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20.07.2016

15:40 Uhr

Vectoring-Entscheid der EU

Telekom-Konkurrenten kündigen Klagen an

VonIna Karabasz

Die Deutsche Telekom darf die umstrittene Vectoring-Technologie in einigen Gegenden Deutschlands wohl exklusiv anbieten. Wettbewerber kündigen jetzt schon Klagen dagegen an. Und es droht weiterer Streit.

Der Streit um den Ausbau mit der Technologie ist noch nicht ausgestanden. dpa

Vectoring

Der Streit um den Ausbau mit der Technologie ist noch nicht ausgestanden.

DüsseldorfLange war um die Entscheidung gerungen worden. Doch nun steht fest, dass die Deutsche Telekom aller Wahrscheinlichkeit nach in diversen Gebieten Deutschlands eine umstrittene Technologie einsetzen darf – und das ganz alleine. Die Bundesnetzagentur hat einen entsprechendem Antrag der Bonner mit einigen Änderungen genehmigt und zur Abstimmung nach Brüssel geschickt. Nach einigem Zögern hat nun auch die EU-Kommission den Antrag abgenickt, wenn auch begleitet mit der Forderung, einzelne Punkte genauer zu spezifizieren.

Für Patrick Helmes, Leiter der Kommunikation beim Telekomanbieter Net Cologne, ist der nächste Schritt nun klar: „Brüssel war sehr bemüht, den Rest klären jetzt die Gerichte“, sagt er dem Handelsblatt. Sollte die Telekom, so wie es jetzt aussieht, ihren Willen bekommen, wird das Unternehmen gegen die Entscheidung der Behörde klagen.

Fragen zum Vectoring

Welche Möglichkeiten hat der Endkunde beim Zugriff auf das schnelle Internet?

Es gibt mehrere Wege: Zum Beispiel mobil über Smartphone und das LTE-Netz, über einen drahtlosen Anschluss an einem Hotspot oder auch über Festnetz-Leitung. Eine weitere Möglichkeit ist der Zugang ins Internet über das Kabelnetz, das in Deutschland durch Vodafone und Unitymedia dominiert wird. Welches Surftempo erreichbar ist, hängt ab vom Grad des Netzausbaus und der von den Betreibern eingesetzten Technik. Seit kurzem bietet die Bundesnetzagentur einen Test, mit dem Geschwindigkeiten im Netz gemessen werden können.

Nach den Breitbandzielen der Bundesregierung soll jeder Verbraucher bis Ende 2018 mit einem Tempo von mindestens 50 Megabit pro Sekunde (MBit/s) im Internet surfen können. Über den Zugang zu einem solchen Anschluss, und zwar über alle Technologien hinweg, verfügten nach Angaben des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur Ende 2015 rund 70 Prozent aller Privathaushalte. In ländlichen Regionen aber auch in einigen Stadtgebieten gibt es jedoch weiterhin Schwachstellen und zum Teil auch weiße Flecken.

Was ist Vectoring und warum wird diese Technik eingesetzt?

Beim Vectoring werden die herkömmlichen Kupferkabelnetze kostenschonend für höhere Geschwindigkeiten nachgerüstet. So sollen die Bandbreiten auf 100 MBit pro Sekunde steigen. Mit der Weiterentwicklung Super-Vectoring würden sogar theoretisch 250 MBit/s möglich. Die Telekom muss sich aber sputen, denn die Kabelnetzbetreiber um Vodafone und Co. sind ihr ein Stück voraus und bieten bereits 400 MBit/s.

Es gibt nicht wenige Experten, die beim Vectoring von einer veralteten Technologie sprechen, andere nennen sie eine Brückentechnologie auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft. Um die Ziele der Bundesregierung beim Breitbandausbau schnell zu erreichen, gilt Vectoring als unverzichtbar. Die Telekom setzt voll auf diese Technik und kombiniert sie mit einem Glasfaserausbau. Ihr Plan: Glasfaser bis zum Kabelverzweiger (graue Schaltkästen am Straßenrand) und dann auf kurzer Strecke über Kupferkabel in die Häuser.

Warum ist Vectoring so umstritten?

Die Telekom hat ihr Netz im Nahbereich an viele Wettbewerber vermietet, die dort ebenfalls schnelle Internetanschlüsse betreiben. An den entscheidenden Hebeln im Netz wie den Kabelverzweigern und Hauptverteilern kann aus technischen Gründen aktuell aber nur ein Unternehmen mit Vectoring andocken und Tempo ins Kupferkabel bringen. Im gegenwärtigen Streit geht es um die Hauptverteiler, deren Nahbereiche mit 5,9 Millionen Endkunden die Telekom beschleunigen will.

Die Bundesnetzagentur hatte geplant, dem Marktführer den Einbau der umstrittenen Technik zu gestatten. Konkurrenten müsse ein Vorleistungsprodukt angeboten werden. Das hatte zu einem Aufschrei der Wettbewerber geführt; das böse Wort von der Re-Monopolisierung machte die Runde. Am Ende wurden die Pläne wieder kassiert. Die Wettbewerber sehen zudem mit dem Vectoring der Telekom ihre Investitionen in den Glasfaserausbau gefährdet.

Ist das Verlegen von Glasfasernetzen eine Alternative?

Eindeutig ja. Auf lange Sicht können nur Glasfasernetze, die ins Gebäude und Wohnungen der Endkunden reichen, das gewaltige Wachstum der Datenströme bewältigen. Die Breitbandziele der Bundesregierung reichten nicht aus, sagen die Wettbewerber, schon heute sollten die Rahmendaten für Gigabit-Netze geschaffen werden. Diese Supernetze werden benötigt, wenn Landwirte in der Cloud mähen und über ein modernes Farmmanagement ihre Höfe steuern, wenn Autos autonom fahren und Fernsehen nur noch in Ultra HD-8k gesehen wird.

Für ihn ist es unverständlich, warum diverse Argumente nicht mit in die Diskussion über den Antrag eingeflossen sind. Auch der Chef des norddeutschen Anbieters EWE, Matthias Brückmann, erklärte: „Das ist ein schwarzer Tag für den Breitbandausbau. Sollte es bei den nur geringfügigen Veränderungen bleiben, werden wir alle Rechtsmittel ausschöpfen.“

Die Telekom hatte vor eineinhalb Jahren bei der Bundesnetzagentur beantragt, im Bereich um Hauptverteiler exklusiv die Vectoring-Technologie einsetzen zu dürfen. Damit können Kunden schnelleres Internet über alte Kupferkabel nutzen. Aus physikalischen Gründen kann dies aber immer nur ein Unternehmen pro Verteiler sein – und das wollte die Telekom sein.

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Die EU erlaubt der Deutschen Telekom, alte Kupferkabel mit der Vectoring-Technologie aufzurüsten. Damit kann der Bonner Konzern endlich schnelleres Internet anbieten. Doch es gibt eine Bedingung.

EWE hatte jedoch im Rahmen der Diskussion um den Antrag argumentiert, man habe angeboten, mehr als 90 Prozent aller Haushalte in den sogenannten Nahbereichen um die Hauptverteiler in ihrem Einsatzgebiet mit schnellerem Internet zu versorgen. Damit sei das EWE-Angebot um über 15 Prozent höher als das Angebot der Telekom, so das Unternehmen, wovon 150.000 Menschen profitiert hätten. Ähnlich hatten auch Wettbewerber in anderen Regionen Deutschlands erklärt, sie würden die Bereiche ebenfalls ausbauen.

Fraglich ist jedoch, welche Wirkung eine Klage der Wettbewerber hat. „Es ist selbstverständlich möglich, gegen Entscheidungen der Bundesnetzagentur zu klagen“, sagte ein Behördensprecher. Aber: „Klagen gegen Regulierungsverfügungen haben keine aufschiebende Wirkung.‎“ Die Bundesnetzagentur begrüßt die Stellungnahme der Kommission: „Damit ist ein wesentlicher Schritt für den Einsatz von Vectoring auch im Nahbereich getan, um den Breitbandausbau in Deutschland weiter voranzutreiben. Wir werden uns mit den Anmerkungen der Kommission in der endgültigen Entscheidung auseinandersetzen.“

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