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03.09.2013

17:29 Uhr

Übernahme von Nokia

Aus Microsoft wird Microhard

VonMartin Dowideit, Christof Kerkmann

Mit dem Kauf der Handysparte von Nokia wird aus dem amerikanischen Software-Hersteller Microsoft ein Hardware-Produzent – samt eigener Fabriken. Doch wissen die Windows-Macher damit wirklich etwas anzufangen?

Microsoft bietet künftig Smartphones und Software aus einer Hand. dpa

Microsoft bietet künftig Smartphones und Software aus einer Hand.

DüsseldorfMicrosoft vollzieht einen radikalen Schritt: Der Windows-Konzern, der jahrelang hauptsächlich Software verkaufte, übernimmt die Handysparte von Nokia und stellt künftig selbst Hardware her. Damit kann er nun Betriebssystem und Gerät aus einer Hand anbieten, wie es auch Erzrivale Apple tut. Aus Microsoft wird Microhard.

Das Unternehmen rüstet für die rasanten Veränderungen in der Technologiewelt. Weil die Nutzer immer häufiger zu Smartphones und Tablets greifen, werden immer weniger PCs verkauft. Für den Kauf gibt es somit vor allem einen Grund: Angst.

Angst davor, dass die beherrschenden Smartphone-Plattformen von Google (Android-Marktanteil: fast 80 Prozent) und Apple (iOS-Marktanteil: 13,7 Prozent) ihre Geräte für fremde Apps sperren könnten. Angst davor, dass die Konkurrenz die Integration fremder Dienste erschweren oder schlicht die Preise erhöhen könnte – und Microsoft somit weniger Chancen hätte, seine Software auf den Geräten anzubieten. Und Angst, dass sich der Partner und wichtigste Kunde Nokia irgendwann gegen Windows Phone entscheidet.

Da Smartphones aus dem Alltag nicht wegzudenken sind, sind die Geräte für die Verbreitung anderer Microsoft-Produkte zentral. Bislang hat das mobile Microsoft-Betriebssystem Windows Phone aber nur 3,7 Prozent Marktanteil, davon machen Nokia-Telefone seit der 2011 gestarteten engen Kooperation den weitaus größten Anteil aus. In den vergangenen Monaten forcierte der scheidende Microsoft-Chef Steve Ballmer daher die Verhandlungen mit dem Nokia-Verwaltungsratschef Risto Siilasmaa. Ernsthaft diskutierten sie Ende Februar auf einer Mobilfunkmesse in Barcelona.

Der globale Smartphone-Markt

Gesamtmarkt

Der Smartphone-Markt wuchs 2013 rasant: Die Hersteller setzten laut dem Marktforscher Gartner 968 Millionen Geräte ab, ein Plus von 42,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt verkauften die Unternehmen 1,8 Milliarden Mobiltelefone, also erstmals mehr Smartphones als einfache Handys.

Samsung

Nach Stückzahlen ist inzwischen Samsung die unangefochtene Nummer eins unter den Smartphone-Herstellern. Die Südkoreaner verkauften im vergangenen Jahr nach Schätzungen der Marktforschungsfirma Gartner 300 Millionen Computer-Handys. Damit kam fast jedes dritte weltweit verkaufte Smartphone von Samsung, wobei der Marktanteil leicht sank. Insgesamt setzte der Konzern 444 Millionen Handys ab.

Apple

Apple war 2013 mit knapp 151 Millionen verkauften iPhones die Nummer zwei im Smartphone-Markt, der Marktanteil rutschte jedoch auf 15,6 Prozent ab.

LG

Fast gleichauf mit Huawei war LG Electronics. Der südkoreanische Hersteller verkaufte rund 46 Millionen Smartphones und verdoppelte fast damit den Absatz, der Markanteil liegt nun bei 4,8 Prozent. Einschließlich einfacher Mobiltelefone verkaufte LG 69 Millionen Geräte (3,8 Prozent Marktanteil).

Lenovo

Lenovo ist bislang vom chinesischen Heimatmarkt abhängig. Der Konzern verkaufte 2013 knapp 44 Millionen Smartphones (4,5 Prozent Marktanteil). Mit der Übernahme von Motorola dürfte der Konzern aber den Absatz künftig deutlich steigern.

ZTE

ZTE verkaufte im zweiten Quartal 10,1 Millionen Smartphones, ein deutliches Plus von 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Marktanteil liegt bei 4,2 Prozent. Insgesamt setzte der chinesische Hersteller 15,3 Millionen Handys ab.

Nokia

Nokia war 2013 mit 250 Millionen Geräten und 13,9 Prozent Marktanteil immer noch der zweitgrößte Handyhersteller, verlor aber weiter an Boden. Im lukrativen Smartphone-Markt läuft das Unternehmen unter „ferner liefen“. Die Gerätesparte übernimmt Microsoft.

Sonstige

Viele Unternehmen mit klangvollen Namen haben derzeit weniger als 4 Prozent Marktanteil, darunter Sony, HTC und Blackberry.

Mangelnden Ehrgeiz kann Ballmer angesichts des Kaufs des Handy-Geschäfts des Nokia-Geschäfts niemand vorwerfen. Bis 2018 soll Microsoft jährlich 255 Millionen Smartphones verkaufen und damit einen Umsatz von etwa 45 Milliarden Dollar erzielen. Das Problem daran: In den zurückliegenden vier Quartalen setzte Nokia gerade einmal etwa 20 Millionen Geräte der Baureihe Lumia ab. Und um zumindest operativ keinen Verlust zu machen, muss Microsoft nach eigenen Angaben 50 Millionen Smartphones im Jahr verkaufen.

Microsoft gehe eine große Wette ein, aber „angesichts der völligen Abhängigkeit von Windows Phone von Nokia ist das ein verständlicher Schritt“, urteilt Ben Wood, Mobilfunkexperte der britischen Firma CCS Insight. Mehr als 80 Prozent der Windows-Phone-Geräte tragen das Nokia-Logo. Zwar bieten auch HTC und Samsung Windows-Telefone an. Doch die Begeisterung, das fortzuführen, dürfte jetzt schrumpfen.

Microsoft übernimmt erstmals in der Firmengeschichte mit dem Kauf auch etliche Fabriken – mit allen verbundenen Risiken. Nokia produziert in den Ländern Brasilien, China, Mexiko, Indien, Südkorea und Ungarn. Ein Werk in Vietnam ist im Aufbau. Zwar hat Microsoft schon länger den Wandel zum Konzern für Geräte und Dienstleistungen („devices and services“) angekündigt, doch so konkret wie am Dienstag ist der Schritt selten geworden.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

03.09.2013, 17:59 Uhr

Kurios! So schnell kann sich das Blatt wenden und aus einer Gelddruckmaschine, die die Welt dominiert, in kürzester Zeit ein Problemfall werden.

Johannes

03.09.2013, 18:04 Uhr

Obwohl ich Optimist bin, setze ich auf "flop" für Micro"hard". Die Finnen werden sich mit einem übergordneten amerikanischen Management EXTREM schwer tun, so befürchte ich, Microsofts Avancen werden im Chaos enden.
Für Nokia ist hingegen das Ganze eine gute Nachricht, die sind sicher froh vom Ballast alter Tage befreit zu sein, Netzwerktechnologie hat Zukunft und nicht so kurze Produktlebenszyklen wie Handys !

Linuxer

03.09.2013, 18:17 Uhr

Microsoft war bis auf die Xbox nur ein Softwarehersteller, die Ehe mit Nokia geht bestimmt in die Hose!
Da hätte Microsoft doch gleich in einige Fußballvereine investieren sollen...

Egal, das wird die OpenSource beflügeln!

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