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20.06.2017

16:12 Uhr

Valley Voice

Ein Containerdorf für angehende Millionäre

VonAxel Postinett

Kuriose Folge des Immobilienbooms von San Francisco: Der Google-Konzern baut jetzt Notunterkünfte. Die sind jedoch nicht für Flüchtlinge oder Obdachlose, sondern für Daten-Kumpel aus aller Welt geplant.

Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Die Stimme aus dem Valley

Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

San FranciscoDie Arbeitersiedlungen mit ihren kleinen Backsteinhäuschen wurden Anfang des 19. Jahrhunderts zum unverwechselbaren Markenzeichen der boomenden Kohle- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet. Zu Beginn der Industrialisierung gab es an Ruhr und Emscher noch keine bedeutenden Städte. Die Arbeiter mussten nahe der Zechen untergebracht werden. Weil es keinen Wohnraum gab, wurde er geschaffen.

Die Zechensiedlungen der Kumpel des 21. Jahrhunderts entstehen heute im mondänen Mountain View. Hier, wo einfachste Einfamilienhäuser nicht mehr unter einer Million Dollar zu bekommen sind, schuftet das Software-Prekariat in den gigantischen Big-Data-Zechen von Google oder Facebook, mit kostenlosen Snacks und privaten Fitnesscenter. Aber das Grundproblem hat sich seit 1900 nicht verändert. Wo soll ich wohnen?

Google und andere Hightech-Unternehmen locken die Daten-Kumpel aus aller Welt magisch an. Die kommen mit völlig falschen Vorstellungen in Tal der Verheißungen. Wer mit Mitte 20 in die Data-Gruben zur 12-Stunden-Schicht einfährt, der bringt im Jahr schnell 150.000 Dollar oder mehr nach Hause und wähnt sich reich. Aber das Zuhause ist dann ein Studioappartement in San Francisco in der Größe eines überdimensionierten Tiefgaragenstellplatzes und kostet 2500 Dollar pro Monat. Wer den Luxus einer Küche und eines kleinen Schlafzimmers haben will, muss in mittlerer Lage noch mal 1000 Dollar drauflegen, um in einer lauten Straße in einem 100 Jahre alten Haus und Einfachverglasung zu wohnen.

Die Situation ist so angespannt, dass eine vierköpfige Familie mit einem Jahreseinkommen unter 150.000 Dollar offiziell als arm eingestuft wird. Mitarbeiter von Facebook, wo schon ein Praktikant 8000 Dollar im Monat bekommt, sollen sich in einem offenen Brief an Mark Zuckerberg gewandt und um Hilfe gebeten haben. Sie können sich den Boom, den sie entfacht haben, einfach nicht mehr leisten.

Besonders hart trifft es die einfachen Zuarbeiter. Eine Mitarbeiterin aus dem Customer Support Team der Bewertungsplattform Yelp/Eat 24 schrieb unlängst in einem offenen Brief an ihren CEO, dass sie von einem Leben träumen würde, ohne jeden Abend in der Badewanne zu weinen, oder an manchen Tagen kein Geld zu haben, um eine U-Bahnkarte kaufen zu können. Andere Mitarbeiter würden an Anschlagbrettern im Unternehmen Bitten um Spenden veröffentlichen, damit sie ihre Miete bezahlen könnten. Viele nähmen massenweise die Snacks aus dem Unternehmen mit nach Hause, weil sie sonst nichts kaufen könnten. Das Ergebnis: Sie wurde gefeuert. Allerdings aus Gründen, die laut Unternehmen nichts mit dem offenen Brief vom Tag zuvor zu tun hatten.

Ein Fahrer von Apple, der die Data-Kumpel jeden Tag zur Mine nach Cupertino und zurück kutschiert, machte Furore, als bekannt wurde, dass er nachts im Bus schläft, im Fitnesscenter duscht, und nur am Wochenende zur Familie kann, die weit entfernt wohnt. Für mehr reicht das Geld nicht mehr. Die Diskussion um das unbezahlbare Leben im Valley hat mittlerweile alle erreicht. Denn als die Armen aus dem Valley vertrieben waren, blieben die Mieten nicht niedrig, sondern wurden bis zur Schmerzgrenze an die Gehaltssituation der Neuankömmlinge angepasst. Und immer mehr wollen deshalb gar nicht mehr kommen.

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