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01.09.2015

16:30 Uhr

Valley Voice

Werd' mal erwachsen, Silicon Valley! 

VonBritta Weddeling

Silicon Valley schätzt es nicht, kritisiert zu werden. Tech-Gründer reden immer nur davon, wie hinreißend alles ist. Sie schwelgen in Euphorie. Dabei wissen wir doch alle, dass das in Wahrheit gar nicht stimmt.  

Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Die Stimme aus dem Valley

Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Wir kennen die Situation noch aus dem Kindergarten. Da sitzt dieses andere Kind im Sandkasten und baut ebenfalls an einer Burg. Das eigene Bauwerk sieht krüppelig wie immer aus. Die Fähigkeiten des Spielkameraden hingegen überzeugen auf den ersten Blick. Eigentlich hat man sich mit der Niederlage schon abgefunden, da kommt die Kindergärtnerin. Wider alle Erwartung und gegen jede Logik beginnt sie darüber zu fachsimpeln, wie gut beide Burgen gelungen sind – „gaaanz toll!“ Das ist natürlich eine riesige Lüge. 

Die Kindergärtnerin weiß das, der Spielkamerad ebenso und auch einem selbst ist die Sache völlig klar. Doch das bleibt unausgesprochen. Die Wahrheit könnte die Gefühle eines anderen Kindes verletzen. Also besser euphorisch sein – sonst hat die Kindergärtnerin später kein Bild für dich. 

Die Sandkasten-Parabel zeigt, wie Silicon Valley funktioniert. Die Leute halten es nicht aus, kritisiert zu werden, wohlmöglich sogar von Journalisten. Jeder redet stattdessen lieber davon, wie „toooll“ alles ist, dabei sind wir doch gar nicht mehr im Kindergarten – oder etwa doch? 

Google und Facebook jedenfalls holen ihre Mitarbeiter morgens von der Haustür ab, fahren sie zur Arbeit, kochen und waschen für sie – hat Mama das nicht für uns gemacht, als wir noch Kleinkinder waren? 

„Aber du weißt doch, wie das hier läuft“, belehrte mich der Manager eines Milliarden-Start-ups unlängst, als ich mich über Silicon Valley’s mangelnde Kritikfähigkeit beschwerte. „Die Leute sind hier halt immer nett.“ Ein anderer Unternehmer legte mir seine Vorliebe für „nette“ und „wenig kontroverse“ Interviews dar. Der Dritte schlug mir einen Kurs zur Aggressionsbewältigung vor. 

Ja, ich weiß schon, wir Deutschen sind immer so verdammt negativ. Silicon Valley – das wäre in Berlin nie passiert. Nur hier an der US-Westküste gibt es diese einzigartige Euphorie, die alle Gründer antreibt, den unbedingten Glauben, dass sie sich durchsetzen werden mit ihrer Idee. 

Euphorie nützt. Ja, ich bin sogar selbst hin und wieder euphorisch, zuletzt vergangenen Montag. Aber nur Euphorie, unreflektiert und unhinterfragt, das ist doch wenig mehr als Naivität. Sicher braucht Silicon Valley diese Naivität, um den technologischen Fortschritt weiter voranzutreiben, aber es sollte sich doch seinen Kritikern stellen. Denn das ist es, was einen Unternehmer von einem Kindergartenkind unterscheidet. 

There is also an English version of this column.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

Kommentare (2)

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Frau Annette Bollmohr

01.09.2015, 17:13 Uhr

Ich hätte 'nen guten Tipp für die:

Wird langsam ohnehin höchste Zeit, die Ressourcen an Zeit, Geld und Energie, von denen ein Großteil heute offenbar fürs gegenseitige Anpöbeln in den Foren und sozialen Medien draufgeht, stattdessen einzusetzen, damit außer den Zeitgenossen mit extremistisch-menschenfeindlicher Einstellung, die in den Foren derzeit offenbar den Ton angeben (und das, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung im unteren einstelligen Prozentbereich liegt) endlich auch die restlichen weit über 90% der Bevölkerung zu Worte kommen.

Schon, damit die "Extremisten" sich nicht irgendwann auch noch im „richtigen Leben“ durchsetzten!!

Mit unserem heutigen altehrwürdig-musealen Demokratiemodell ist heute jedenfalls kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Na klar gibt’s auch ehrliche Politiker. Die kämpfen aber auf verlorenem Posten.

Schon deshalb, weil ein einzelner Politiker in unserer heutigen hochkomplexen Welt längst den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen kann.
Und außerdem, weil er, gefangen im täglichen Politbürokatiewahnsinn, irgendwann zwangsläufig „betriebsblind“ wird. (Politiker, die sich ganze Nächte über Problemen wie das x-te „Rettungspaket“ um die Ohren schlagen müssen, haben schlicht keine Ressourcen mehr übrig, um sich auch noch um die anderen – weit wichtigeren – Themen kümmern zu können!)

Das (das "Kümmern") kann - und muss - die "Zivilbevölkerung" heute selbst tun!!!

(2/2 folgt)

Frau Annette Bollmohr

01.09.2015, 17:38 Uhr

Fortsetzung (2/2):

Und die Entwicklung bzw. der strukturelle Aufbau eines ganz neuen, an die komplexen Anforderungen der heutigen Zeit angepassten, flexiblen, IT-gestützten Demokratiemodells, das jeden einzelnen Bürger (dessen eindeutige Identifizierung bspw. mithilfe biometrischer Merkmale gesichert werden müsste) quasi zur Mitarbeit bzw. zum Selbstinformieren und -denken "zwingt" ist unabdingbar, um die horrenden Herausforderungen bewältigen zu können, vor denen die Weltgemeinschaft gerade steht.

Eines Modells, in dem IT-gestützt über die infrage kommenden Lösungswege wirklich gemeinsam demokratisch abgestimmt wird.

Also eines Modells, das auf dem "Wenn/Dann-Prinzip" beruht. Wir sind hier schließlich nicht bei "Wünsch Dir was“, sondern bei "So isses"!!!

Die "Vorreiterrolle" der Bürger jener Staaten, die die Freiheit und die Mittel dafür haben ist ebenfalls unabdingbar.

Wäre für solche ein „erwachsenes“ Vorhaben nicht gerade das Silicon Valley die erste Adresse?!

Letzten Sonntag (30.8.) war im ARD-Weltspiegel übrigens folgender Beitrag zum Thema „Meinungsfreiheit im Netz“ zu sehen:

http://www.tagesschau.de/ausland/weltspiegel-blogger-bangladesch-101.html

Es ist so verrückt:
Am einen Ende der Welt hat man alle Freiheiten – und missbraucht sie oft nur für dummes Zeug, und am anderen muss man sie sich regelrecht nehmen – und zahlt dafür nicht selten den höchstmöglichen Preis.

Zu den aktuellen weltweiten Flüchtlingsbewegungen:

Solange zynisch immer nur die Symptome (= die Flüchtlinge) bekämpft werden und die eigentliche Krankheitsursache (= deren Fluchtgründe, die wiederum das Ergebnis einer völlig verfehlten Politik sind) ignoriert wird, wird sich an der Misere - dem Leid der Flüchtlinge und der Überforderung und den Ängsten der gutwilligen "Helfer" - nichts ändern.

Das muss es aber, und zwar schnellstens!

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