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05.08.2016

16:17 Uhr

Unitymedia-Chef Lutz Schüler

„Wir lassen uns die Angreiferposition nicht nehmen“

VonIna Karabasz

Amazon greift die Kabelnetzbetreiber an: In Zukunft will der Konzern Fernsehsender auf seiner Plattform einbinden. Gleichzeitig treibt die Telekom die Preise für Internetanschlüsse nach unten. Unitymedia-Chef Lutz Schüler erklärt, warum ihm das keine Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

„Unsere Antworten werden Innovationen nach oben sein.“ Unitymedia

Unitymedia-Chef Lutz Schüler

„Unsere Antworten werden Innovationen nach oben sein.“

DüsseldorfDie Zahlen stimmen: Der Kabelnetzanbieter Unitymedia ist im zweiten Quartal weiter gewachsen. Nun hat er 7,1 Millionen Kunden. Der Umsatz stieg um sieben Prozent auf 570 Millionen Euro, was auch daran lag, dass die Kunden mehr ausgaben. Die Konzernmutter Liberty Global sei sehr zufrieden, sagt Unternehmenschef Lutz Schüler und lächelt.

Herr Schüler, Amazon will nun auch TV-Anbieter in seine Videoplattform Amazon Prime einbinden und wird damit zur direkten Konkurrenz für ihr Angebot Horizon. Was bedeutet das für sie?
Das kommt nicht überraschend. Es gibt heute keine Plattform, die lineares und nicht-lineares Fernsehen vernünftig verbindet. Also normales „Live“-Fernsehen und jederzeit abspielbare Serien, Filme und dergleichen. Außer Horizon natürlich. Da Angebot Entertain der Telekom ist auf dem Kabelnetz nicht verfügbar. Wir sind nicht davon ausgegangen, dass wir die einzigen bleiben werden. Und von Amazon haben wir das als allererstem erwartet. Wettbewerb belebt das Geschäft. Wir werden nicht auf den Händen sitzen bleiben und die Antworten haben.

Kann eine Antwort ein Preiswettbewerb sein, bei dem Sie sich unterbieten?
Unsere Antworten sind keine Preistreibereien nach unten. Deswegen glaube ich das nicht. Unsere Antworten werden Innovationen nach oben sein.

Die Kabelnetz-Branche

Platz für viele Daten

Der zunehmende Datenhunger der Verbraucher rückt eine Branche ins Rampenlicht, die lange Zeit im Dornröschenschlaf lag. TV-Kabelnetze galten schlicht als langweilig. Doch seit die Betreiber ihre Kabel technisch aufgerüstet haben, konkurrieren sie mit den klassischen Telekommunikationsanbietern um Internetkunden.

Erbe der Bundespost

In den achtziger Jahren begann die Bundespost mit dem Aufbau des Kabelnetzes, um eine neue Infrastruktur für Fernsehübertragungen in Deutschland zu etablieren. Der Ausbau war damals hochgradig umstritten, da der TV-Empfang über Satellit, der zur gleichen Zeit populär wurde, kostenfrei war – für den Kabelanschluss wurde hingegen eine Monatsgebühr fällig.

Aufgeteilt in Regionen

Aus dem Telefon- und Kabelgeschäft der Bundespost wurde ein Jahrzehnt später die Deutsche Telekom, und nach der Liberalisierung des Marktes sollte der Bonner Koloss sein Kabelnetz so schnell wie möglich verkaufen. Die Telekom wusste das lange zu verhindern, so dass der Verkauf Anfang des Jahrtausends erst auf Druck der Kartellwächter über die Bühne ging. Das deutschlandweite Kabelnetz wurde regional aufgeteilt.

Erste Modernisierung

Die Teile des Netzes kauften Finanzinvestoren. Sie brauchten jedoch einen langen Atem. Angelegt, um bestenfalls 30 TV-Kanäle wie auf einer Einbahnstraße von der Einspeisestation in die Wohnzimmer zu bringen, musste das Netz erst aufwendig für Telefongespräche und das Internet aufgerüstet – im Technikjargon: rückkanalfähig gemacht – werden. Technische Schwierigkeiten sorgten für einen holprigen Start: 2006 zählte Kabel Deutschland gerade einmal 60.000 Breitbandkunden – heute sind es mehr als zwei Millionen. Der Ausbau verschlang über die Jahre Milliarden, und noch heute investieren Kabelunternehmen etwa ein Viertel des Umsatzes.

Technologie-Sprung

Grundlage für den Kundenansturm auf das Kabel ist ein Technologie-Sprung: Ähnlich wie Telefonfirmen, die dank des DSL-Standards ihre alten Kupferleitungen zu Internetanschlüssen ausbauen konnten, erging es auch den Kabelnetzbetreibern. Dort heißt der Heilsbringer spröde DOCSIS 3.0 – dank dieser Technik lassen sich Kabelnetze mit überschaubarem Aufwand in superschnelle Internet-Datenautobahnen verwandeln. So verkauft Unitymedia derzeit Anschlüsse mit 200 Megabit/s Höchstgeschwindigkeit bei Downloads. Ohne großen Aufwand könnten auch Datenraten von 400 Megabit/s angeboten werden. Kabel Deutschland hat in einem Feldversuch schon knapp 5 Gigabit/s durch sein Netz gejagt. Auch die Deutsche Telekom rüstet ihre Kabel auf. Mit der „Vectoring“-Technologie sollen die Kupferkabel bis zu 100 Mbit/s verpacken. Gerade arbeiten die Netzinfrastrukturzulieferer an „Super-Vectoring“, was bis zu 250 Mbit/s ermöglichen soll.

Kabel Deutschland und Unitymedia vorn

Die Branche wird derzeit von Kabel Deutschland aus München und von Unitymedia aus Köln dominiert. Die Münchner sind in 13 Bundesländern vertreten, Unitymedia ist nach dem Zusammenschluss mit KabelBW in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen aktiv. Dazu kommt der kleinere Anbieter Tele Columbus, der kürzlich erst die Anbieter Primacom und Pepcom gekauft hat.

Kartellwächter prüfen genau

Die Wettbewerbshüter haben ein wachsames Auge auf den Kabelmarkt. So verhinderte die Behörde die Übernahme von Tele Columbus durch Kabel Deutschland. Den Kauf von KabelBW durch den US-Kabelriesen Liberty Global mittels seiner Tochter Unitymedia genehmigte das Kartellamt nur mit Auflagen – und nach einigem Zögern. Die Wettbewerber fordern zunehmend lautstark, dass die Kabelanbieter Wettbewerbern Zugang zu ihrem Netz ermöglichen sollen, wie es auch die Telekom muss.

Im Geschäft mit schnellem Internet scheint die Deutsche Telekom aber jetzt in genau so einen Preiskampf eingetreten zu sein. Sie bietet nun 100 Megabit die Sekunde für knapp 20 Euro im ersten Jahr an. Das liegt deutlich unter den Preisen der Wettbewerber. Werden Sie mitziehen?
Die Wettbewerbsintensität im deutschen Markt steigt, ganz klar. Wir werden immer dafür sorgen, dass unser Wachstum weiter Bestand behält. Wie wir das genau tun, werden wir sehen. Erst einmal haben wir für uns das Thema Mobilität erschlossen. Wir haben eine Million WLAN-Spots angeschlossen und haben gemerkt, dass Kunden stark nach auf dieses Angebot reagieren.

Sie können in ihrem Netz höhere Geschwindigkeit als 100 Megabit die Sekunde anbieten. Inwiefern nutzen Sie dieses Argument?
Ein Stück weit sprechen wir ein anderes Segment an. Personen, die viele Daten verbrauchen, weil sie etwa viel streamen. Und diese Kunden sind auch bereit, dafür Geld zu bezahlen. Unsere Verkäufe sind nicht eingebrochen. Im Gegenteil, es läuft gerade ganz gut, was wahrscheinlich an unserem Wlan-Angebot liegt, obwohl wir keine spezielle Werbung schalten. Deswegen glaube ich nicht, dass Kunden ausschließlich auf den Preis achten. Für uns ist klar, wir sind auf der Welt um anzugreifen und wir werden uns die Angreiferposition nicht nehmen lassen.

Vergangenes Jahr haben Sie die Preise sogar erhöht. Lässt sich auf einem solch niedrigen Preisniveau nicht profitabel arbeiten?
Doch auf jeden Fall. Wir arbeiten deutlich profitabler als unsere Mitbewerber. Unsere Ebitda-Marge, als die Gewinnmarge vor Abschreibungen und Steuern, ist hoch. Das finden Sie nirgendwo anders. Wir haben kein Profitabilitätsproblem. Allerdings haben wir etwas gemacht, was gut für die Branche ist: Wir haben Geschwindigkeit angeboten und die monetarisiert. Dafür sprechen wir Kunden an, die da eine Zahlungsbereitschaft habe. Und da erhöhen wir auch Preise.

Um noch effizienter zu werden, bauen Sie gerade intern das Unternehmen um. Wie läuft es dabei?
Gut. Es ist ein großer Umbau. Wir sind ein erfolgreiches Unternehmen und wir bauen 500 Stellen ab. Das ist viel und das wollen wir auch nicht kleinreden. Von daher ist der Prozess schmerzhaft. Aber er läuft gemeinsam mit dem Betriebsrat und den Mitarbeitern, die auch verstehen, dass wir diese Schritte gehen müssen. Wir wollen noch agiler werden und brauchen Mittel, um neue Wachstumsfelder zu erschließen. Auf der einen Seite müssen wir das Ergebnis beibehalten, auf der anderen müssen wir langfristig wettbewerbsfähig bleiben. Wir sichern damit langfristig Arbeitsplätze und müssen dafür zunächst welche abbauen.

Herr Schüler, vielen Dank für das Interview.

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