Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2014

21:22 Uhr

Weltbild-Verlag

„Die Kirche handelt asozial“

Nach dem Zahlungsstopp der katholischen Kirche können die Mitarbeiter des insolventen Weltbild-Verlags aufatmen. Ihre Löhne sind vorerst sicher. Gewerkschafter haben die Kirche derweil für ihr Verhalten attackiert.

Mitarbeiter der Weltbild-Verlagsgruppe demonstrieren im Oktober in Augsburg für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Das den deutschen Diözesen gehörende Unternehmen hat die Zahlung für den Verlag eingestellt. dpa

Mitarbeiter der Weltbild-Verlagsgruppe demonstrieren im Oktober in Augsburg für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Das den deutschen Diözesen gehörende Unternehmen hat die Zahlung für den Verlag eingestellt.

MünchenDer Insolvenzverwalter des Weltbild-Verlages hat die Löhne der Mitarbeiter vorerst gesichert. Bereits am Wochenende sei die Vorfinanzierung der Gehälter gelungen, teilte Arndt Geiwitz am Montag nach Gesprächen mit der Belegschaft mit. Die Bundesagentur für Arbeit zahlt nun bis zu drei Monate Insolvenzgeld. Zu den Zukunftschancen des bisher kirchlichen Verlags hielt sich Geiwitz bedeckt. Es sei noch keine sichere Prognose möglich. Es liefen Gespräche mit allen Seiten, auch mit Lieferanten, Großkunden und Finanzierungspartnern.

Die katholische Kirche hatte den Verlag mit seinen 6300 Mitarbeitern am Freitag in die Pleite geschickt. Die kirchlichen Gesellschafter wollten kein Geld mehr in das zuletzt verlustreiche Unternehmen investieren. Der Schritt stieß bei der Gewerkschaft auf heftige Kritik: „Die Kirche handelt asozial und jagt fast 7.000 Mitarbeiterinnen zum Teufel“, schimpfte Verdi. „Die Geistlichen haben den Glauben an ihr Unternehmen verloren, obwohl die Fachleute im Aufsichtsrat, Unternehmensberater und Banken Grünes Licht für ein Sanierungskonzept gegeben hatten.“ Weltbild sei zu retten, „wenn die Kirchenfürsten Wort halten“. Die Pleite bedeute den moralischen Bankrott der katholischen Kirche.

Auch die bayerische Staatsregierung sieht in erster Linie die Kirche in der Pflicht. Das Kabinett erinnerte die Kirche am Montag an ihre „besondere Verantwortung“. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) schloss Staatshilfe kategorisch aus. „Es werden hier definitiv keine Steuergelder für die Rettung eingesetzt“, sagte sie dem „Münchner Merkur“ (Dienstag). Am Donnerstag werde sie zusammen mit Arbeitsministerin Emilia Müller (CSU) mit den betroffenen Mitarbeitern sprechen.

Die größten deutschen Buchhändler

Deutscher Buchhandel

Der Online-Händler Amazon hat den Buchhandel auch in Deutschland durcheinandergewirbelt und unter Druck gesetzt. Laut Bundesverband der Versandbuchhändler hat Amazon etwa 1,6 Milliarden Euro Umsatz mit Büchern gemacht und damit drei Viertel Anteil am Online-Geschäft.
Insgesamt setzte der Buchhandel 9,6 Milliarden Euro (allen Zahlen für 2012) um, davon die Hälfte im stationären Handel.

Platz 6

Schweitzer Fachinformationen
28 Filialen
Die Angaben beziehen sich auf reine Buchhändler. Fachabteilungen von Kaufhäusern sind nicht gezählt. Quelle: Buchreport

Platz 5

Oslander
28 Filialen

Platz 4

Mayersche Buchhandlung
46 Filialen

Platz 3

Valora Retail (Bahnhofsbuchhandlungen)
178 Filialen

Platz 2

Thalia
293 Filialen

Platz 1

DBH (Weltbild, Hugendubel, u.a.)

420 Filialen

Der Klerus wehrt sich gegen die Schuldzuweisungen. „Wir konnten es als Gesellschafter nicht verantworten, auf absehbare Zeit dreistellige Millionensummen aus Kirchensteuermitteln zu investieren“, sagte der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx der „Süddeutschen Zeitung“. „Wir sind überrascht worden von dem Kapitalbedarf“, sagte Marx. Die Kirche stehe „in Verantwortung für die Mitarbeiter, aber wir haben auch Verantwortung für die Kirchensteuerzahler“. Marx selbst tat sich in der Vergangenheit als Sozialethiker seiner Kirche hervor und kritisierte während der Finanzkrise öffentlich die Auswüchse des zeitgenössischen Kapitalismus.

Die Eigentümer hatten zuletzt mangels Käufern versucht, Weltbild in eine Stiftung zu überführen. Nachdem das Geschäft aber im zweiten Halbjahr 2013 unerwartet schlecht gelaufen war, scheiterte dieser Vorstoß. Nach Unternehmensangaben wollten Eigner und Kreditgeber überraschend kein Geld mehr zuschießen. Einer der Auslöser sei ein Umsatzrückgang im zweiten Halbjahr gewesen.

Kommentare (11)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Fat_bob_ger

13.01.2014, 16:54 Uhr

"Die Geistlichen haben den Glauben an ihr Unternehmen verloren, obwohl die Fachleute im Aufsichtsrat, Unternehmensberater und Banken Grünes Licht für ein Sanierungskonzept gegeben hatten.“

Diese ganze Horde von Beratern kann empfehlen, was sie will, der Eigentürmer muss dann entscheiden, ob er das verantworten kann.Einer Sanierung einer so großen Firma stehen dann meist veraltete Lagerbestände, lang laufende, unattaktive Mietverträge, hohe Abfindungsforderungen der zu entlassenden Mitarbeiter, der Zwang zu neuen Investitionen, hohe Altschulden zu unattraktiven Konditionen, das Misstrauen der Lieferanten und nicht zuletzt die Unsicherheit, ob das so funktioniert, wie es die Experten versprechen. Frau Schickedanz hat damals, sicher auch auf Empfehlung der sog. "Experten" einen Sanierungsplan für Quelle durchgewunken, der kurzfristig durch Verkauf der Immobilien Erleichterung brachte, die mit späteren hohen Mietzahlungen erkauft wurde. Bei der Fa. Schlecker haben auch sofort die Gekündigten versucht, hohe Abfindungen einzuklagen, was ich als legitim, aber nicht als hilfreich für einen Weiterverkauf/Sanierung beurteile. Es ist immer ein Unterschied, ob ich nur Empfehlungen/Ratschläge geben muss oder ob ich mit eigenem Geld, bzw. dem Geld der Kirchensteuerzahler einstehen muss. Eine Sanierung erfordert harte Schnitte, die die Kirche als Eigentümer unterstützen müsste, obwohl sie gleichzeitig diese Verhaltensweise bei anderen anprangert. Eine saubere Insolvenz beschädigt den Ruf weniger, als eine Kündigung von 3000 Mitarbeitern mit nachfolgendem Streit um Abfindungen. Auch Städte haben sich aus ähnlichen Gründen von ihrem unwirtschaftlichen Immobilenbesitz getrennt. Wer wird schon wiedergewählt, wenn er wegen notwendiger Sanierungen gerade die 40% unter dem Marktpreis liegende Miete um 15% erhöht hat. Also weg damit!

Epikur63

13.01.2014, 17:00 Uhr

Kardinal Marx meint, man könne nicht Kirchensteuermittel für die Rettung des Weltbild-Verlags bereitstellen, aber es gibt ja für die katholische Kirche andere Möglichkeiten. Sie investiert in sehr verschiedene Bereiche und z.B. ihre Immobilien-Investments entwickeln sich hervorragend, z.B. die der Aachener Grund.
http://de.wikipedia.org/wiki/Aachener_Grund
Wie jeder Konzern kann sie daher Geld von profitablen Bereichen investieren in zur Zeit problematische. Übrigens: Marx gehört zu den bestverdienenden deutschen Bischöfe (höchste Beamtenstufe bezahlt vom Staat), lebt in einem von Steuergeldern (nicht Kirchensteuern) renovierten Rokkoko-Palais in München und sein Bistum kaufte kürzlich eine Immobilie für 10 Millionen im Rom: Googeln Sie mal "Palazzo Marx".

Fat_bob_ger

13.01.2014, 17:05 Uhr

PS:
Die bayerische Regierung samt aller bayerischer Kommunen sollen einfach mal still sein mit ihren Ermahnungen. Wer selbst wie München und Augsburg Immobilienbesitz an Investoren verkauft, weil er diesen nicht wirtschaftlich betreiben kann, sollte vor der eigenen Türe kehren.

Verdi:
Eine Sanierung ist deshalb ein soziales Werk, weil durch ein neues Konzept die Arbeitsplätze gerettet werden können. Dazu sind oft ruppige Methoden notwendig, die gar nicht sozial sein können. Das beste ist, wenn eine Firma KNALLHART nach wirtschaftlichen Bedingungen geführt wird. TROTZDEM kann und muss man seine Mitarbeiter mit Respekt behandeln. Eine gut geführte Unternehmung zeichnet sich dadurch aus, das Wirtschaftlichkeit, angemessene Entlohnung und freundlicher Umgang gleichzeitig erreicht werden. Ich möchte nur an die Pleite der Neuen Heimat erinnern, bei der sich die Gewerkschaften nicht mit Ruhm bekleckert haben. Verdi sollte den Mund nicht zu voll nehmen, zumal hauptberufliche Mitarbeiter einer Gewerkschaft oft nicht zu den Topverdienern gehören.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×