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13.06.2013

06:30 Uhr

US-Schnüffelei im Internet

Schwarze Wolken

VonChristof Kerkmann

Flexibel, günstig – aber auch sicher? Seit klar ist, dass der US-Geheimdienst bei Internet-Riesen wie Microsoft und Google schnüffelt, werden die Zweifel an der Datenspeicherung im Web größer. Die Angst vor der Cloud.

Viele Anbieter sitzen im Ausland

Cloud-Speicher: Kaum Schutz vor Geheimdiensten

Viele Anbieter sitzen im Ausland: Cloud-Speicher: Kaum Schutz vor Geheimdiensten

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DüsseldorfKontakte, Kontrakte, Konstruktionspläne: Geraten wertvolle Informationen in die Hände der Konkurrenz, ist das für Manager und Unternehmer ein Albtraum. Seit ein paar Tagen steht dieses Horrorszenario in etlichen Vorstandsbüros wieder auf der Tagesordnung. Denn nach mehreren Enthüllungen wird immer deutlicher, dass der amerikanische Geheimdienst NSA mit Erlaubnis der Obama-Regierung Telekommunikationsdienste überwacht. Darunter sind etliche Firmen, die Cloud Computing „Made in USA“ anbieten, etwa Microsoft und Google.

Was mit den Daten passiert? Unklar. Wirtschaftsspionage? Wer weiß das schon.

Cloud Computing ist der Schmierstoff der Netzwirtschaft: Online-Speicher, Rechenleistung oder Anwendungen aus dem Netz sollen die IT im Unternehmen einfacher und billiger, flexibler und sicherer machen. Doch das funktioniert nur, wenn die Anwender darauf vertrauen können, dass ihre Daten irgendwo in einem fernen Rechenzentrum sicher sind, also weder verloren gehen, noch in die falschen Hände geraten. Die jüngsten Enthüllungen könnten die Cloud-Pioniere aus den USA daher an einer empfindlichen Stelle treffen: der Glaubwürdigkeit. In Deutschland verzichten acht von zehn Unternehmen auf Cloud-Dienste – die meisten aus Angst vor Datenverlusten. Der Skandal kommt für die IT-Branche ungelegen, mit Millionenaufwand bewerben sie ihre Online-Dienste.

Vor- und Nachteile des Cloud Computing

Kosten

Wenn ein Unternehmen seine Kundendatenbank nicht im eigenen Rechenzentrum pflegt, sondern einen Online-Dienst wie Salesforce.com nutzt, spart es sich Investitionen in die Infrastruktur. Die Abrechnung erfolgt außerdem zumeist gestaffelt, zum Beispiel nach Nutzerzahl oder Speicherverbrauch. Geschäftskunden erhoffen sich dadurch Kosteneinsparungen.

Skalierbarkeit

Wer Speicherplatz im Netz mietet, kann flexibel auf die Nachfrage reagieren und den Bedarf unkompliziert und schnell erhöhen oder versenken. Wenn beispielsweise ein Startup rasant wächst, fährt es einfach die Kapazitäten hoch. Somit fallen auch niedrige Fixkosten an.

Einfachheit

Die Installation auf den eigenen Rechnern entfällt. Damit lässt sich ein neues System äußerst schnell einführen. Auch die Updates bereiten keine Probleme mehr, somit sinkt der Administrationsaufwand. Allerdings lassen sich die Cloud-Dienste in der Regel auch nicht so individuell konfigurieren.

Ortsunabhängigkeit

Zur Nutzung der Cloud-Dienste benötigen Mitarbeiter lediglich einen Internetanschluss – unabhängig von ihrem Aufenthaltsort und dem Gerät, das sie nutzen.

Sicherheit

Die Daten-Dienstleister werben damit, dass sie sich intensiver mit der IT-Sicherheit beschäftigen als einzelne Nutzer oder Unternehmen. Allerdings sind die Rechenzentren der Cloud-Anbieter aufgrund der große Datenmenge auch ein attraktives Ziel für Angreifer von Hackern. Auch Geheimdienste zeigen großes Interesse. Zudem ist von außen schwer nachzuvollziehen, ob der Anbieter die Daten ausreichend vor den eigenen Mitarbeitern schützt. Die Auslagerung bedeutet somit einen Kontrollverlust.

Abhängigkeit

Viele Unternehmen sind von ihrem Dienstleister abhängig, weil sie nicht ohne weiteres zu einem anderen Anbieter wechseln können. Das liegt etwa daran, dass sie ihre Systeme aufwendig an die Schnittstellen anpassen müssen. Auch Nutzer haben oft Schwierigkeit, wenn sie mit ihren Daten den Anbieter wechseln wollen. Eine weitere Frage: Was ist, wenn der Betreiber eines Dienstes pleite geht? Erst wenn es Standards gibt, die den Wechsel von einem zum anderen Dienstleister ermöglichen, sinkt die Abhängigkeit.

Zwar muss man mit Vorsicht an die Medienberichte über das Überwachungsprogramm PRISM herangehen (so hat die Washington Post einen Teil der Vorwürfe wieder fallen gelassen). Es zeichnet sich aber ab, dass die US-Geheimdienste die Kommunikation in einem bislang nicht bekannten Ausmaß überwachen. Selbst wenn sie keinen direkten Zugriff auf die Firmenserver haben sollten, wie Google, Microsoft und Facebook beteuern.

„Da stellt sich schon die Frage: Kann man es noch vertreten, als deutsches Unternehmen seine Daten unter amerikanischer Jurisdiktion oder bei amerikanischen Firmen zu lagern?“, sagt Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC) und technischer Geschäftsführer eines Unternehmens für Kommunikationssicherheit. Seine Beobachtung: Das Cloud Computing treibt derzeit viele Firmen um.

Zumal sich die Schnüffler für Deutschland offenbar besonders interessieren. Das legen zumindest geheime Analysen der NSA nahe, die der „Guardian“ veröffentlicht hat. Demnach greift der Geheimdienst hierzulande mehr Informationen ab als in jedem anderen europäischen Land – dabei geht es nicht um den Inhalt der Kommunikation, sondern lediglich um die Verbindungsdaten. Auch wenn die Zeitung weder absolute Zahlen noch weitere Details kennt, sollten deutsche Unternehmen alarmiert sein.

Kommentare (24)

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Account gelöscht!

13.06.2013, 06:50 Uhr

" Zur Ehrenrettung der Technologie betont er aber: „Die allerwenigsten Unternehmen können Daten auch nur annähernd so sichern, wie dies ein spezialisierter Cloud-Anbieter kann.“ "

Naja, auch in Sachen Datenschutz ist es immer noch so wie mit dem eigenen Kaffee. Der schmeckt am besten, auch wenn die Werbung was anderes verspricht.
Ein Unternehmen welches seine Daten in eine fremde Datenwolke schiebt, sorry, das kann nicht ganz richtig im Kopf sein, oder will sowieso auswandern, oder ist zu geizig sich einen ordentlichen Administrator zu bezahlen.
Und Geiz an der falschen Stelle hat sich schon immer gerächt.
Wieso ist die Wolkenidee entstanden? Weil alle Daten aus den verschiedenen Geräten zusammen an einer Stelle sein sollten. Warum? Weil es doch so bequem ist.

Datenretter

13.06.2013, 07:06 Uhr

Cloud+Datenschutz=Naivität.

icke

13.06.2013, 07:36 Uhr

was gesammelt wird muss auch ausgewertet und mit anderen Behörden ausgetauscht werden. Diese Datenspeicherung steigert für einige Menchen das subjektive Sicherheitsgefühl.
Da wird es irgendwann auch einen NSU Fall geben und viel verhindern wird es auch nichts. Bei uns hat man trotz vielen Daten sogar erst jetzt festgestellt, dass in einigen Städten viel weniger Menschen wohnen als angenommen-trotz Gigabyte an Datenmengen in Einwohnermeldeämetern, Polizei, Passstelle, etc. Im Ergebnis viel Wind um ein Arbeitsbeschaffungsprogramm der IT Lobby.

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