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26.01.2004

08:23 Uhr

HB BRÜSSEL/NEW YORK. Das geplante Joint-Venture der Musikfirmen Sony und BMG könnte am Widerstand der EU-Kommission scheitern. „Sony und BMG müssen sich auf ein sehr intensives Prüfverfahren einstellen“, hieß es aus Kreisen um EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti. Danach könnte eine Entscheidung erst Mitte Juni fallen. Ob Bertelsmann mit einem Verfahren rechne, wollte ein Konzernsprecher nicht kommentieren. Er betonte, dass das „Joint Venture selbstständig unter dem Aspekt vereinbart wurde, dass eine kartellrechtliche Genehmigung möglich ist.“

Für ein verschärftes EU-Prüfverfahren spricht, dass der Weltmarktführer Universal Music und der Weltmarktdritte Emi offenbar bei der EU gegen den Zusammenschluss ihrer Wettbewerber Einspruch einlegen wollen. Sie befürchten, dass das künftige Fusionsunternehmen seine Marktmacht ausnutzen könnte, um Vorzugsgeschäfte mit bestehenden Konzernsparten zu tätigen – etwa der Vermarktung von BMG-Popsängern beim konzerneigenen Sender RTL.

Ein Insider aus dem Umfeld des EMI-Konzerns relativierte jedoch die Einflussmöglichkeiten der Konkurrenten in Brüssel: „Emi hat keine rechtliche Chance gegen eine Fusion der Rivalen zu klagen.“ Einen größeren Erfolg verspricht sich Emi daher von Lobbyarbeit.

Bei Bertelsmann selbst stößt die ganze Aufregung auf Unverständnis. Nach wie vor seien bei den einzelnen Gesellschaften des Konzerns die „Marktgesetze in Kraft“, sagte der Sprecher. Jedes Unternehmen treffe seine eigenen Entscheidungen. „Wir glauben nicht, dass die Fusion mit BMG in eine wettbewerbsgefährdende Situation führt“, bekräftigte ein Sony-Sprecher.

Als Reaktion auf die zunehmend schwächelnde Musikbranche hatten Bertelsmann und Sony Ende letzten Jahres den Zusammenschluss ihrer Musiksparten vereinbart. Sie wollen damit zum zweitgrößten Musikunternehmen der Welt aufsteigen und gleichzeitig Kosten zwischen 250 und 300 Mill. Euro sparen.

Doch schon dem geplanten Zusammenschluss von Time Warner und Emi im Juni 2000 hatten die europäischen Kartellwächter Steine in den Weg gelegt. Sie leiteten ein strenges Prüfverfahren ein, infolgedessen die beiden Unternehmen ihre Fusionsabsichten vorzeitig aufgaben. Damals fürchtete die EU-Kommission, die Marktmacht der beiden Unternehmen könnte sich zu einer „kollektiven Dominanz“ verdichten. Als ausschlaggebend für ihren massiven Widerstand erwiesen sich insbesondere die Bedenken der drei Hauptkonkurrenten Sony, BMG und Universal Music.

Die gescheiterten Partner Time Warner und Emi wärmen nun die alten Argumente gegen eine Elefantenhochzeit wieder auf. Allerdings kämpfen sie jetzt unter neuen Rahmenbedingungen: Im Jahr 2000 nahm die Kommission noch an, dass der CD-Vertrieb über das Internet an Bedeutung gewinnen und zu einem Motor des gesamten Online-Geschäfts werden könnte.

Diese Prognose hat sich nicht erfüllt. Vielmehr lastet der steigende Anteil schwarz gebrannter CDs und kopierter Internet-Software auf dem Musikhandel. „Wir haben es hier mit einer Notfusion zu tun“, räumten Mitarbeiter von EU-Wettbewerbskommissar Monti ein. Angesichts des augenscheinlichen Konsolidierungszwangs der Branche werden sie den Fall daher möglicherweise heute anders beurteilen als vor dreieinhalb Jahren.

Bis zum 12. Februar muss die EU-Kommission entscheiden, ob sie eine vertiefte Prüfung des Vorhabens einleiten will. Zudem muss letztlich auch die US-Wettbewerbsaufsicht der Fusion zustimmen. Bislang ist unklar, ob das Justizministerium oder die Federal Trade Commission (FTC) den Fall entscheiden wird. Keine der beiden Behörden nahm bisher dazu Stellung.

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