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15.09.2014

17:29 Uhr

Vorwurf der Vertriebspartner

„Bertelsmann hat den Club heruntergewirtschaftet“

VonAnis Micijevic

Der Streit um die geplante Schließung des Bertelsmann-Buchclubs wird wohl vor Gericht ausgetragen: Die Vertriebspartner werfen dem Konzern Vertragsbruch und bewusstes Missmanagement vor. Bertelsmann hält dagegen.

Bertelsmann streitet sich mit seinen Vertriebspartnern wegen der geplanten Schließung des Buchclubs. obs

Bertelsmann streitet sich mit seinen Vertriebspartnern wegen der geplanten Schließung des Buchclubs.

DüsseldorfDer Streit um die Schließung des Bertelsmann-Buchclubs geht in die nächste Runde: Die Geschäftspartner von Bertelsmann, die vor dem Landgericht Düsseldorf gegen die geplante Schließung des Clubs klagen, widersprechen der Darstellung des Konzerns, wonach die Schließung eine Folge der schwächeren Geschäftsentwicklung und beträchtlichen Verlusten sei.

„Der Buchclub wurde von Bertelsmann bewusst heruntergewirtschaftet, um die Ausgleichszahlungen an die Vertriebspartner niedrig zu halten“, sagt Guido Gebhard, Sprecher der Kläger und Vorsitzender des Buchclub-Prüfungsausschusses, gegenüber dem Handelsblatt.

Bertelsmann hatte im Juni angekündigt, das Buchclubgeschäft im deutschsprachigen Raum mit noch rund einer Million Mitgliedern und 52 Filialen zu schließen. Als Grund nannte das Unternehmen dabei die schwächere Geschäftsentwicklung.

Geschichte von Bertelsmann

Anfänge mit religiösen Schriften

Das Bertelsmann-Imperium gründet auf christlichen Lieder und Gesängen: Der Drucker Carl Bertelsmann verlegte zunächst religiöse Schriften. Der 1835 gegründete und nach ihm benannte C. Bertelsmann Verlag ist die Keimzelle des Konzerns, der bis heute weitgehend in Familienhand ist: Bertelsmanns Nachfahren spielen eine entscheidende Rolle in der Führung.

Bertelsmann in der NS-Zeit

Nach Ende des zweiten Weltkriegs stellen sich der Verlag und insbesondere sein Leiter als ein „Dorn im Auge nationalsozialistischer Behörden“ dar. Tatsächlich war der Geschäftsführer und Bertelsmann-Erbe Heinrich Mohn förderndes Mitglied der SS, der Verlag profitierte vom Verkauf von NS-Büchern. Ein Beispiel für die verlegte Nazi-Literatur ist das antisemitische Buch „Blut und Boden“.

Die Legende Reinhard Mohn

Nachdem Reinhard Mohn aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, übernimmt er in fünfter Generation 1946 den Verlag vom Vater. Unter seiner Führung entwickelt sich Bertelsmann von einem mittelständischen Druck- und Verlagshaus zu einem der führenden Medienunternehmen der Welt.

Der Lesering

Der erste Geniestreich Reinhard Mohns sollte den Verlag finanziell absichern und so die Grundlage für die Expansion bieten: Der 1950 gegründete „Bertelsmann Lesering“ trifft den Nerv der Zeit. Die Nachkriegsdeutschen sehnen sich nach Literatur und Bildung. Schon vier Jahre nach Gründung zählt der Lesering das millionste Mitglied. In Zeiten des Internets geraten die Bertelsmann-Clubs allerdings unter Druck.

Einstieg in das Zeitschriften- und Zeitungsgeschäft

Das Kerngeschäft von Bertelsmann sind Bücher. Doch 1969 steigt der Konzern beim Hamburger Druck- und Verlagshaus Gruner+Jahr ein und druckt seither auch Zeitschriften. 1973 erwirbt Bertelsmann die Mehrheit an dem traditionsreichen Verlag mit Marken wie „Stern“, „Geo“, und „Brigitte“. 1990 wird Gruner+Jahr auch im Tageszeitungsgeschäft aktiv.

Die Bertelsmann-Stiftung und die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft

Um den Einfluss seiner Familie im wachsenden Medienkonzern zu sichern, gründet Reinhard Mohn 1977 die Bertelsmann-Stiftung. Sie hält 77 Prozent an der Bertelsmann AG. Da sie stimmrechtslos ist, erhält die Stiftung Gewinne, hat aber kein Mitspracherecht. Kritiker behaupten, die Stiftung fördere nicht nur soziales Engagement, Bildung und Wissenschaft, sondern diene vor allem als Steuersparmodell. Konkrete Einflussnahme auf Führungsentscheidungen behält die Familie durch die Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft, deren Chefin Elisabeth „Liz“ Mohn, die Gattin des 2009 verstorbenen Reinhard Mohn, ist.   

Die Bertelsmann Music Group

Unternehmen wie den „Schallplattenring“ und die Schallplattenfirma Ariola fasst der Konzern 1987 in der Bertelsmann Music Group (BMG) zusammen. Nach einer Fusion mit Sony verkauft Bertelsmann seine Anteile am gemeinsamen Musikunternehmen Sony BMG 2008 komplett an die Amerikaner. Die Bertelsmann Music Group existiert jedoch weiter und spezialisiert sich auf die Übernahme und das Management von Musikrechten.

AOL als gewinnbringender Coup

Einen sehr gewinnbringenden Coup landete Bertelsmann mit dem kurzzeitigen Einstieg in das Internetgeschäft 1995: Der Konzern übernahm einen Anteil an der europäischen Tochtergesellschaft von AOL. Nach drei Jahren verkaufte er auf dem Höhepunkt der Internet-Blase seine Aktien wieder an den amerikanischen Mutterkonzern und erhielt dafür 7,5 Milliarden Euro.

Die RTL-Group

Die bereits in den sechziger Jahren übernommene Berliner Filmproduktions-Gesellschaft Ufa fusionierte Bertelsmann 1997 mit der RTL-Mutter CLT. So entstand das größte Fernsehunternehmen Europas. Noch weiter wächst die Bertelsmanns Fernsehsparte durch eine Fusion mit der britischen Gesellschaft Pearson TV und die zusammen neu gegründete RTL Group. 2001 übernimmt Bertelsmann diese komplett und verfügt so über 23 Fernsehsender, 14 Radiostationen und mehrere Produktionsfirmen, die jährlich 11.000 Stunden Programm in 35 Ländern herstellen.

Weltmarktführer in der Verlagsbranche

Das Verlagsgeschäft ist der Ursprung und Kern des Unternehmens. 1998 macht Bertelsmann einen großen Sprung und übernimmt den größten US-Verlag Random House. Dieser wächst 2013 noch einmal beträchtlich durch die Fusion mit dem amerikanischen Penguin-Verlag 2013 – Penguin Random House, wie der neue Verlag heißt, ist die weltweite Nummer 1.

Zuletzt waren es 244 Vertriebsunternehmen, die für den Buchclub Mitglieder geworben und dafür einen festen Anteil am Umsatz der von ihnen geworbenen Mitglieder von Bertelsmann erhalten haben. Mit der Schließung des Buchclubs zum 1. Januar 2016 brechen diese Einnahmen – nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) durchschnittlich zwischen 80 bis 100 Euro Umsatz pro Mitglied – weg und bedrohen laut Guido Gebhard die Existenz vieler Vertragspartner. Insgesamt schätzen die Geschäftspartner den Schaden auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag.

Da aber fast jedes vierte Mitglied der zuletzt etwa eine Million Club-Mitglieder durch die Vertriebspartner zu Bertelsmann gefunden hat, summierten sich wiederum die Pachtkosten für den Konzern bis zuletzt auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag, berichtet die FAZ.

Gebhard ist Geschäftsführer der Gebhard GmbH in Düsseldorf, die selbst Mitglieder für den Buchclub geworben und die Klage gegen Bertelsmann eingereicht hat. Auch für ihn geht es um eine Menge Geld, da er laut FAZ besonders viele Mitglieder an den Buchclub verpachtet. Die anderen zwei Kläger sind die Buchhändlerinnen Jutta Heyer aus Essen und Karin Kersten aus Uetersen. Die Klage wurde beim Landgericht Düsseldorf eingereicht und soll Bertelsmann diese Woche zugestellt werden.

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