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06.12.2016

20:45 Uhr

Valley Voice

Amazon geht in die Shopping-Offensive

VonBritta Weddeling

Amazon testet in Seattle ein erstes Lebensmittelgeschäft, ganz ohne Kassen und Wartezeit. Konzernchef Jeff Bezos setzt auch im Supermarkt voll auf Algorithmen – und könnte damit das Einkaufserlebnis neu definieren.

Supermarkt der Zukunft

„Amazon Go“: Einkaufen ohne Kassen

Supermarkt der Zukunft: „Amazon Go“: Einkaufen ohne Kassen

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San FranciscoDas Silicon Valley hat uns bereits so einige Zivilisationskrankheiten eingebrockt. Neben Handy-Daumen und Social-Media-Narzissmus zählt dazu auch mangelnde Zahlungsbereitschaft. Wer ausschließlich Uber oder Lyft fährt, wo Kunden automatisch per App zahlen, verlässt ein gewöhnliches Taxi auch schon einmal, ohne Cash zu zücken.

Technologien haben unser Verhalten nachhaltig verändert. Amazon wendet diese Erkenntnis nun auf das Einkaufen an. So intuitiv wie Kunden online oder in einer App den Warenkorb füllen und mit hinterlegten Kreditkartendaten zahlen, soll künftig auch das analoge Shoppen von Sandwiches oder Sprudel sein.

Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Die Stimme aus dem Valley

Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Der Konzern hat am Montagabend den Start von „Amazon Go“ verkündet. Im neuen Geschäftskonzept checken Kunden mit Amazon-Account und entsprechender App am Eingang per Smartphone ein und können dann die gewünschten Produkte aus dem Regal nehmen und den Laden wieder verlassen – ganz ohne in der Schlange warten oder an der Kasse bezahlen zu müssen.

In der Strategie von Amazon-Chef Jeff Bezos macht dieser Schritt durchaus Sinn. Schließlich hat sich Bezos doch vorgenommen, den weltweiten Handel zu revolutionieren – von Büchern, mit denen er in den 90er-Jahren begann, über DVDs, CDs und Video-Streaming bis hin zu Möbeln und Lebensmitteln. Der Amazonas, nach dem er einst seine Firma benannte, ist schließlich ein sehr, sehr breiter Fluss.

Neue Ideen für die Online-Lieferung

Drohnen

Als Amazon-Chef Jeff Bezos Ende 2013 in einem TV-Interview den Prototypen seiner kleinen Fluggeräte zur Warenlieferung vorstellte, hielten das viele zunächst für einen Werbegag. Doch Amazon meint es ernst und hat mit „Prime Air“ sogar schon einen Namen für den Service. Ob und wann Amazon-Bestellungen tatsächlich im Alltag per Drohne geliefert werden könnten, ist offen - der Konzern testet noch. Eine Hürde bleibt auch die rechtliche Grundlage. Dies schreckt Konkurrenten jedoch nicht von eigenen Versuchen ab. So hat die Deutsche Post den automatischen „Paketcopter“, der 2014 testweise die Nordseeinsel Juist unter anderem mit Medikamenten versorgte. Und Google arbeitet bei „Project Wing“ an Mini-Fliegern mit Seilwinde.

Lieferroboter

Die Fahrzeuge, die äußerlich an einen großen Mars-Rover erinnern, sollen neben Fußgängern auf Gehwegen unterwegs sein. Die Firma Starship zum Beispiel, mit der unter anderem der Paketdienst Hermes und der Handelskonzern Metro zusammenarbeiten, will damit Waren mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilogramm auf eine Entfernung von fünf Kilometern befördern. Die Vision ist, dass ein Mitarbeiter über das Internet 50 bis 100 automatische Lieferroboter überwacht. Starship peilt Kosten von rund einem Dollar pro Zustellung an. Die Pizza-Kette Domino's testete einen eigenen Lieferroboter in Australien. In Deutschland gibt es das Problem, dass der Betrieb solcher Fahrzeuge im Alltag nicht geregelt ist.

Kofferraum

Warum die Pakete immer nach Hause liefern, wenn der Adressat vielleicht gerade woanders unterwegs ist? Die Idee, die Pakete vom Zusteller einfach im Kofferraum zu platzieren, nimmt dabei konkrete Formen an. Der Zusteller bekommt dafür einen ein Mal gültigen Code, mit dem er die Klappe öffnen kann. Die Position des Fahrzeugs wird per GPS bestimmt. Der Paketdienst DHL testet die Kofferraum-Zustellung in einigen deutschen Städten mit jeweils mehreren hundert Smart-Fahrern. Unter anderem auch Audi, BMW und Volvo arbeiten an einem solchen Verfahren.

Crowdshipping

Warum nicht den Nachbarn zum Paketboten machen? Zahlreiche Start-ups versuchen gerade, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Kern ist eine App, die Händler, Lieferanten und Kunden verknüpft. Wer ohnehin unterwegs ist, kann dann Pakete für andere mitnehmen und sich so etwas Geld verdienen. So gut die Idee ist, so schwierig scheint sie umzusetzen zu sein: DHL hat damit schon erfolglos experimentiert, Walmart einen Feldversuch abgebrochen. Auch Amazon testet den Service.

Kühlboxen

Die britische Supermarktkette Waitrose hat als erster mit dieser Idee Furore gemacht: Gekühlte Abholstationen für online bestellte Lebensmittel. Auch die britische Walmart-Tochter Asda experimentiert mit Kühlfächern an Tankstellen. Geöffnet werden sie per QR-Code oder PIN, die Kunde per Mail bekommt. Auch Rewe probiert bereits die Idee aus.

Bei „Amazon Go“ erkennen Sensoren automatisch, welches Produkt der Kunde auswählt, wirbt Amazon. Wie beim Online-Shopping wird sein Konto später mit dem entsprechenden Betrag belastet. Angeboten werden sollen Fertiggerichte, Snacks und Getränke. Derzeit testen Amazon-Mitarbeiter die Idee in Seattle; Anfang 2017 soll auch die Öffentlichkeit dort shoppen dürfen.

Bezos hat erkannt, dass es immer Produkte geben wird, die der Kunde nicht online bestellen will, sondern sich selbst im Laden kaufen und sofort in der Hand halten will. Zudem sind Lieferservices wie „Amazon Fresh“ technisch und finanziell aufwendig und demgegenüber der Anteil von Lebensmitteln am Online-Shopping immer noch gering.

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