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30.12.2015

10:03 Uhr

Twitter mit neuen Regeln

Hass-Tweets sollen schneller verschwinden

Hass ist in den sozialen Netzwerken Alltag. Grünen-Politiker Volker Beck erstattete jetzt Anzeige wegen Morddrohungen auf Facebook. Twitter verspricht nun, Accounts zu sperren – und es Extremisten so schwerer zu machen.

Mit neuen Regeln will der Kurznachrichtendienst gegen Hass-Botschaften vorgehen. ap

Twitter

Mit neuen Regeln will der Kurznachrichtendienst gegen Hass-Botschaften vorgehen.

San Francisco/BerlinDer Kurznachrichtendienst Twitter will schärfer gegen Drohungen und Hetze in Tweets vorgehen. Künftig würden Konten von Nutzern mit einschlägigen Inhalten gesperrt oder ganz entfernt, hieß es in den überarbeiteten Verhaltensrichtlinien, die am Dienstag veröffentlicht wurden. Twitter werde keine Accounts dulden, deren Ziel es augenscheinlich sei, auf Basis von Ethnie, Religion, oder anderen Faktoren zur Schädigung anderer Menschen anzustiften.

Mit den Richtlinien reagiert der Dienst nun offenbar auf Kritik von Politikern. Diese hatten eine Instrumentalisierung des Internets durch militante Extremistengruppen für die Rekrutierung neuer Mitglieder und Verbreitung deren gewalttätiger Agenda beklagt. Besonders nach den islamistischen Anschlägen in Paris und im kalifornischen San Bernardino im November und Dezember schlug die Kritik hohe Wellen.

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Im Schatten des Rampenlichts gibt es auch eine andere Welt: mit Ausbeutung, Machtspielen und Doppelmoral.

Bereits in der Vergangenheit hatte Twitter seine Nutzer darauf hingewiesen, dass Verherrlichung und Androhung von Gewalt tabu seien. Im April fügte der Konzern den Richtlinien zudem ein Verbot der „Förderung von Terrorismus“ hinzu.

Unter der Rubrik „hasserfülltes Verhalten“ steht bei den Richtlinien nun folgende Warnung: „Sie dürfen nicht für Gewalt werben oder direkt andere Menschen auf Grundlage von Rasse, Ethnie, nationaler Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht, Geschlechtsidentität, religiöser Zugehörigkeit, Alter, Behinderung oder Krankheit attackieren.“ In einem Blogpost betonte Twitter, dass unterschiedliche Meinungen und Ansichten begrüßt und unterstützt wurden. Doch werde weiter gegen Accounts vorgegangen, „die die Linie zur Beschimpfung überschreiten“, hieß es weiter.

Verboten ist zudem ausdrücklich die Anmeldung „mehrerer Accounts für überlappenden Nutzungen“, um die Sperrung eines einzelnen Kontos zu umgehen. So hatten Kritiker moniert, dass Twitter es Extremisten früher zu einfach gemacht habe, neue Konten aufzumachen, wenn ältere geschlossen worden seien.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Einige Beobachter begrüßten den neuen Wortlaut der Twitter-Regeln. „Die neuen Regeln sind definitiv eine Verbesserung“, sagte Rabbi Abraham Cooper vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles. „Doch die Frage ist: Gehen sie mit einer vorausschauenden Einstellung einher, die sicherstellt, dass Wiederholungstäter identifiziert und auf Dauer entfernt werden?“

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