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06.01.2016

16:23 Uhr

Twitter vor radikalem Schnitt

Tod der 140 Zeichen – Leben für das Einhorn?

Im Getriebe des Silicon Valley knirscht es. Das zeigt sich an Twitter: Das „Unicorn“ schreibt Verluste, die Nutzerzahlen stagnieren. Eine Entscheidung könnte den Charakter des Kurznachrichtendienst radikal verändern.

Der Kurznachrichtendienst stellt die 140-Zeichen-Einschränkung in Frage. dpa

Twitter-Logo

Der Kurznachrichtendienst stellt die 140-Zeichen-Einschränkung in Frage.

San Francisco/DüsseldorfEinhörner sind ebenso wundersame wie mythische Gestalten. Niemand hat jemals eines leibhaftig gesehen. Doch im Märchenwald des Silicon Valleys findet man diese „Unicorns“ mittlerweile zuhauf. So werden dort jene Start-ups genannt, die mit über einer Milliarde Dollar bewertet werden. Zuletzt kam im Schnitt alle paar Tage ein neues dieser „Unicorns“ hinzu.

Da stehen sie nun, dicht gedrängt, an den Futtertrögen der Risikokapitalgeber oder werden, angemessen angefüttert, an der Wall Street durch den Ring geführt. Auf dass Anleger die magischen Wesen ihren Züchtern abkaufen. Geld verdienen sie nicht, viele machen nicht mal Umsatz. Aber was macht das schon? Es hat doch bisher auch funktioniert.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Doch „bisher“ zählt nicht mehr, seit die Krise über Twitter hereinbrach. Im Oktober verkündete das einstige kalifornische Vorzeigeunternehmen, acht Prozent seiner Mitarbeiter zu entlassen. Der mit Ach und Krach durchgedrückte Börsengang des Kurznachrichtendienstes zeigte bereits vorher, dass es knirscht im im Getriebe des Valleys.

Und spätestens jetzt scheint klar, dass mit dem bisherigen Geschäftsmodell kein Geld zu verdienen ist: Twitter rückt von der Einschränkung auf 140 Zeichen ab.

Mitgründer und Chef Jack Dorsey warb am Dienstagabend dafür, längere Nachrichten zuzulassen. Die einst auf SMS-Basis eingeführte Grenze animiere zwar zu Kürze und Kreativität, schrieb er. Aber Nutzer wollten auch längere Texte veröffentlichen und luden jetzt als Ausweichlösung Screenshots hoch.

Wenn man ihnen erlauben würde, die Passagen direkt als Text zu posten, könnte man sie zum Beispiel durchsuchbar machen, gab Dorsey zu bedenken. Twitter werde Dinge ausprobieren, die Nutzer haben wollten. Wenn eine getestete Funktion tatsächlich eingeführt werden sollte, werde Twitter Software-Entwickler rechtzeitig unterrichten. Er veröffentlichte seine lange Erklärung demonstrativ als Screenshot in einem Tweet.

Das „Wall Street Journal“ schrieb unter Berufung auf Quellen bei Twitter, die Obergrenze solle auf 10.000 Zeichen hochgesetzt werden. Seit Sommer gilt dieses Limit bereits für direkte Twitter-Nachrichten von Nutzer zu Nutzer. Dabei würden in einem Nachrichtenstrom wie bisher nur 140 Zeichen angezeigt. Um den Rest zu sehen, müssten Nutzer den Tweet anklicken. Ähnlich funktionieren bereits Dienste wie Twitlonger, die Nutzern helfen, längere Texte zu veröffentlichen.

Dorsey will Twitter für Einsteiger attraktiver machen, um das schwächelnde Wachstum der Nutzerzahlen anzukurbeln. Zuletzt war die Zahl der User, die sich mindestens einmal im Monat bei Twitter einloggen, binnen drei Monaten nur um vier Millionen auf rund 320 Millionen gestiegen.

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Im Schatten des Rampenlichts gibt es auch eine andere Welt: mit Ausbeutung, Machtspielen und Doppelmoral.

Und bisher ist völlig unklar, wo zusätzliches Wachstum für Twitter überhaupt herkommen soll. Die Verluste werden nicht weniger. Der Aktienkurs ist im Keller. Mitgründer Dorsey ist ans Ruder zurückgekehrt – und will quasi nebenbei den Turnaround schaffen. Schließlich ist er auch noch Vorstandschef der von ihm gegründeten Firma Square, die an die Börse will.

Es ist schon erstaunlich, wie leidenschaftlich das gesamte Silicon Valley die Annahme ignoriert, dass Twitter womöglich ein für die ganze Branche exemplarisches Problem haben könnte.

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