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06.08.2013

06:58 Uhr

US-Zeitungen in der Krise

Amazon-Chef kauft „Washington Post“

VonNils Rüdel

Sie ist weltberühmt und preisgekrönt. Doch die Eigentümer sehen in ihr kein Geschäftsmodell mehr: Die „Washington Post“ wird verkauft – an Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der Star-Unternehmer hat ambitionierte Pläne.

Washington Post: Zeitungen sterben nicht - aber die Art sie zu führen

Video: Washington Post: Zeitungen sterben nicht - aber die Art sie zu führen

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New YorkDie meisten Mitarbeiter ahnten noch nichts, als die Chefs der „Washington Post“ am Montag um 16.30 Uhr zu einer außerordentlichen Versammlung baten. Der Flurfunk meldete, es gebe Neuigkeiten zum Verkauf des Verlagsgebäudes in der US-Hauptstadt und zur Frage, wo die Redakteure künftig arbeiten würden. Bereits dies wäre für die Mitarbeiter ein „unvorstellbarer Umbruch“ gewesen, schrieb „Post“-Starjournalist Ezra Klein später. Doch wie sich nach der Konferenz zeigte, seien „noch viel größere Umbrüche“ möglich als der Verkauf des Gebäudes.

Es ist wahrlich ein Umbruch, den das Management der mit Auflagenschwund kämpfenden Zeitung dann am Montagnachmittag Ortszeit zu verkünden hatte: Die „Washington Post“, eine der bekanntesten Tageszeitungen der Welt, wird zusammen mit mehreren kleineren Blättern für 250 Millionen Dollar verkauft.

Und zwar an Jeff Bezos, den Gründer und Chef des weltgrößten Online-Kaufhauses Amazon – als Privatperson. An Bezos, den Multimilliardär. Bezos, den Unternehmer, der viel Geld in Projekte wie eine Firma für kommerzielle Raumfahrt gesteckt hat, in eine ewige Uhr in einem Stollen in Texas oder in Patente wie Airbags für Handys. „Ich bin schockiert, wie alle anderen“, gestand „Post“-Redakteur Klein auf der Webseite seines eigenen Arbeitgebers.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Die überraschenden Neuigkeiten, die am Montag nach Börsenschluss über die Ticker liefen, waren am Abend eines der wichtigsten Themen in den US-Medien. Es ist ja nicht irgendeine Zeitung, die da den Besitzer wechselt. Die „Washington Post“ gehört zu den Ikonen der amerikanischen Medien, ein Hauptstadtblatt, das weltweit gelesen wird. Enthüllungen wie die Watergate-Affäre, die zum Rücktritt von US-Präsident Nixon geführt hatte, haben die „Post“ berühmt gemacht.

Gleichzeitig ist der Deal ein Alarmzeichen für die ganze gebeutelte Branche: Die Verleger-Dynastie Graham, die die „Post“ seit 80 Jahren kontrolliert, verabschiedet sich von ihrem wichtigsten Produkt. „Eine der Kronjuwelen unter den Zeitungen wird von einer der Königlichen Familien der Branche aufgegeben“, schrieb die „New York Times“.

Doch alles Renommee half der „Post“ nichts gegen den dramatischen Auflagenschwund, mit dem das Blatt ebenso wie alle anderen US-Tageszeitungen seit Jahren zu kämpfen hat. Hatte die Zeitung zu Spitzenzeiten im Jahr 1993 noch eine Auflage von mehr als 830.000 Stück, so schrumpfte sie bis zum Frühjahr dieses Jahres auf rund 470.000 zusammen. Gleichzeitig brachen die Anzeigenumsätze ein. Die Folge: Die Verluste verdoppelten sich im vergangenen Jahr von rund 21 auf knapp 54 Millionen Dollar. Schließlich wurde das Geld so knapp, dass sich der börsennotierte Verlag Washington Post Company gezwungen sah, die Zentrale im Zentrum der Hauptstadt zum Verkauf zu stellen.

Kommentare (13)

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useAK47

06.08.2013, 07:08 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

prestofinale

06.08.2013, 07:27 Uhr

[...] sein Blick auf diesem Foto sagt mehr als es tausend Worte können. Führt in keinem Land der Welt außerhalb der USA Steuern für die Gemeinschaft ab. Aber die [...] und auch die Staaten lassen es sich gefallen, erheben vereinzelt Protest.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

harpune

06.08.2013, 07:29 Uhr

Es ist ja niemand GEZwungen, das zu lesen...

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