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10.02.2015

10:08 Uhr

Valley Voice

Tischsitten für die Apple-Watch

VonBritta Weddeling

Universitäten in England und Belgien haben das Tragen von Uhren während des Examens verboten. Professoren könnten nicht mehr unterscheiden, ob es sich um eine reguläre Uhr oder eine Smartwatch handelt.

Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Die Stimme aus dem Valley

Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Auch Silicon Valley will manchmal abschalten. Deshalb gilt es als Unsitte, während des Essens zu chatten oder zu posten. Bevor serviert wird, stellt jeder sein Telefon auf lautlos und legt es mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch. Eine Kaffebar in Lower Haight kappt abends um sechs Uhr die WLAN-Verbindung. Mein Lieblingscafé Sightglass hat oft nicht mal Empfang. „The Battery“, der fünfstöckige Edel-Club der Tech-Community in San Francisco, verbietet Handys vollständig.

Doch bald ist das alles nicht mehr so einfach. Das dachte ich jedenfalls, als ich jüngst mit einem Kumpel zusammensaß. Wir haben uns bei einer GIF-Party getroffen, eine Veranstaltung für Film-Schnipsel und atonale Tanzmusik. Er nannte mich „Dude“, seither sehen wir uns öfter. Er liebt Einhörner, schwarze Shirts und Lederjacken. Dass ich mich nicht in der Programmiersprache C++ ausdrücken kann, stört ihn nicht.

Ich musste ständig auf sein Handgelenk starren. Er trug eine Smartwatch, eine Moto 360 von Motorola. Das Display leuchtete permanent. Besonders auffällig war, dass sich über das Zifferblatt statt des regulären Zeigers eine Pac-Man-Figur bewegte. Pac-Man war schwer beschäftigt. Jemand rief meinen Freund immer wieder an und schrieb Nachrichten. „Tut mir so leid“, entschuldigte mein Freund. Er versteckte seine Hand unter dem Tisch, er wollte nicht unhöflich sein. Sein Dilemma war klar: Wie soll man eine Smartwatch gemäß gängiger Tischsitten bloß mit dem Screen nach unten auf den Tisch legen?

Innovation hat Nebeneffekte. Erst recht wird das deutlich werden, wenn die Apple Watch im April auf den Markt kommt. Leider beginnen Universitäten in England und Belgien bereits, die falschen Schlüsse zu ziehen. Sie haben das Tragen von Uhren während des Examens verboten. Die Aufsicht könne nicht mehr unterscheiden, ob der Prüfling eine reguläre Uhr oder eine Smartwatch trägt, mit der er nach Lösungen im Internet suchen könnte. Was für ein Unsinn!

Ich dachte immer: Wenn die Apple Watch scheitert, dann an geringer Akkulaufzeit, verkorkstem Design oder Unhandlichkeit. Tischmanieren kann man neu definieren. Der Uhrschrei der Universitäten ist unnötig. Schließlich habe ich noch die Hoffnung, dass Studenten an der Universität mehr lernen als das, was man auf einem 38-Millimeter-Bildschirm googeln kann.

There is also an English version of this column.

Immer Dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

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