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20.01.2010

12:27 Uhr

UMTS-Lizenzen

Mobilfunk-Debakel made in India

VonHelmut Hauschild

Telefonieren ist Volkssport in Indien. Doch die Mobilfunkbetreiber haben an dem Boom keine rechte Freude mehr: Die Netze sind in den großen Städen völlig überlastet. Nun ein weiterer schwerer Rückschlag für die Mobilfunkbranche: Zum sechsten Mal verschiebt Indien die Versteigerung von UMTS-Lizenzen.

Die Branche braucht dringend Lizenzen für den Mobilfunk der dritten Generation (3G). Reuters

Die Branche braucht dringend Lizenzen für den Mobilfunk der dritten Generation (3G).

NEU-DELHI. Es klingelt und trällert, es flötet und pfeift. Kein Meeting und kein Restaurantbesuch ohne Unterbrechung durch die neuesten Klingeltöne aus der Hindi-Hitparade. Telefonieren ist Volkssport in Indien. 590 000 neue Mobilfunkverträge zählte der staatliche Telekomregulierer zuletzt. Pro Tag.

Doch die Mobilfunkbetreiber haben an dem Boom keine rechte Freude mehr. Die Netze in den großen Städten sind völlig überlastet. Und ein erbitterter Preiskampf mit Tarifen von umgerechnet weniger als einem Cent pro Minute für nationale Ferngespräche frisst ihre Margen.

Die Branche braucht deshalb dringend Lizenzen für den Mobilfunk der dritten Generation (3G). Nur dann kann sie den Zusammenbruch der Netze in den Metropolen verhindern und ihre Erfolgsgeschichte mit neuen, werthaltigeren Diensten wie dem mobilen Internet fortschreiben. Das aber scheitert bisher an Indiens unfähiger Regierung. Fünf Mal seit 2007 hat sie die Versteigerung der Frequenzen bereits verschoben. Während andere Staaten in Asien schon an der vierten Mobilfunkgeneration arbeiten, streiten die Politiker der IT-Nation Indien noch immer über die Modalitäten des Verkaufs von 3G. Auch der sechste Auktionstermin, angesetzt für 12. Februar, ist wegen des Machtkampfs der zuständigen Minister nicht mehr zu halten. "Das Verfahren macht uns in der ganzen Welt zur Witzfigur", klagt Telekomexperte Neeraj Jain, Direktor der Wirtschaftsberatung KPMG in Indien.

Doch wenig spricht für ein baldi-ges Ende des Trauerspiels. Denn selbst die Fragen wie die Zahl der angebotenen Lizenzen sind weiter ungelöst. Der Finanzminister spekuliert auf hohe Einnahmen aus der Auktion und fordert deshalb, dass landesweit vier Frequenzblöcke versteigert werden. Der Verteidigungsminister, der auf den Frequenzen sitzt, will aber kurzfristig nur zwei freigeben. Er beschuldigt den Telekomminister, anders als vereinbart bisher kein alternatives Glasfasernetz für die Streitkräfte aufgebaut zu haben. Der wiederum hat als Kompromiss die Versteigerung von drei Lizenzen vorgeschlagen - und scheiterte damit vergangene Woche bei seinen Kollegen kläglich.

Seither hüllt sich die Regierung in Schweigen. "Niemand weiß, wann die Auktion wirklich stattfinden wird", kritisiert S.C. Khanna, Generalsekretär des Branchenverbands Association of Unified Telecom Service Providers of India (Auspi). Eine Managerin eines nordeuropäischen Mobilfunkbetreibers nennt die Unsicherheit "schwer akzeptabel".

Auf umgerechnet 532 Mio. Euro hat die Regierung den Startpreis für eine landesweite 3G-Lizenz festgelegt. KPMG-Experte Jain rechnet damit, dass die Auktion ihn auf 900 Mio. bis 1,2 Mrd. Euro hochtreiben wird. Seit Jahren warten Indiens Mobilfunker auf die Gewissheit, wann diese Investitionen in 3G endlich fällig werden. Zumal die Technik für das mobile Internet allein in den Großstädten noch einmal mindestens den gleichen Betrag verschlingen wird. Deshalb stecken die mittlerweile zehn Mobilfunkbetreiber auch immer weniger Geld in das überlastete GSM-Netz. Der am schnellsten wachsende Mobilfunkmarkt der Welt mit aktuell 506 Mio. Nutzern steckt im Investitionsstau.

Klar ist, dass die einheimischen Mobilfunkgrößen Bharti Airtel, Reliance Com und Tata Indicom mitbieten werden sowie zwei oder drei weitere indische Anbieter. Hinzu kommen der britische Riese Vodafone und womöglich die norwegische Telenor mit ihren Indien-Töchtern. Ebenfalls interessiert ist Gerüchten zufolge der US-Konzern AT&T als Neuling im Gandhi-Land.

Das ist viel Andrang für maximal vier Lizenzen. Doch wer künftig in Indiens Mobilfunkmarkt eine Rolle spielen will, dem bleibt keine andere Wahl. Denn die 3G-Netze können dreimal so viele Gespräche aufnehmen wie GSM, in den verstopften Städten ein großer Wettbewerbsvorteil. Und sie versprechen den Anbietern deutlich höhere Margen dank neuer Angebote von mobilen Bankdiensten und Handelsplattformen bis zum Video Call. Nur wenige Inder hätten Computer mit Internet-anschluss über das Festnetz, deshalb werde der mobile Datenfunk eine neue Erfolgsgeschichte, glaubt Experte Jain. Die Regierung müsse das endlich begreifen.

Boommarkt

Zahlen Mobil zu telefonieren scheint nirgendwo auf der Welt so beliebt zu sein wie in Indien. Von zehn Mio. Kunden im Jahr 2002 sprang die Zahl der Kunden auf 508 Mio Anfang 2010.

Anbieter Auf dem indischen Markt kämpfen gleich zehn einheimische Anbieter um Kunden. Hinzu kommen noch ausländische Spieler wie Vodafone oder Telenor. Sogar Google soll den Erwerb einer Lizenz erwägen.

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