederholt mit den Kartellämtern Probleme hatte. Das Unternehmen betreibt keine eigenen Fabriken sondern lässt alle seine Chips in sogenannten Foundries fertigen. Zudem verdient Qualcomm an Lizenzgebühren, weil jeder Handyhersteller auf geistiges Eigentum der Amerikaner zurückgreifen muss. 2015 war jedoch kein gutes Jahr für Qualcomm, der Umsatz ist kräftig gefallen. Mit einem Kurseinbruch von einem Drittel lief es auch auf dem Parkett alles andere als rund.

Micron Technology

Der US-Konzern arbeitet eng mit Intel zusammen und steht auf Rang fünf der Umsatzrangliste der Halbleiterindustrie. Zuletzt lagen die Erlöse bei rund 14,5 Milliarden Dollar. Micron verkauft hauptsächlich Speicherchips. Gemeinsam mit Intel hofft Micron derzeit auf eine ganz neue Generation an Speicherchips. Die neuen Chips sollen 1000 Mal schneller sein als die derzeit gebräuchlichen NAND-Speicherchips. Gleichzeitig können die fortschrittlichen Halbleiter zehn Mal mehr Daten fassen als die herkömmlichen Arbeitsspeicher, die sogenannten DRAMs. Im Gegensatz zu den DRAM-Chips, und ähnlich wie bei NAND, gehen die Informationen bei der neuen Technik nicht verloren, wenn der Strom erlischt. NAND hat in den vergangenen Jahren in vielen Rechnern die Festplatten verdrängt und wird jetzt womöglich selbst durch die neue Technik abgelöst. Intel und Micron haben die neue Technik 3D Xpoint genannt.

Texas Instruments

Vielen Menschen ist der US-Konzern vor allem wegen der Taschenrechner ein Begriff. Dabei lebt Texas Instruments vor allem von Chips und gilt als einer der verlässlichsten und über Jahrzehnte hinweg profitabelsten Anbieter. Der Umsatz lag zuletzt bei gut elf Milliarden Dollar, damit rangiert die Firma auf Platz sechs der Weltrangliste.

Toshiba Semiconductor

Der größte japanische Chiphersteller kam zuletzt auf Erlöse von 8,5 Milliarden Dollar, das reicht für Platz sieben in der Weltrangliste. Der Marktanteil beträgt fast drei Prozent.

Broadcom

Der US-Konzern ist der große Wettbewerber von Qualcomm im Geschäft mit Handychips und liegt auf Platz acht der größten Halbleiterhersteller. Allerdings wird es Broadcom nicht mehr lange geben. Arvago schluckt den Konkurrenten gerade und gibt dafür die Rekordsumme von 37 Milliarden Dollar aus. So viel wurde in der Industrie noch nie bei einer Übernahme auf den Tisch gelegt.

ST Microelectronics

Bislang der größte europäische Halbleiterhersteller, doch diese Position wird der Konzern nicht mehr lange behalten. Der Grund: NXP aus Eindhoven hat Ende 2015 den amerikanischen Rivalen Freescale übernommen und ist wird damit vom Umsatz her an ST Microelectronics vorbei ziehen. Das französisch-italienische Unternehmen ST Microelectronics erreichte zuletzt einen Jahresumsatz von fast sieben Milliarden Euro, das ergab den Marktforschern von Gartner zufolge Platz neun. Die Firma mit Hauptsitz in Genf beliefert zahlreiche Industrien, tut sich aber seit Jahren wirtschaftlich schwer. Eine Bürde ist die Historie, weil es viele Standorte in den beiden Ursprungsländern Frankreich und Italien gibt.

Infineon

Der wichtigste deutsche Chipproduzent und der einzige Hersteller hierzulande in den Top-ten der Branche. Die Münchener sind 2015 um rund ein Drittel gewachsen, vor allem aufgrund der Übernahme des US-Rivalen International Rectifier. Auch an der Börse lief es vergangenes Jahr prächtig, mit einem Kursplus von gut 50 Prozent gehörte die ehemalige Siemens-Sparte zu den größten Gewinnern im Dax. Infineon wird seinen Platz unter den zehn größten Herstellern vermutlich bald verlieren, weil der holländische Wettbewerber NXP den amerikanischen Rivalen Freescale jüngst geschluckt hat.

Autor: Joachim Hofer

Wie der Toshiba-Konzern mitgeteilt hat, soll die Chipsparte am 1. April eigenständig werden. Am Freitag wurden die notwendigen Papiere unterschrieben. Nun müssen am 30. März noch die Anleger auf einer außerordentlichen Aktionärsversammlung zustimmen.

Die Käufer stehen Schlange. Medienberichten zufolge hat der Apple-Zulieferer Foxconn aus Taiwan, der schon den japanischen Elektronikhersteller Sharp übernommen hat, Interesse angemeldet. Auch der südkoreanische Chiphersteller SK Hynix gilt als Mitbieter.

Das größte Problem bleibt damit allerdings die Sanierung der Atomsparte. Der Toshiba-Konzern hat zwar schon angekündigt, künftig keine Atomkraftwerke mehr bauen zu wollen, sondern sich auf das Kraftwerksdesign, die Wartung und das Brennstoffgeschäft zu konzentrieren. Aber die Probleme wären damit nicht gelöst, weil der Konzern immer noch auf den Kosten für die laufenden Projekte sitzenbleiben würde, die den riesigen Verlust ausgelöst haben.

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Westinghouse baut derzeit in den USA zwei Atomkraftwerke. Doch die Projekte liegen nicht nur deutlich hinter dem Zeitplan, sondern auch über den veranschlagten Kosten. In einer ersten Notmaßnahme übernahm Westinghouse 2015 einen Projektpartner. Doch im Dezember gestand Toshiba überraschend ein, dass der Wert des Zukaufs zu hoch geschätzt worden war. Wertberichtigungen sind die Folge.

Ein Insolvenzverfahren nach Chapter 11 würde es dem Toshiba-Konzern erlauben, Westinghouse zu reorganisieren und finanzielle Verbindlichkeiten und Verträge zu restrukturieren. Gläubiger können während dieser Zeit ihre Forderungen nur durch das Insolvenzgericht geltend machen, das den Rettungsversuch des Unternehmens überwacht.

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