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22.07.2011

12:46 Uhr

Trauerfeier in München

Altkanzler Kohl nimmt tränenreich Abschied von Leo Kirch

VonAxel Höpner

„Dieser Mann hat unendlich viel Gutes getan.“ Mit diesen Worten nimmt Helmut Kohl in seiner Trauerrede Abschied von Leo Kirch. Auch für die zahlreichen prominenten Trauergästen ist es ein bewegender Moment.

Ein guter Freund von Leo Kirch: Helmut Kohl auf dem Weg zur Trauerfeier. Quelle: Reuters

Ein guter Freund von Leo Kirch: Helmut Kohl auf dem Weg zur Trauerfeier.

MünchenDie Medienbranche nimmt Abschied von Leo Kirch. In der Münchener St.-Michael-Kirche im Herzen von München, nur wenige hundert Meter vom Stadtbüro des verstorbenen Medienunternehmers, versammelten sich mehrere hundert Trauergäste. Kurz vor Beginn kam auch Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl. Mit ernster Miene wurde er im Rollstuhl in die Kirche geschoben. Er war eng befreundet mit Kirch. Kohl kam in Begleitung von Bild-Chef Diekmann. Dieser war vor einigen Jahren gemeinsam mit Kirch Trauzeuge bei Kohls zweiter Hochzeit.

Unter den Gästen waren unter anderem Hubert Burda, Helmut Markwort, Fred Kogel, Georg Kofler, Harald Schmidt, Fritz Egner, Theo Waigel, Erwin Huber, Horst Seehofer und Michael Glos. Im Anschluss an das Requiem war eine Trauerfeier in der Münchener Residenz geplant. Dort ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die Trauergäste bekundeten Ruth Kirch und ihrem Sohn Thomas ihr Beileid.

Leo Kirch habe gebeten, wie ein einfacher katholischer Christ beerdigt zu werden, sagte der Jesuit Hermann Breulmann, der den Gottesdienst leitete. Geprägt war die Abschiedszeremonie in der prunkvollen Kirche von Musik. Kirch war ein großer Freund klassischer Musik.

Das Leben und Wirken des Leo Kirch

Die Herkunft von Leo Kirch

Der Medienunternehmer wurde am 21. Oktober 1926 in Würzburg geboren und ist jetzt im Alter von 84 Jahren gestorben. Sein Vater Robert war ein fränkischer Spengler und Nebenerwerbswinzer. Leo Kirch hat einen Bruder (Robert) und wuchs im Dorf Fahr bei Volkach auf.

Wo Dr. Kirch ausgebildet wurde

Leo Kirch studierte Betriebswirtschaft und Mathematik in seiner Geburtsstadt und in München, wo er später auch als Assistent arbeitete. Promoviert wurde er 1952 mit einer empirischen Untersuchung über den "Einfluss des Raumes auf die Reichweite des Verkehrs".

Familie

Mitte der 1950er-Jahre heiratete Leo Kirch. Seine Frau brachte 1957 Sohn Thomas zur Welt. Der einzige Sohn des Milliardärs war an der Kirch-Gruppe beteiligt, galt aber nie als potenzieller Nachfolger seines Vaters an der Spitze des Medienkonzerns.

Die Wurzeln von Kirchs Medienimperium

1955 legte Leo Kirch den Grundstein für sein späteres Medienimperium: Er gründete die Sirius-Film GmbH und kaufte Rechte an Kinofilmen mit dem Ziel, diese im Fernsehen auszustrahlen. Die vier Jahre später ins Leben gerufene Firma Beta-Film entwickelte sich zu einem Herzstück der späteren Kirch-Gruppe. Mit seiner Vertriebsfirma Taurus-Film wurde der Unternehmer innerhalb weniger Jahre zu einem unverzichtbaren Geschäftspartner der Sender ARD und ZDF.

Pionier des Privatfernsehens

Kirch spielte als Gesellschafter der Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenfernsehen (PKS) eine maßgebliche Rolle bei der ersten Ausstrahlung eines deutschen Privatfernsehprogramms am 1. Januar 1984. Aus der PKS entwickelte sich Sat 1 und später ProSieben, Kabel 1, N 24 sowie das Deutsche Sportfernsehen (DSF), K-toon/Junior und Neun Live. Bei sämtlichen Sendern hatte Kirch großen Einfluss.

Erfolgsgeheimnisse

Zum einen strebte Kirch nach einer Monopolisierung, zeitweise stammte jeder zweite im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Film aus seinem Archiv; Ende der 1990er Jahre beherrschten zwei Senderblöcke den deutschen Privatfernsehmarkt: Kirchs Gruppe und die vom Bertelsmann-Konzern kontrollierte RTL-Group. Zum anderen wurde der Unternehmer bald auch in der Filmproduktion aktiv. So kontrollierte er die gesamte Verwertungskette von Medieninhalten - von der Herstellung über den Vertrieb, Senderechte, Synchronisation, Verleih, Video, Merchandising bis hin zur Ausstrahlung.

Einstieg bei Springer

Beim Börsengang des Axel-Springer-Verlags 1985 sicherte sich Leo Kirch einen Zehn-Prozent-Anteil. Als der Unternehmer diesen erhöhen wollte, kam es zum Streit mit Springer. Letztendlich hielt Kirchs Gruppe 40 Prozent an dem Verlag und zog Mitte 1993 in dessen Aufsichtsrat ein.

Scheu vor der Öffentlichkeit und deren Folgen

Leo Kirch stellte die Öffentlichkeit vor zahlreiche Rätsel. Unklar war etwa, ob der „Medienmogul“ in Folge einer starken Diabetes eine Sehschwäche hatte oder fast komplett blind war. Einblick in das Privatleben des Unternehmers war fast unmöglich. Die Geschäftspraxis seiner Unternehmen kam nur durch einige Gerichtsprotokolle ans Licht.

Bezahlfernsehen - auf's falsche Pferd gesetzt

Von 1989 setzte Kirch auf Bezahlfernsehen, in Kooperation mit Bertelsmann und dem französischen Canal Plus hob er den analogen Bezahlsender Premiere aus der Taufe. Probleme bei der Digitalisierung machte der von einem Kirch-Unternehmen entwickelte Decoder, die sogenannte D-Box, weil sie als störanfällig und kompliziert zu bedienen wahrgenommen wurde. Als sich Bertelsmann und Canal Plus bei Premiere zurückzogen, übernahm Kirch den Sender komplett und machte ihn zusammen mit seinem digitalen Bezahlkanal DF1 zu Premiere World. Abonnenten wollte er vor allem durch Vermarktungsrechte für Fußball und Formel 1 gewinnen. Letztlich kostete ihn das Bezahlfernsehen die Herrschaft über sein Unternehmen.

Gläubiger Katholik

Leo Kirch ist gläubiger Katholik. In einem Interview kommentierte er das drohende Aus für sein Unternehmen Anfang 2002 mit den Worten Hiobs: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.“

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl hielt die Trauerrede. "Dieser Mann hat unendlich viel Gutes getan, in Wort und in Tat", sagte er mit tränenerstickter Stimme. Als Mann der modernen Technik sei Kirch seiner Zeit voraus gewesen. Vor allem sei Er ihm aber ein guter Freund gewesen.

Kommentare (2)

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KriminelleMachenschaften

22.07.2011, 13:56 Uhr

„Dieser Mann hat unendlich viel Gutes getan.“

War wohl einer seiner Mafiosi-Spender denen er seinerzeit sein Ehrenwort gabe. Der Ehrenmann Kohl.

weiss

22.07.2011, 16:37 Uhr

Leo Kirch hat noch einen Bruder namens Adalbert, nicht Robert.

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