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05.03.2014

18:33 Uhr

Wieder ein Blatt weniger

„Abendzeitung“ aus München geht in die Insolvenz

Seit 2001 machte sie 70 Millionen Euro Verlust – und keine Besserung in Sicht: Die Münchener „Abendzeitung“ hat Insolvenzantrag gestellt. 110 Mitarbeiter sind betroffen, der Insolvenzverwalter gibt sich optimistisch.

Das weitere Erscheinen des Blattes ist nach Angaben der Geschäftsführung zunächst gesichert. dpa - picture-alliance

Das weitere Erscheinen des Blattes ist nach Angaben der Geschäftsführung zunächst gesichert.

MünchenDie traditionsreiche Münchner „Abendzeitung“ kämpft ums Überleben. Am Mittwoch stellte das Blatt beim Amtsgericht München Insolvenzantrag, wie der Verlag in München mitteilte. Die Familie Friedmann als Eigentümerin sehe sich nicht mehr in der Lage, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen.

„Die Gesellschafter und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 'Abendzeitung' hoffen, dass im Insolvenzverfahren ein Investor gefunden werden kann, damit der traditionsreiche Titel weiter erscheinen kann“, hieß es weiter. 110 Mitarbeiter sind betroffen, davon rund 50 in der Redaktion. Die AZ hatte in den 80er Jahren Pate gestanden für die erfolgreiche TV-Serie „Kir Royal - Aus dem Leben eines Klatschreporters“.

Nach Angaben der Geschäftsführung summierten sich die Verluste seit 2001 auf rund 70 Millionen Euro. Das Jahr 2013 endete mit einem Minus von etwa zehn Millionen Euro. Nach zwei weiteren rückläufigen Monaten 2014 sei keine Besserung in Sicht. Das weitere Erscheinen des Blattes sei aber zunächst gesichert. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Axel W. Bierbach von der Münchner Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach bestellt.

„Wir sind traurig und geschockt. Aber wir geben nicht auf“, kündigte die Redaktion auf der AZ-Onlineseite in eigener Sache an, auch im Namen von Anzeigenabteilung, Vertrieb und allen andere Teilen des Verlages. Unter der Überschrift „Wir machen weiter - für Sie“ zeigte ein Bild die versammelte Redaktion am Mittwoch im AZ-Newsroom am Münchner Rundfunkplatz.

Die Zeitungskrise

Deutschland, Zeitungsland

Trotz aller Hiobsbotschaften aus der Medienbranche ist Deutschland immer noch ein Zeitungsland: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt es hier 315 lokale und regionale Abonnementzeitungen, 10 überregionale Blätter sowie 8 Straßenverkaufszeitungen, vor allem die „Bild“.

Die Auflagen sinken

Doch die meisten Blätter verlieren von Jahr zu Jahr an Auflage. Im zweiten Quartal 2013 wurden pro Erscheinungstag 20,64 Millionen Tageszeitungen verkauft, wie aus einer Erhebung der IVW hervorgeht. Das sind rund 4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin sind rund 0,38 Millionen E-Paper-Ausgaben enthalten. Bei den Wochenzeitungen zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Die verkaufte Auflage sank um rund 20.000 auf 1,73 Millionen Exemplare.

Der Werbemarkt schwächelt

Die sinkende Auflage trifft die Zeitungen gleich doppelt: Zum einen sinken die Vertriebserlöse, wenn die Verlage den Verkaufspreis nicht anheben (was in den letzten Jahren aber viele getan haben). Zum anderen verdienen sie weniger mit den Anzeigen – deren Preis richtet sich nach der Reichweite. Während der Gesamtwerbemarkt 2012 um 0,9 Prozent schrumpfte, verzeichneten die Zeitungen einen Umsatzrückgang von 9,1 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Fürs laufende Jahr erwartet der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft, dass die Verlage maximal eine schwarze Null erreichen.

Rubrikenmärkte wandern ins Netz ab

Mit Kleinanzeigen, Stellenausschreibungen und Autoanzeigen haben die Verlage jahrzehntelang gutes Geld verdient. Doch die Rubrikenmärkte sind weitgehend ins Internet abgewandert – viele der Portale gehören nicht Verlagen, sondern anderen Akteuren. Hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Im Online-Geschäft sehr aktiv ist beispielsweise der Axel-Springer-Verlag, ihm gehören das Immobilienportal Immonet und das Stellenportal Stepstone.

Digitale Produkte gleichen Minus nicht aus

Die große Hoffnung auf den Verkauf digitaler Ausgaben hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar verkaufen sich E-Paper immer besser, im zweiten Quartal 2013 waren es rund 380.000 Exemplare. Doch das ist zu wenig, um den Rückgang der Printauflage aufzufangen. Die Reichweite der Web-Portale steigt zwar, doch die Werbeeinnahmen gleichen das Umsatzminus nicht aus. Viele Verlage hoffen, mit Bezahlmodellen im Netz mehr Geld zu erwirtschaften.

Hoffnung auf die große Reichweite

„Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor“, erklärt der BDZV. Auf diese Reichweite hoffen die Verleger. Als Chancen nennt der Verband das Digitalgeschäft, aber auch neue Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung oder Veranstaltungsmanagement. Allerdings haben viele Verlage mit diversen Sparrunden das Personal stark ausgedünnt – das erschwert die Umsetzung neuer Ideen.

Bezahlinhalte als Ausweg?

Immer mehr Verlage hoffen, mit Bezahlinhalten den Umsatz steigern zu können. Beim „metered model“, das etwa die „Welt“ verwendet, dürfen die Leser nur eine bestimmte Zahl an Artikeln kostenlos lesen – danach müssen sie ein Abo abschließen. Und die „Bild“ stellt nur einen Teil der Artikel kostenlos ins Netz, andere Beiträge bekommen nur zahlende Kunden zu sehen.

Die finanziellen Schwierigkeiten der Boulevardzeitung mit einer verkauften Auflage von rund 100 000 Exemplaren waren waren seit längerem bekannt. In München buhlen gleich mehrere Boulevardzeitungen um die Gunst der Leser: neben der AZ auch die „tz“, die zur Ippen-Gruppe gehört, und die „Bild“-Zeitung mit eigenem Regionalteil. Zum Verlag Die Abendzeitung gehörte früher auch die „Abendzeitung Nürnberg“, die 2010 vom Telefonbuch-Verleger Gunther Oschmann gekauft wurde und 2012 nach 93 Jahren eingestellt wurde.

Die Zeitungslandschaft in Deutschland hatte zuletzt einige Hiobsbotschaften mit Schließungen, Arbeitsplatzabbau oder Umstrukturierungen zu verkraften. 2012 meldete Anfang November die traditionsreiche „Frankfurter Rundschau“ („FR“) Insolvenz an. Wenig später erschien die angesehene, aber chronisch defizitäre „Financial Times Deutschland“ („FTD“) letztmals. Die „FR“ wurde schließlich von der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ GmbH („FAZ“) und der Frankfurter Societät GmbH übernommen.

Kommentare (4)

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05.03.2014, 16:25 Uhr

Wieder ein Schmöker, der der total sperrigen PC zum Opfer gefallen ist. Und weitere werden folgen - und das ist gut so!

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05.03.2014, 18:06 Uhr

schade, manchmals moechte man auch was ganz "gewoehnliches" lessen.

Account gelöscht!

05.03.2014, 18:08 Uhr

ich will die klarnamendatei aus der insolvenzmasse

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