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15.12.2014

08:56 Uhr

Windows XP im Bundestag

Teure Technik aus der Vergangenheit

VonChristof Kerkmann

ExklusivEs ist eine Einladung für Hacker und Spione: Auf vielen Computern im Bundestag läuft noch das Uralt-Betriebssystem Windows XP. Der nötige Extra-Schutz kostet fast 120.000 Euro – eine vermeidbare Ausgabe von Steuern.

Windows XP kam 2001 auf den Markt – im Bundestag läuft das Uralt-Betriebssystem noch auf etlichen Rechnern. dpa

Windows XP kam 2001 auf den Markt – im Bundestag läuft das Uralt-Betriebssystem noch auf etlichen Rechnern.

DüsseldorfWährend die deutsche Politik derzeit über die digitale Zukunft des Landes diskutiert, läuft im Bundestag noch Technik aus der Vergangenheit: Auf den Rechnern etlicher Abgeordneter und Verwaltungsmitarbeiter ist das Betriebssystem Windows XP installiert. Das brachte Hersteller Microsoft 2001 auf den Markt – damals war Gerhard Schröder Bundeskanzler.

Die Steuerzahler kommt diese Rückständigkeit teuer zu stehen. Weil Microsoft seit April keine Updates mehr für das System veröffentlicht, hat die Bundestagsverwaltung einen Zusatzvertrag mit dem Software-Hersteller abgeschlossen. Er soll gewährleisten, dass die Rechner weiter einwandfrei laufen und keine Sicherheitslücken aufreißen. Die Kosten dafür belaufen sich voraussichtlich auf 100.000 Euro plus 19 Prozent Steuern, wie die Behörde nun auf Anfrage des Handelsblatts mitteilt.

Diese Ausgabe hätte sich leicht vermeiden lassen: Schon 2007 kündigte Microsoft an, im Frühjahr 2014 die Produktpflege einzustellen. Es wäre also genug Zeit für die Umstellung auf ein neues Betriebssystem gewesen, im Fachjargon Migration genannt. Rund 7300 Computer sind in den Büros der Bundestagsabgeordneten und den Verwaltungsmitarbeitern im Einsatz, auf wie vielen davon noch XP läuft, schlüsselt die Behörde nicht im Detail auf.

Bei der Migration geht es nur am Rande um neue Funktionen, im Mittelpunkt steht die IT-Sicherheit: Microsoft schließt mit dem Support-Ende keine Schwachstellen mehr, die selbst 13 Jahre nach der Veröffentlichung des Systems noch auftauchen. Wer sie offen lässt, macht es Kriminellen und Spionen leicht: Ein Großteil der erfolgreichen IT-Angriffe führt über Fehler im Betriebssystem oder in Programmen wie Word, Adobe Reader und dem Browser.

Alles rund um Windows XP

System mit langem Leben

Windows XP ist langlebig: Microsoft brachte es im Herbst 2001 auf den Markt. Den Verkauf stoppte der Hersteller erst 2008, billige Notebooks mit dem System gab es sogar noch länger. Weltweit läuft es noch auf 14 Prozent der Computer, in Deutschland liegt der Marktanteil im einstelligen Bereich.

Stabiler und einfacher

Microsoft gelang mit Windows XP ein großer Schritt nach vorne: Der Software-Riese gestaltete sein wichtigstes Produkt stabiler und benutzerfreundlicher. Im Nachhinein führte er außerdem mit Hilfe von Service Packs wichtige neue Funktionen wie eine Firewall ein, die das System verbesserten.

Ende nach fast 13 Jahren

Am 8. April 2014 stellt Microsoft endgültig den Support ein. Das bedeutet, dass der Hersteller keinen Kundendienst mehr bietet, aber auch Sicherheitslücken nicht mehr schließt. Gerade das ist für Anwender gefährlich. Gewerbliche Kunden können gegen Aufpreis einen Zusatzvertrag abschließen, um Schwachstellen noch zu schließen.

Einsatz in Fabriken und Geldautomaten

Windows XP und eine modifizierte Variante des Betriebssystems kommen nicht nur auf Computern zum Einsatz, sondern etwa auch in Fabriken und Geldautomaten. Die Umstellung betrifft also weit mehr Firmen, als man auf den ersten Blick denken mag.

Zeit für die Umstellung

Microsoft rät zur Umstellung von Windows XP auf eine moderne Variante seines Betriebssystems – natürlich nicht ganz uneigennützig. Doch auch unabhängige Experten raten dringend von XP ab, etwa das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Als Alternativen empfiehlt die Behörde entweder ein aktuelles Windows oder Linux; wer auf Apple aufsteigen will, kann auch einen Rechner mit Mac OS kaufen.

Die Gefahr ist konkret. Schon wenige Wochen nach Ende des Supports nutzten kriminelle Hacker eine Sicherheitslücke aus, die Microsoft indes noch schloss. Acht Monate später dürfte sich die Situation verschärft haben. „Weil das System nicht mehr gepflegt wird, können Angreifer die Schwachstellen langfristig ausnutzen“, sagt Norbert Pohlmann vom Institut für Internetsicherheit an der Westfälischen Hochschule. Er warnt: Kriminelle könnten Rechner mit XP ohne großen Aufwand übernehmen und beispielsweise für Cyberangriffe missbrauchen – eine „Gefährdung für die Gesellschaft insgesamt“.

Gewerblichen Kunden bietet Microsoft weiterhin Schutz und schließt Sicherheitslücken, aber nur gegen Aufpreis. Auch die Bundestagsverwaltung hat einen sogenannten Custom-Supportvertrag mit Microsoft abgeschlossen, „zur Gewährleistung der vollständigen Funktionsfähigkeit“ der noch nicht umgestellten Computer, wie die Verwaltung mitteilt. Wenn voraussichtlich Ende Januar der letzte Arbeitsplatz umgerüstet ist, summieren sich die Kosten auf rund 119.000 Euro inklusive Mehrwertsteuer.

Ganz freiwillig rückte die Behörde mit diesen Informationen nicht raus: Noch im Frühjahr erklärte sie auf Anfrage des Handelsblatts, der Deutsche Bundestag gebe „grundsätzlich keine konkreten Auskünfte zu IT-Sicherheitsmaßnahmen“, die Höhe zusätzlicher Kosten sei nicht abzuschätzen. Eine Anfrage auf Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) beantwortete sie nun konkreter.

Im Vergleich zu anderen Fällen von Steuerverschwendung nimmt sich die Summe nicht besonders hoch aus. Peinlich ist sie dennoch: Mit dem IT-Sicherheitsgesetz will die Politik Betreiber kritischer Infrastrukturen verpflichten, ihre Systeme zu schützen – während viele Mitarbeiter des Parlaments, das die Regeln beschließen muss, noch höchst unsichere Software nutzen. Zudem kommt XP auch in anderen Behörden und Ministerien noch zum Einsatz, so dass sich die Ausgaben summieren dürften. So hatte die Bundeswehr im Mai noch 50.000 Rechner mit dem Uralt-System im Betrieb.

Die Bundestagsverwaltung äußert sich nicht zu den Gründen für die verzögerte Einführung, doch sie dürften ähnlich gelagert sein wie in vielen Firmen. Wer ein neues Betriebssystem einführt, muss zunächst in neue Software, oft auch in neue Hardware investieren. Hinzu kommen die Ausgaben für die Systemumstellung – gerade wenn maßgeschneiderte Programme zum Einsatz kommen, die erst angepasst werden müssen.

Das Problem betrifft indes nicht nur das deutsche Parlament. „Die Großunternehmen haben alle längst von Windows XP umgestellt, aber neben den Privatleuten bereiten uns die kleineren Firmen weiterhin Sorgen“, sagt Oliver Gürtler, der bei Microsoft Deutschland die Windows-Sparte leitet. Auch etliche Behörden brauchten länger, etwa das Land Berlin. Weltweit kommt Windows XP noch auf knapp 14 Prozent aller PCs zum Einsatz, in Deutschland sind es noch gut 6 Prozent. Ein Gutteil dürfte erst gar keinen Zusatzschutz haben – und so vielen Angriffen schutzlos ausgeliefert sein.

Kommentare (5)

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Herr Pom Muc

15.12.2014, 09:41 Uhr

Der Autor sollte genug Sachverstand haben um zu verstehen dass Microsoft für die 100.000 € die Sicherheitslücken schließt. Die Migration auf ein neues Betriebssystem das man anscheinend funktional nicht benötigt wäre teurer.
Außerdem verlangt ein aktuelles Betriebssystem auch aktuelle Hardware und Peripherie.

Wieviel zahlt M$ für diesen Artikel?

Herr Christof Kerkmann

15.12.2014, 09:47 Uhr

Ob man will oder nicht: Die Migration ist unweigerlich nötig. Insofern ist es auch eine Verschwendung von Steuern, wenn man die Umstellung so lange aufschiebt, dass man einen Zusatz-Supportvertrag abschließen muss.

Christof Kerkmann, Handelsblatt

Herr Pom Muc

15.12.2014, 09:56 Uhr

@ Christof Kerkmann

Eine einfache Rechnung. Entweder 13€ pro Rechner zum Schließen von Sicherheitslücken in ein getestetes System das anscheinend die Nutzerbedürfnisse befriedigt oder Investition in neue Software. Neue Hardware. Schulungen. Umstellung der Server und Peripherie. Tests welche Hintertüren in Windows 7 oder 8 eingebaut wurden...

Einfach mal ein paar Jahre in der Industrie arbeiten. Businesspläne erstellen. Dort wo eine 1 immer für eine Million Euro steht. Und dann reden wir weiter!

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