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15.01.2013

14:10 Uhr

„Westfälische Rundschau“

WAZ schließt defizitäre Redaktion

Weiterer Stellenabbau in der Medienbranche: Die WAZ-Gruppe zieht beim Verlustbringer „Westfälische Rundschau“ die Reißleine. Die Redaktion wird aufgelöst, der Titel jedoch beibehalten.

Eine Zeitung «Westfälische Rundschau» der WAZ Mediengruppe. 120 Stellen werden gestrichen. dpa

Eine Zeitung «Westfälische Rundschau» der WAZ Mediengruppe. 120 Stellen werden gestrichen.

EssenDie WAZ Mediengruppe schließt die Redaktion der defizitären „Westfälischen Rundschau“ mit 120 Stellen, will den Titel aber durch eine Zusammenarbeit mit Konkurrenten erhalten. Das teilte die WAZ-Gruppe am Dienstag mit. „Wir werden alles daran setzen, diesen Arbeitsplatzabbau so sozialverträglich wie möglich zu gestalten“, erklärte WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus in einer Pressemitteilung. Die Betroffenen wurden in Hagen bei einer Mitarbeiterversammlung informiert. Ein Sozialplan sieht - gestaffelt nach Alter und Betriebszugehörigkeit - Abfindungen vor.

Die „Westfälische Rundschau“ (WR) ist mit einer verkauften Auflage von 115 000 einer der vier NRW-Titel der WAZ-Gruppe und hat in den vergangenen Jahren nach Verlagsangaben 50 Millionen Euro Verlust eingefahren. Die anderen drei WAZ-Titel in Nordrhein-Westfalen, die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ WAZ, die „Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung“ NRZ, und die „Westfalenpost“ schreiben dagegen schwarze Zahlen. Alle vier Zeitungen zusammen verkaufen täglich 700 000 Exemplare.

Die Zeitungskrise

Deutschland, Zeitungsland

Trotz aller Hiobsbotschaften aus der Medienbranche ist Deutschland immer noch ein Zeitungsland: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt es hier 315 lokale und regionale Abonnementzeitungen, 10 überregionale Blätter sowie 8 Straßenverkaufszeitungen, vor allem die „Bild“.

Die Auflagen sinken

Doch die meisten Blätter verlieren von Jahr zu Jahr an Auflage. Im zweiten Quartal 2013 wurden pro Erscheinungstag 20,64 Millionen Tageszeitungen verkauft, wie aus einer Erhebung der IVW hervorgeht. Das sind rund 4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin sind rund 0,38 Millionen E-Paper-Ausgaben enthalten. Bei den Wochenzeitungen zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Die verkaufte Auflage sank um rund 20.000 auf 1,73 Millionen Exemplare.

Der Werbemarkt schwächelt

Die sinkende Auflage trifft die Zeitungen gleich doppelt: Zum einen sinken die Vertriebserlöse, wenn die Verlage den Verkaufspreis nicht anheben (was in den letzten Jahren aber viele getan haben). Zum anderen verdienen sie weniger mit den Anzeigen – deren Preis richtet sich nach der Reichweite. Während der Gesamtwerbemarkt 2012 um 0,9 Prozent schrumpfte, verzeichneten die Zeitungen einen Umsatzrückgang von 9,1 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Fürs laufende Jahr erwartet der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft, dass die Verlage maximal eine schwarze Null erreichen.

Rubrikenmärkte wandern ins Netz ab

Mit Kleinanzeigen, Stellenausschreibungen und Autoanzeigen haben die Verlage jahrzehntelang gutes Geld verdient. Doch die Rubrikenmärkte sind weitgehend ins Internet abgewandert – viele der Portale gehören nicht Verlagen, sondern anderen Akteuren. Hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Im Online-Geschäft sehr aktiv ist beispielsweise der Axel-Springer-Verlag, ihm gehören das Immobilienportal Immonet und das Stellenportal Stepstone.

Digitale Produkte gleichen Minus nicht aus

Die große Hoffnung auf den Verkauf digitaler Ausgaben hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar verkaufen sich E-Paper immer besser, im zweiten Quartal 2013 waren es rund 380.000 Exemplare. Doch das ist zu wenig, um den Rückgang der Printauflage aufzufangen. Die Reichweite der Web-Portale steigt zwar, doch die Werbeeinnahmen gleichen das Umsatzminus nicht aus. Viele Verlage hoffen, mit Bezahlmodellen im Netz mehr Geld zu erwirtschaften.

Hoffnung auf die große Reichweite

„Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor“, erklärt der BDZV. Auf diese Reichweite hoffen die Verleger. Als Chancen nennt der Verband das Digitalgeschäft, aber auch neue Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung oder Veranstaltungsmanagement. Allerdings haben viele Verlage mit diversen Sparrunden das Personal stark ausgedünnt – das erschwert die Umsetzung neuer Ideen.

Bezahlinhalte als Ausweg?

Immer mehr Verlage hoffen, mit Bezahlinhalten den Umsatz steigern zu können. Beim „metered model“, das etwa die „Welt“ verwendet, dürfen die Leser nur eine bestimmte Zahl an Artikeln kostenlos lesen – danach müssen sie ein Abo abschließen. Und die „Bild“ stellt nur einen Teil der Artikel kostenlos ins Netz, andere Beiträge bekommen nur zahlende Kunden zu sehen.

„Unser Ziel ist es, die Westfälische Rundschau zu erhalten und damit die Medienvielfalt in dem Verbreitungsgebiet sicherzustellen“, heißt es in der Pressemitteilung. Den Mantel der WR liefert die Zentralredaktion der WAZ-Gruppe, lokale Inhalte kommen ab Februar von der WAZ-eigenen „Westfalenpost“ sowie von den „Ruhr Nachrichten“ aus dem Dortmunder Medienhaus Lensing, vom „Hellweger Anzeiger“ in Unna und vom Märkischen Zeitungsverlag in Lüdenscheid, der zur Verlagsgruppe Ippen gehört.

Vor einem Jahr hatte Petra Grotkamp, eine Tochter des Mitgründers Jakob Funke, die Mehrheit an der WAZ-Gruppe übernommen, die auch in Thüringen und Niedersachsen sowie in Österreich und Osteuropa aktiv ist. Geführt wird der Verlag von drei Geschäftsführern - Christian Nienhaus, Manfred Braun und Thomas Ziegler. Alle drei stellten sich am Dienstag öffentlich hinter die Entscheidung, die WR-Redaktion zu schließen.

„Wir wissen, dass das für die Betroffenen und ihre Familien sehr hart ist, aber wir sehen im Interesse des gesamten Unternehmens leider keine andere Möglichkeit“, sagte Braun laut Pressemitteilung. Ziegler fügte hinzu: „Angesichts des anhaltenden Anzeigen- und Auflagenrückgangs und der schlechten Geschäftsaussichten für das laufende Jahr mussten wir jetzt handeln.“

Fakten zur Financial Times Deutschland

Mutige Gründung

Der Start der „Financial Times Deutschland“ im Februar 2000 war ein mutiges Projekt: Es war die erste Gründung einer überregionalen Zeitung in Deutschland seit der „taz“. Zunächst teilten sich der Verlag Gruner + Jahr und die britische „Financial Times“-Mutter Pearson die Verantwortung, 2008 übernahmen die Hamburger das Blatt komplett.

Ein britischer Chef

Bei der Gründung half Andrew Gowers vom Mutterblatt „Financial Times“ als Chefredakteur. Ihm folgten im Oktober 2001 Christoph Keese (inzwischen eine Art Cheflobbyist beim Axel-Springer-Verlag) und Wolfgang Münchau (heute Kolumnist für die „Financial Times“). Seit Mitte 2004 steht Steffen Klusmann an der Spitze der Redaktion.

Sinkende Auflage

Die Zeitung auf dem rosa Papier brachte frischen Wind in die deutsche Presselandschaft, hatte aber in den vergangenen Jahren mit Absatzproblemen zu kämpfen. Zwar blieb die Gesamtauflage mit etwas mehr als 100.000 Exemplaren relativ stabil, aber die sogenannte harte Auflage aus Abonnements und Einzelverkauf sank seit 2006 auf zuletzt 46.300.

Tiefrote Zahlen

Das Wirtschaftsblatt hat in seiner gesamten Geschichte keine schwarzen Zahlen geschrieben. Insgesamt sind laut Medienberichten Verluste von 250 Millionen Euro aufgelaufen.

Gemeinsam sparen

Eine erste harte Sparrunde läutete Gruner + Jahr bereits 2008 ein: Der Verlag gründete für seine Wirtschaftsmedien „FTD“, „Börse online“ und „Capital“ eine Gemeinschaftsredaktion in Hamburg. Dort arbeiten 350 Mitarbeiter, davon 250 Redakteure.

Auszeichnungen

Mitarbeiter der G+J Wirtschaftsmedien haben in den vergangenen Tagen eine beeindruckende Liste zusammen gestellt. Darin sind alle Journalisten- und Gestaltungspreise aufgeführt, die in den vergangenen vier Jahren von den Titeln eingeheimst wurden. Dazu zählen etwa die Auszeichnung „Wirtschaftsredaktion des Jahres“ im Jahr 2012, der Herbet Quandt Medienpreis und der Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik.

Die „Frankfurter Rundschau“, die dem Verlag M. DuMont Schauberg, in dem unter anderem auch „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Berliner Zeitung“ erscheinen, sowie der SPD-Medienholding DDVG gehört, hatte angesichts massiver Verluste im November Insolvenz angemeldet. Sie kämpft ums Überleben und soll noch bis mindestens Ende Januar erscheinen. Im Dezember hatte der Verlag Gruner + Jahr die „Financial Times Deutschland“ eingestellt, die ebenfalls rote Zahlen schrieb. Dort waren 300 Mitarbeiter betroffen.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Fakten

15.01.2013, 14:38 Uhr

Bei der miserablen Qualität in der WAZ-Gruppe werden weitere Ausgaben der Rundschau ins Jenseits folgen. Schlechte Redaktionen, übermäßige Bildanteile (oft von Kunden bereitgestellt), Wiederholungen gleicher Artikel unter verschiedenen Stichworten, fehlerhaftes Deutsch ohne Kontrollorgane, oft zu kleine Schriften für ältere Menschen, politikbeeinflusst und zu einseitig. Alles das spricht für das Ende weiterer Ausgaben. Junge Menschen lesen keine Tageszeitung mehr.

Frau_von_Welt

16.01.2013, 11:04 Uhr

Es handelt sich durchaus nicht um eine "defizitäre" Redaktion, sondern um die Inkompetenz der WAZ-Geschäftsführung. Schade nicht zuletzt für das Sauerland, wo der bräsige Bauern-Konservativismus und die verbreiteten Schmiergeld-Praktiken zwischen lokaler Wirtschaft und Verwaltung nun ungestört erblühen können.

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