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09.11.2015

21:24 Uhr

Vault Apps versetzen Eltern in Angst

Ein Geheimagent namens App

VonAxel Postinett

Neuartige „Geheim-Apps“ versprechen Jugendlichen, heikle Bilder und Videos auf dem Handy zu verstecken. Nun erschüttert ein Nacktfoto-Skandal die USA. Sind auch Schüler in Deutschland in Gefahr? Was können Eltern tun?

Die „Vault Apps“ stellen eine neue Gefahr für unbedarfte Kinder und Jugendliche dar. dpa

Sexting

Die „Vault Apps“ stellen eine neue Gefahr für unbedarfte Kinder und Jugendliche dar.

San FranciscoEs war ein anonymer Tipp, der die Schulleitung der Canyon High School auf die Spur gebracht hatte. Und die Lehrer reagierten unverzüglich. Vergangenen Montag konfiszierten sie die Smartphones ihrer Schüler. Freiwillig händigten sie die Geräte aus, wähnten sie sich doch in Sicherheit. Denn sie ahnten nicht, dass die Lehrer genau wussten, wonach sie suchen mussten: die „Geheim-Apps“, bekannt unter dem Namen „Vault Apps“.

Wenn man so will, handelt es sich dabei um Geheimagenten der Handysoftware. Sie tarnen sich etwa als harmlose Taschenrechner – und funktionieren auch so. Falls ein Schüler statt „2+2“ aber ein geheimes Passwort eingibt, öffnet sich eine dunkle Welt von Fotos und Videos – angeblich sicher versteckt vor neugierigen Augen.

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Das soziale Online-Netzwerk wächst erneut stärker als erwartet. Auch die kostspieligen Akquisitionen machen sich inzwischen bezahlt. Und Facebook-Chef Zuckerberg hat bereits das nächste große Ding im Blick.

Was an der Schule in Colorado zutage kam, versetzte Lehrer wie Eltern gleichermaßen in Panik. Mindestens 100 Schüler – wahrscheinlich weit mehr – hatten dort hunderte Nacktfotos von sich und anderen aufgenommen und über die neuartige „Geheim-Apps“ miteinander geteilt. Mehrere Kinder waren erst in der achten Klasse.

Das Ausmaß des schulinternen Foto-Rings ist beispiellos in den USA. In den Vereinigten Staaten wird die „Herstellung und Verbreitung von Kinderpornografie“ – juristisch gesehen ist dieser Tatbestand bei dem Datenmaterial wahrscheinlich großteils erfüllt – hart bestraft. Im schlimmsten Fall droht eine lebenslange Aufnahme in das öffentliche „Register für verurteilte Sexualstraftäter“. Wer dort auftaucht, hat häufig Probleme im Alltag. Betroffene haben dann Schwierigkeiten eine Wohnung oder einen Job zu finden. Sie werden von ganzen Branchen, wie etwa Schul- oder Staatsdienst oder dem medizinischen Bereich, ausgeschlossen.

George Welsh zog daher Konsequenzen. Der oberste Schulaufseher des Distrikts übergab die konfiszierten Smartphones mit den Fotos der Teenager der Polizei: „Nun muss die Justiz ihre Arbeit machen.“

Die heißen Smartphone-Dienste

Snapchat

Mit der Snapchat-App können Nutzer Textnachrichten, Fotos und Videos verschicken, die sich nach einem kurzen Zeitraum selbst löschen. Gerade unter Jugendlichen ist die Anwendung beliebt – vermutlich nicht selten für Anzüglichkeiten. Die Gründer lehnten mehrere milliardenschwere Übernahmeangebote ab, auch Facebook ließen sie abblitzen.

Instagram

Ein Produkt des Smartphone-Zeitalters ist der Foto-Dienst Instagram: Er war von vornherein nur für mobile Geräte ausgelegt. Nutzer können Fotos und Videos aufnehmen, mit Filtern aufpeppen und hochladen. Das Prinzip von Instagram erinnert an Twitter, nur dass es hier ausschließlich um Bilder geht. Facebook übernahm den Dienst 2012 für umgerechnet eine Milliarde Dollar.

Pinterest

Beim Fotodienst Pinterest sammeln die Nutzer Bilder von verschiedenen Websites in digitalen Notizbüchern – meistens mit dem Smartphone. Die Entwicklung von Pinterest wird von Urheberrechtssorgen begleitet: Die öffentlichen Sammlungen könnten nach Ansicht einiger Experten als Urheberrechtsverletzung ausgelegt werden. Das Unternehmen hat inzwischen eine Milliardenbewertung.

Whatsapp

In immer mehr Ländern wird Whatsapp zum SMS-Ersatz. Der Dienst erlaubt es, Kurznachrichten, Bilder und Videos über Internet zu verschicken. Die App läuft auf sämtlichen Betriebssystemen. Trotz etlicher Sicherheitspannen gehört Whatsapp zu den beliebtesten Smartphone-Anwendungen, sie hat nach Unternehmensangaben 500 Millionen Nutzer. Facebook hat das Start-up für 22 Milliarden Dollar übernommen.

Line

Ähnliche wie Whatsapp funktioniert Line, eine App mit asiatischem Ursprung. Sie bietet Instant Messaging für Smartphone und PC. Nutzer können nicht nur Textnachrichten, Fotos und Videos tauschen, sondern auch Telefonate führen. Eine Besonderheit sind virtuelle Sticker, die man in einem Shop kaufen kann.

Vine

Mit dem Dienst Vine können Nutzer bei Twitter sechs Sekunden kurze Videoschnappschüsse hochladen, die in einer Endlosschleife laufen. Der Zwitscherdienst übernahm das Start-up nur wenige Monate nach dessen Gründung im Sommer 2012. Vine hat nach Angaben vom Sommer 40 Millionen Nutzer.

Periscope

Videoübertragungen in Echtzeit ermöglicht der Dienst Periscope, der zu Twitter gehört. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: App öffnen, „Broadcast“ klicken – schon beginnt der Live-Stream. Ein konkurrierendes Angebot ist Meerkat.

Tumblr

Twitter ist kurzatmige Internet-Kommunikation, Blogs lassen sich mehr Zeit. Irgendwo dazwischen befindet sich Tumblr, ein 2007 gegründeter Web-Dienst für das unkomplizierte Veröffentlichen im Netz. Ähnlich wie bei Twitter kann man bei Tumblr anderen Nutzern folgen und sieht dann deren Beiträge im sogenannten Dashboard, einer Übersichtsseite. 2013 übernahm Yahoo das Start-up für 1,1 Milliarden Dollar.

Allein die ersten Nachforschungen deckten heikle Verwicklungen auf. Mehr als die Hälfte des „American-Football"-Teams soll in die Affäre verwickelt sein. Deshalb sagten die Veranstalter am Wochenende das Saisonfinale ab. Trainer Scott Manchester sagte dem Nachrichtensender CBS: „Das Team kann nicht antreten – und unsere Schule und unsere Stadt vertreten.“ Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft dauern an. Schulaufseher Welsh vermutet weitere Details im Skandal: „Wir sind nur eine kleine Allerweltsstadt in den USA.“ Ein Vorfall wie hier könnte seiner Meinung nach überall passieren.

Auch in Deutschland? Die neuartigen „Geheim-Apps" sind auch in Deutschland in den Online-Stores von Apple und Google erhältlich. Tatsächlich ist es nicht illegal, sich diese technischen Helferlein aufs Smartphone zu laden, um Fotos oder Videos auf dem Gerät vor den Blicken anderer zu verstecken. Doch es gilt: Das Datenmaterial darf nicht illegal sein. Ein Beispiel dafür sind solche Nacktaufnahmen von Minderjährigen wie in Colorado.

Die App-Entwickler versprechen den Kunden zwar, ihre Digital-Geheimnisse auf ewig in virtuellen Kellern unter Verschluss zu halten. Dort soll sie niemand finden. Doch dieser Fall in den USA zeigt, wie Kinder und Jugendliche mit dieser neuen Technik schnell überfordert sind.

In Deutschland hat die Affäre um Sebastian Edathy die Sensibilität weiter erhöht. Der ehemalige Bundestagsabgeordneter stand unter Kinderporno-Verdacht, weil er Bilder von nackten Kindern von einem Portal in Kanada heruntergeladen hatte. Das Strafgesetzbuch untersagt hierzulande unter anderem „die Verbreitung, aber auch den Besitz und die Besitzverschaffung von pornographischen Schriften“, die „sexuelle Handlungen von, an oder vor Kindern und Jugendlichen zum Gegenstand haben“.

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