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04.04.2017

14:44 Uhr

Videostreaming

Der kühne Daten-Deal der Telekom

VonIna Karabasz

Die Telekom kopiert ein Erfolgsmodell ihrer US-Tochter: Kunden können bald unterwegs Musik hören und Videos sehen, so viel sie wollen. Ihr Datenvolumen wird nicht belastet. Was das für die Branche bedeutet. Eine Analyse.

Der Bonner Konzern will das Streaming von Diensten seiner Partner nicht auf das Datenvolumen anrechnen. Reuters

Deutsche Telekom

Der Bonner Konzern will das Streaming von Diensten seiner Partner nicht auf das Datenvolumen anrechnen.

BonnKostenlos ist immer gut. Dass die Kunden das neue Angebot der Telekom schätzen werden, ist unbestreitbar. Ab dem 19. April können Neu- und Bestandskunden des Bonner Unternehmens mit den Mobilfunktarifen „M” und „L” soviel Musik hören wie sie wollen. „L”-Kunden können zusätzlich auch noch Videos bis zum Abwinken schauen. Das gilt für das Angebot ihrer Partner: Zunächst sind das Apple Music, Amazon, Netflix und Youtube, Medienportale wie „Chip“ und „Spiegel Online“ sowie die ZDF Mediathek, der Sportkanal Sky und auch das mobile Entertain-TV-Angebot der Telekom. Das Partner-Netz wollen die Bonner aber weiter ausbauen.

Das verkündete die Telekom am Dienstag in Bonn – mit großem Tam-Tam und noch größeren Worten. Der Chef des Privatkundengeschäfts, Michael Hagspihl, hat Mitarbeiter des Konzerns in die große Veranstaltungshalle im ehemaligen Gebäude der T-Mobile geladen. Die Bühne strahlt hell in der Konzernfarbe Magenta, es gibt ein kurzes Aufwärmprogramm, dann kommt Hagspihl. Zuerst verkündet er ein neues Fernsehangebot, was gerade einmal zwei Euro im Monat kostet.

Wer am Musikstreaming verdient

Zur Studie

Wirtschaftsexperten von Ernst & Young haben im Auftrag des Verbandes der französischen Musikindustrie SNEP exemplarisch ausgerechnet, wieviel die einzelnen Parteien von jenen 9,99 Euro erhalten, die ein Premiumabo bei Diensten wie Spotify und Deezer kostet.

Der Dienst selbst ...

... behält demnach 2,08 Euro.

Der Staat ...

... bekommt 1,67 Euro insbesondere durch die Umsatzsteuer.

Die Verwertungsgesellschaften ...

... bekommen einen Anteil von einem Euro.

Die Labels ...

... behalten 4,56 Euro.

Den Künstlern ...

... bleiben am Ende 0,68 Euro. Die werden nach Häufigkeit der Abrufe unter den Musikern aufgeteilt. Unbekanntere Bands erhalten entsprechend wenig.

Spätestens jetzt ist klar: Der Konzern hat kühne Pläne. Die Telekom unterbietet die Wettbewerber im Fernsehmarkt – und zwar deutlich. Doch dann setzt der Privatkundenchef noch einen drauf und verkündet die kostenlosen Streaming-Optionen „Stream-on” als „Revolution im Mobilfunkmarkt”.

Und tatsächlich wird das Angebot wohl den Markt bewegen – nur neu ist die Idee nicht. Die Telekom hat bereits vor zwei Jahren kostenloses Musikstreaming angeboten und das Produkt dann im Sommer 2016 eingestampft. Es gab Zweifel, ob das Angebot nicht gegen die Netzneutralität verstößt. Demnach müssen alle Inhalte im Netz gleich behandelt werden. Die Telekom ist nun zuversichtlich, dass sie bei „Stream on” auf der sicheren Seite ist. „Wir bieten allen Interessenten die gleiche Möglichkeit mit uns kostenlos zusammenzuarbeiten”, erklärt Hagspihl dem Handelsblatt.

Spotify: Streamingdienst meldet 50 Millionen Abo-Kunden

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Spotify hat die Marke von 50 Millionen zahlenden Kunden erreicht. Damit baut der Musikstreaming-Marktführer aus Schweden seinen Vorsprung auf den Rivalen Apple Music weiter aus.

Zudem: Wer sein Datenvolumen mit Diensten verbraucht, die kein Partner der Telekom sind, wird trotzdem weiterhin gedrosselt – auch bei den Musik- und Videostreaming-Partnern. Selbst das Streaming von Netflix-Inhalten wird dann ruckelig. Diese Gleichbehandlung soll vor Strafe schützen. Noch prüft die Bundesnetzagentur das Modell aber.

Die Telekom konnte nun seit rund einem Jahren beobachten, wie die Kunden ihrer Tochter T-Mobile US auf ein solches Streamingangebot reagieren. Sie bietet mit „Binge on” fast genau das gleiche an. Es ist einer der Bausteine, die den amerikanischen Mobilfunker so erfolgreich machen. Das Unternehmen ist mittlerweile die Nummer Drei im Markt und kann Quartal auf Quartal steigende Kundenzahlen vorweisen. Mit den guten Ergebnissen hält T-Mobile US mittlerweile sogar den Aktienkurs der deutschen Konzernmutter hoch.

Kommentare (1)

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Frau Annette Bollmohr

04.04.2017, 16:24 Uhr

Da haben die sich aber was vorgenommen.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ stimmt zwar, aber in einem Rechtsstaat nur dann, wenn die Konkurrenz dabei nicht mit unfairen Mitteln ausgebootet wird.

Das Internet wird ja nicht nur von Mobilfunkkunden und zum unterwegs Musik hören und Videos sehen benötigt. (Außerdem: „Es gab Zweifel, ob das Angebot nicht gegen die Netzneutralität verstößt. Demnach müssen alle Inhalte im Netz gleich behandelt werden.“).

Und ob die Telekom der deutschen Gesellschaft angesichts der allseits bekannten Probleme mit dem Rückstand, was die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit schnellem Internet angeht wirklich einen Dienst erweist, wenn sie sich darauf konzentriert, mit solchen überall um sich greifenden „Binge“- (iiih!) bzw. „Flatrate“-Geschäftsmodellen „Kasse“ zu machen, ist auch noch nicht raus.


Zu: „Die Telekom ist nun zuversichtlich, dass sie bei „Stream on” auf der sicheren Seite ist. „Wir bieten allen Interessenten die gleiche Möglichkeit mit uns kostenlos zusammenzuarbeiten”, …“:

Was genau versteht man unter „alle Interessenten“?

Wenn dann direkt darunter steht: „Wer sein Datenvolumen mit Diensten verbraucht, die kein Partner der Telekom sind, wird trotzdem weiterhin gedrosselt – auch bei den Musik- und Videostreaming-Partnern.“ gibt es m.E. durchaus immer noch gute Gründe, an der Einschätzung „auf der sicheren Seite“ zu sein zu zweifeln. Selbst, wenn das Streaming von Netflix-Inhalten ebenfalls betroffen ist.

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